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Sankt Georgen Zu liberal für den Vatikan

Positive Aussagen zu Homosexualität und zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare haben den Rektor der Theologisch-Philosophischen Hochschule in Frankfurt, Ansgar Wucherpfennig, das Amt gekostet.

St. Georgen
Bitte keine Unordnung: Raum im Priesterseminar St. Georgen. Foto: Peter Jülich

Positive Aussagen zu Homosexualität und zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare haben den Rektor der Theologisch-Philosophischen Hochschule Sankt Georgen, Ansgar Wucherpfennig, sein Amt gekostet. Wie die FR erfahren hat, informierte Wucherpfennig die Hochschulkonferenz Ende September über ein Schreiben der römischen Bildungskongregation an den Generaloberen des Jesuitenordens. Darin verweigert die Vatikan-Behörde dem Geistlichen das „Nihil obstat“, die Unbedenklichkeitserklärung“. Und sie verlangt einen öffentlichen Widerruf seiner Positionen. Wucherpfennig war im Februar für eine dritte zweijährige Amtszeit mit großer Mehrheit wiedergewählt worden.

In einem Interview der „Frankfurter Neuen Presse“ hatte der Jesuitenpater, der Professor für Neues Testament ist, im Jahr 2016 die biblischen Verurteilungen der Homosexualität als „tiefsitzende, zum Teil missverständlich formulierte Stellen“ bezeichnet. Homosexuelle Beziehungen in der Antike seien starke Abhängigkeits- und Unterwürfigkeitsverhältnisse gewesen. Dagegen hätten sich neutestamentliche Autoren wie der Apostel Paulus gestellt. „Liebe sollte eine egalitäre, freie Beziehung sein, keine mit Gefälle. Das wollte Paulus eigentlich sagen.“

Anerkennung gleichgeschlechtlicher Liebe 

In diesem Sinn sprach sich Wucherpfennig, der im katholischen Stadtdekanat Frankfurt auch als Homosexuellen-Seelsorger wirkt, für eine stärkere kirchliche Anerkennung von gleichgeschlechtlich Liebenden aus. „Wir können das nicht verantworten, dass wir Menschen, für die die Homosexualität zur Identität gehört, von der Kirche ausschließen. Wir sind keine Disziplinaranstalt.“

In konservativen Kreisen und auf pseudokatholischen Internetforen zog Wucherpfennig damit heftige Kritik auf sich. Ihm wurde vorgeworfen, das katholische Lehramt zu ignorieren und mit dem „deutschen Progressismus“ einen „Sonderweg“ einzuschlagen. Sein Interview landete auf unbekannten Wegen bei der Glaubenskongregation in Rom. Beanstandet wurden dort auch Äußerungen Wucherpfennigs zur Diskussion über das Frauendiakonat und Frauen in den geistlichen Ämtern. Das „Nihil obstat“ für katholische Hochschullehrer in leitender Position setzt die Zustimmung der Glaubenskongregation voraus.

Auf Anfrage bestätigte Wucherpfennig die Verweigerung des „Nihil obstat“. Sein direkter Vorgesetzter, Provinzial Johannes Siebner SJ, habe ihn Ende Juni davon unterrichtet. Siebner sagte der FR, er stehe „uneingeschränkt“ hinter Wucherpfennig. In einem Antwortschreiben habe er sich umgehend „befremdet“ über das römische Vorgehen gezeigt. „An Pater Wucherpfennigs Expertise, seiner Loyalität und damit auch an seiner Eignung für das Rektorenamt bestehen für mich nicht die geringsten Zweifel.“

In einer schriftlichen Stellungnahme an den Vatikan warb Wucherpfennig um Verständnis für seine Erkenntnis als Seelsorger, „dass die scharfe Ablehnung gleichgeschlechtlich Liebender sehr verletzend für die Betroffenen ist, die oft mitten aus dem katholischen Milieu kommen und sich ihrer Kirche tief verbunden fühlen“. Der Aufforderung zum Widerruf will der 52-Jährige nicht nachkommen. „Nicht gegen meine Überzeugungen“, sagte Wucherpfennig. „Ich halte die Einwände Roms für ein Missverständnis von Aussagen, mit denen ich ganz und gar auf dem Boden der katholischen Lehre stehe. Deshalb hoffe ich, dass mir das ‚Nihil obstat‘ doch noch erteilt wird.“ 

„Alles soll unter der Decke gehalten werden“

Ohne die römische Zustimmung darf Wucherpfennig das Rektorenamt seit dem 1. Oktober nicht ausüben. Die Hochschule wird daher derzeit kommissarisch von Prorektor Thomas Meckel geleitet. Auf eine vorläufige Ernennung Wucherpfennigs bis zur Klärung der strittigen Fragen, wie Siebner sie nach FR-Informationen anstrebte, wollte Rom sich nicht einlassen. Insider sprachen von einer „Galgenfrist“ bis zum Vorlesungsbeginn in Sankt Georgen am 15. Oktober. Siebner sagte dazu, auch er hoffe immer noch auf ein Einlenken Roms „in einem Streit über zwei Jahre alte Aussagen, die in der Sache heute auch vom Papst selber kommen könnten“.

Ein mit dem Vorgang Vertrauter sagte, es handele sich um einen typischen Fall von kirchlichem Autoritätsgehabe und intransparenter Machtausübung: „Alles soll unter der Decke gehalten werden. Die Römer denken, ein interner Zirkel deichselt da etwas mit dem anderen – über den Betroffenen hinweg. Die Furcht vor öffentlichem Aufsehen soll zum Schweigen führen.“ Dies seien „genau die Strukturen, deren fatale Folgen wir auch im Missbrauchsskandal sehen, und das zeigt: Es geht einfach so weiter.“ Die Kirchenleitung habe offenkundig „immer noch nicht den Schuss gehört“.

Der Frankfurter Stadtdekan, Johannes zu Eltz, reagierte verärgert. „Ansgar Wucherpfennig ist ein lauterer Priester und ein unbestechlicher Wissenschaftler. Die Infragestellung seiner Integrität und seine völlig ungerechtfertigte Bestrafung schmerzen mich“, sagte er der FR. Zudem verletze Rom „ohne Sinn und Verstand“ das „sonst zu jedem Kirchenfenster hinausgepredigte Subsidiaritätsprinzip“. Sowohl die Ordensleitung der Jesuiten als auch der für Sankt Georgen zuständige Bischof von Limburg, Georg Bätzing, hätten Wucherpfennigs Wiederwahl zugestimmt. Deren Rechte seien von Rom umstandslos übergangen worden.

„Wie dumm geht es denn eigentlich noch?“, so zu Eltz, der seine Kritik an der römischen Entscheidung mit der Hoffnung auf späte Einsicht und Korrektur verband.

Nach Ansicht des Münsteraner Kirchenrechtlers Thomas Schüller lässt der Konflikt für die gesamte katholische Bildungslandschaft Schlimmes befürchten. „Die Befugnisse des Vatikans bei der Besetzung von Leitungsämtern in katholischen Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen, von Papst Franziskus gerade erst noch einmal erweitert, haben einen so untadeligen Wissenschaftler wie Ansgar Wucherpfennig in die römischen Mühlen geraten lassen“, so Schüller.

In Kirchenkreisen erregt zudem besonders der Umstand Unmut, dass in Rom ein österreichischer Geistlicher aus der Gemeinschaft „Das Werk“ mit Wucherpfennigs Fall betraut ist. Ein zweiter Angehöriger der obskuren Gruppe, der deutsche Pater Hermann G., arbeitet in der Glaubenskongregation. Nach eingestandenen sexuellen Übergriffen G.s beließen es dessen Vorgesetzte bei einer „Ermahnung wegen unklugen Verhaltens“. Da G. schwerpunktmäßig für Vorgänge aus dem deutschsprachigen Raum zuständig ist, gilt es als wahrscheinlich, dass er auch in die Maßregelung Wucherpfennigs involviert ist.

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