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Schauspiel Profis geben Auskunft

Ein Theater im Hauptbahnhof zeigt die fließenden Übergänge zwischen Gut und Böse, dabei ist nicht alles so wie es scheint.

Uli Höhmann (l.) und Saskia Taeger im Casino am Gleis 24. Foto: Boeckheler

Rotkäppchen steht auf Gleis 24 im Hauptbahnhof, hält Passanten ein Mikrofon hin und fragt sie: „Sind Sie gut oder böse?“ Der erste, der nicht achtlos vorbeigeht, sagt: „Böse.“ Rotkäppchen entgegnet: „Sie machen mir Angst.“ Doch auch wenn jemand sich selbst gut nennt, antwortet Rotkäppchen gleich. Gut oder böse? Einer sagt: „Das kommt auf die Tagesform an.“

Während Rotkäppchen ihre Frage stellt, schauen durch die Fensterfront im Casino der Deutschen Bahn Menschen zu, das Publikum der Theaterperformance „Gut und Böse. Eine Stadt fragt ihre Profis“ von Regina Wenig. Der Hauptbahnhof ist die Kulisse für ein Stück, dessen Text sich aus Interviews zusammensetzt. Rund 30 Gespräche mit Tätern, Opfern, Polizisten, Mönchen, Star Wars-Fans hat Wenig geführt, auch ein Imam ist dabei. Die Texte tragen zwei Schauspielerinnen und ein Sprecher vor. Welche Rolle gerade spricht, erfährt man bloß aus dem Kontext: Saskia Taeger nimmt vor allem die Rolle des Täters ein, der seine eigenen Werdegang vom vernachlässigten Kind bis zum Dieb und Räuber schildert. Der Wandel wird verdeutlicht mit dem Wechsel der Kostüme: aus dem Kaninchen wird irgendwann ein Wolf, schließlich – vor Gericht – ein Mensch in einem Overall, der sich seine Kapuze übers Gesicht zieht, ein Niemand.

Der Radiosprecher Uli Höhmann mimt den Polizisten, der offenbart, etwas Gutes tun zu wollen und behauptet, die stärkste Waffe eines Polizisten sei sein Wort. Und während er bekennt, noch nie seine Dienstwaffe benutzt zu haben, ziehen – zufällig, aber wie bestellt – echte Polizisten am Schaufenster vorbei, mit der genannten P30 von Heckler und Koch am Gurt.

Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen, wenn auch andere zu Wort kommen, wie etwa ein Fotograf, der die Hell’s Angels porträtiert. Er erzählt von einem, der mit Gewalt Schulden eintreibt, aber wahrscheinlich jemandem helfen würde, der blutend am Straßenrand liegt.

Aus religiöser Sicht kommen verschiedene Antworten: für den Islam ist der Teufel wie Wurzel des Bösen, für den Buddhismus liegt sie in der Unwissenheit und Ich-Fixierung, der Sprecher des Christentums verweigert sich einer Definition des Bösen – man könne nur das Gute definieren und das Böse sei lediglich ein Mangel daran, sagt er. Wenn ein Opfer davon erzählt, wie willkürlich ihm furchtbare Gewalt angetan wurde, wenn ein Polizist einer Mutter in tiefer Nacht erklären muss, dass ihr Sohn tot ist, dann wirken solche Erklärungsversuche wertlos. Von solchen Gegenüberstellungen lebt die Performance.

Regina Wenig inszeniert diese Sprechcollage mit wenigen Mitteln. Einzig ein paar Kostüme und wenige Requisiten wie eine sprechende Star Wars-Figur kommen zum Einsatz, etwa um den Konflikt zwischen Gut und Böse anhand des Beispiels von Luke Skywalker und Darth Vader zu illustrieren – denn auch da ist die Grenze unscharf gezogen. Begleitet werden die Schauspieler von Martin Lejeune, dessen Musik, eine Mischung aus Gitarre und elektronischen Beats, die Performance verstörend untermalt. Und wer keinen Platz im Glaskasten des Casinos bekommt, kann sich davor mit Kopfhörern an der Darstellung teilhaben.

„Gut und Böse“ ist der letzte Teil einer Trilogie. Auch die ersten beiden Projekte „los heimat los/Worte auf der Flucht“ (2013) und „Asking Rhein Main. Eine theatrale Reise“ (2014) spielten am Hauptbahnhof.

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