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Schlomo Staszewski Aids-Professor geehrt

Im Jahr 2003 wurde er von der Goethe-Universität auf den ersten und einzigen Lehrstuhl für HIV-Medizin berufen: Nun erhält der 63-jährige Schlomo Staszewski das Bundesverdienstkreuz.

Ein nachdenklicher Blick von Schlomo Staszewski. Foto: Alex Kraus

Seine Biografie liest sich wie die Geschichte der Aids-Forschung. Immer wieder war Schlomo Staszewski an den Fortschritten beteiligt, die es heute ermöglichen, dass die Lebenserwartung HIV-infizierter Menschen der von gesunden Menschen gleicht. Im Jahr 2003 wurde er von der Goethe-Universität auf den ersten und einzigen Lehrstuhl für HIV-Medizin berufen. Am Freitag wurde dem 63-Jährigen im Limpurgsaal des Frankfurter Römer von Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen – endlich, wie viele aus der schwul-lesbischen Szene sagen.

Früher starben die Infizierten sehr schnell

„Nie hat er einen Menschen aufgegeben, immer nach neuen Strategien geguckt“ und dabei „um die Ecke gedacht“, wie es Laudator Jürgen Rockstroh, der Präsident der Deutschen Aids-Gesellschaft, formulierte. Immer wieder versuchte Staszewski mit seinem Team im legendären Haus 68, Medikamente mit weniger Nebenwirkungen zu entwickeln und auch den Patienten zu helfen, die auf die eine oder andere Substanz nicht mehr reagierten.

Staszewski, der zunächst Philosophie studiert hatte und in der Studentenbewegung aktiv war, promovierte bei Wolfgang Stille, der 1982 zum ersten Mal in Deutschland die Diagnose Aids stellte. Damals starben infizierte Menschen, darunter viele junge Männer, meistens sehr schnell. „Das war schrecklich für Schlomo als jungen Arzt“, beschrieb Rockstroh die Situation. Damals soll Staszewski gesagt haben: „Entweder wir schaffen es, eine Therapie zu entwickeln, oder ich höre auf.“

Er baute eine weltweit vorbildliche Studien-Ambulanz auf, Forschung und die Behandlung waren untrennbar miteinander verknüpft. Er engagierte sich für Projekte in Lesoto und in der Ukraine. „Wir haben die moralische Verpflichtung, unser Wissen und unsere Erfahrung an die weiterzugeben, die in einer weniger glücklichen Ausgangssituation sind als wir“, war seine Überzeugung.

Nicht immer nur kämpfte er für andere. Nach einem Herzstillstand und einer langen Zeit im Koma musste er das Leben zurückerobern: „Mein Wissen befindet sich in einem imaginären Container. Es ist noch alles da, ich muss nur eine Strategie finden, wie ich den Container leeren kann. Vor fünf Monaten konnte ich noch nicht einmal den Namen meiner Familienmitglieder nennen. Heute kann ich mich wieder an meine medizinischen Fähigkeiten und auch an die Namen der Medikamente erinnern, die ich mitgeholfen habe zu entwickeln ... Ich wollte Dir nur schreiben und sagen, ich habe nicht aufgegeben“, schrieb er an einen guten Freund und Kollegen.

Ein „zurückhaltender, bescheidener und liebevoller“ Mensch

Inzwischen sei es wieder „der alte Schlomo“, versicherte eine Bekannte – nur, dass er etwas langsamer spreche. Am Freitag erschien Staszewski, der jetzt in seiner Geburtsstadt Tel Aviv lebt, mit seiner Familie: Mutter, Ehefrau und den Kindern.
OB Feldmann würdigte ihn als einen „zurückhaltenden, bescheidenen und liebevollen“ Menschen. Die Stadt könne stolz auf die bahnbrechenden Fortschritte in Forschung und Therapie bei HIV und Aids sein, bei denen Staszewski eine „zentrale Rolle gespielt“ habe. Feldmann erinnerte an die Ängste und Sorgen, die Aids in den Anfängen ausgelöst habe. Als Feldmann dem Geehrten das rote Verdienstkreuz ans Revers heftete, wirkte dieser einen kurzen Moment nachdenklich. Doch dann blitzten und leuchteten seine so wachen und freundlichen braunen Augen.

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