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Schauspiel Frankfurt „Ich bin als Vaterlandsverräter bekannt“

Der deutsch-türkische Schriftsteller Dogan Akhanli übt bei einer Diskussion der Bildungsstätte Anne Frank im Schauspiel Frankfurt Kritik am türkischen Präsidenten Erdogan.

Diskussionsveranstaltung
Über Erdogan diskutieren im Schauspiel Dogan Akhanli, Jeanette Ehrmann, Moderatorin Deborah Krieg und Yasemin Ergin. Foto: Monika Müller

Nachdenklich, aber auch in sich ruhend wirkt Dogan Akhanli. „Ich bin als Vaterlandsverräter bekannt, und die türkischen Medien glauben das“, berichtet der deutsch-türkische Schriftsteller. „Dabei bin ich nicht mal türkischer Bürger, wie kann ich da ein Vaterlandsverräter sein?“, fragt sich der 60-Jährige, dem 1998 die türkische Staatsbürgerschaft aberkannt wurde.

Rund 120 Gäste lauschten den Worten Akhanlis bei einer Podiumsdiskussion, zu der die Bildungsstätte Anne Frank am Sonntagvormittag ins Schauspiel Frankfurt eingeladen hatte. Sein Fall dürfte vergangenes Jahr neben dem deutschen Journalisten Deniz Yücel, der seit elf Monaten ohne Anklage in der Türkei inhaftiert ist, für die größte Aufmerksamkeit gesorgt haben: Durch ein türkisches Auslieferungsersuchen via Interpol wurde der Schriftsteller in Spanien verhaftet, nach zweimonatigem politischem Tauziehen durfte er nach Deutschland zurückkehren. Kaum gelandet, wurde er von einem mutmaßlichen Anhänger des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan bedroht.

Erdogan: „Vom Reformer zum Despoten“

Gemeinsam mit den weiteren Teilnehmern blickt Dogan Akhanli auf die Spaltung der in Deutschland lebenden Türken in Anhänger und Gegner Erdogans. „Man kann mit AKP-Anhängern nicht diskutieren“, sagt etwa NDR-Korrespondentin Yasemin Ergin frustriert. Die Argumente seien stets die gleichen: „Wissen Sie, wie es in der Türkei vor 20 Jahren ohne vernünftige medizinische Versorgung aussah?“ Nach dem Wahlsieg 2002 der „Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung“ von Erdogan galt dieser als Reformer. „Aber er hat sich zu einem Despoten gewandelt“, betont Dogan Akhanli.

Viele Türkischstämmige sähen sich hierzulande ausgegrenzt. Dogan Akhanli hofft jedoch, „dass in Deutschland aufgewachsene türkische Jugendliche hier eine andere Sicht gelernt haben“. Nach Erdogans früheren Auftritten in Köln hätten aber viele Einwanderer gedacht: „Endlich jemand, der unsere Rechte verteidigt.“

Während Journalistin Yasemin Ergin – eine gute Freundin des inhaftierten Deniz Yücel – stets mit gemischten Gefühlen in die Türkei reist, sieht die Gießener Politologin Jeanette Ehrmann auch die wissenschaftliche Freiheit in Gefahr: Die Enkelin eines armenischen Völkermord-Überlebenden verweist auf die jüngst vermuteten 6000 Mitarbeiter des türkischen Geheimdienstes, die in Deutschland auch türkische Akademiker überwachen und einschüchtern würden.

Ehrmann kritisiert ebenso „schmutzige Abkommen“ zu Flüchtlingen und deutschen Waffenlieferungen in die Türkei. Zudem nehme die deutsche Leitkultur Migrantengemeinschaften nur als „kulturell Andere“ wahr. „Dabei müssen die demokratischen Kräfte in diesen Communities viel mehr unterstützt wer-den.“

Angesichts inhaftierter Journalisten und politischer Gefangener in der Türkei betont Dogan Akhanli aus eigener Erfahrung die Wichtigkeit von Solidarität und öffentlicher Aufmerksamkeit: „Die türkischen Behörden erkennen dann, wie viele Menschen Bescheid wissen.“ Er selbst verbrachte drei Jahre in türkischen Gefängnissen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Türkei

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