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Sanierung Kampf um die Leonhardskirche

2005 begann die Sanierung von Frankfurts ältester Innenstadtkirche, ein Ende ist nicht in Sicht: Die Stadt kämpft mit viel Geld und hohem Aufwand um die fast 800 Jahre alte Leonhardskirche.

Kirche St. Leonhard
Aufwändige Sanierung: Die Frankfurter St. Leonhardkirche. Foto: Peter Jülich

Die alte Holztür öffnet sich knarrend nach innen. Der Blick wird frei auf ein verwirrendes Geflecht von Gerüsten, Stützbalken, Leitern, Planken. Der Innenraum der Leonhardskirche ist kaum zu erfassen. Von irgendwoher ertönen Hammerschläge, von oben kommt Musik, offenbar haben Arbeiter ein Kofferradio dabei. 2005 begann die Sanierung von Frankfurts ältester Innenstadtkirche. Wie lange sie noch dauert, weiß niemand. Was sie kosten wird, auch nicht. Und genau das ist das Problem.

Hans-Jürgen Pritzl klettert behende über eine schmale Leiter von der Eingangstür nach unten. Der Chef des städtischen Hochbauamtes ist so oft hier gewesen, dass er jeden Meter zu kennen scheint. Pritzl weiß: Von den 2061 Gebäuden, die das Amt betreut, ist dieses fast 800 Jahre alte vielleicht das sensibelste. Viele Emotionen sind mit dem denkmalgeschützten Kulturbau verbunden. Als der katholische Stadtdekan Johannes zu Eltz erfuhr, dass sich die Sanierung weiter verzögert, schlug er sofort Alarm. Pritzl ist auf Einladung der Frankfurter Rundschau auf der Baustelle erschienen, um die Wogen zu glätten. 

„In 800 Jahren ist hier noch nie saniert worden“, sagt er schlicht. Die uralten, aus Naturstein gesetzten Mauern und Deckengewölbe haben sich in dieser Zeit bewegt. „Der Untergrund ist hier sehr weich, er besteht aus Lehm und Ablagerungen des nahen Flusses.“ Wir stehen in der Vorhalle, aber weit unter dem früheren Fußbodenniveau. Um bis zu zwei Meter ist es abgesenkt worden, um den gesamten Bau mit einer großen Betonplatte zu stabilisieren. 70 Skelette wurden aus freigelegten Patriziergräbern geborgen. Mit einer großen unterirdischen Wanne soll die Kirche künftig vor dem Hochwasser des Mains geschützt werden. Eine neue Heizung wurde bereits installiert.

Doch die Risse in Mauern und Gewölben sind nicht zu übersehen. „Zwischen Vorhalle und Mittelschiff sind es 18 Zentimeter“, sagt Pritzl betont sachlich. Insbesondere der Nordteil der Kirche ist in Bewegung geraten und hat sich zusätzlich abgesenkt.

Am heutigen Donnerstag wollen die Fachleute der Stadt und der beteiligten Spezialfirmen beraten, was zu tun ist, um eine weitere Wanderung des Kirchenbaus zu stoppen. „Wir könnten eine Umfassungsmauer in der Erde bauen“, sagt der Architekt und Ingenieur Pritzl. Allerdings müssten dazu wahrscheinlich die Linden vor der Kirche fallen, weil ihr Wurzelwerk beeinträchtigt würde. Das wiederum gefiele dem Umweltdezernat sicherlich gar nicht. Pritzl seufzt.

Zehn Spezialisten von zwei Firmen ringen derzeit im Lichtschein von Lampen um das Gemäuer und den mittelalterlichen Putz. Mit ganz feinen Instrumenten wird ausgebessert und ergänzt. Die alten Farben sollen wieder glänzen.

Es sind einmalige Chancen, die sich hier bieten, denn wie durch ein Wunder ist die Leonhardskirche bei den schweren Bombenangriffen des Zweiten Weltkrieges fast unzerstört geblieben. Wir klettern über schwankende Leitern und schmale Bohlen ganz nach oben, unter die Gewölbedecke der Kirche. Vielfarbige Wappen sind hier zu sehen. Jede Patrizierfamilie, die sich seinerzeit am Bau des Gotteshauses finanziell beteiligt hat, durfte sich hier verewigen.

Viel Zeit bleibt nicht mehr

Von draußen ist das Prasseln des Regens zu hören, das immer stärker wird. Drinnen riecht es intensiv nach Mörtel und Farbe. Amtsleiter Pritzl ist überzeugt: „Die Statik der Kirche kann geheilt werden.“ Viel Zeit bleibt allerdings nicht mehr, in zwei Jahren steht der 800. Geburtstag der Kirche ins Haus. „Bis Ende nächsten Jahres müssen wir es schaffen“, sagt der 65-jährige Beamte plötzlich in beschwörendem Ton.

Dieser intensive Kampf um die Rettung eines alten Gotteshauses hat natürlich seinen Preis. Im Jahresbericht 2016 des städtischen Hochbauamts sind die Gesamtkosten der Sanierung noch mit 9,2 Millionen Euro angegeben. Pritzl lacht dieses kurze Lachen, mit dem er stets offensichtliche Tatsachen zu kommentieren pflegt. „Die Kosten müssen wir natürlich anpassen“, sagt er dann.

Wir hangeln uns über die Leitern langsam zurück aus der Höhe in Richtung Fußboden. Der Amtsleiter tritt in gesetzten Worten dem Vorwurf des Stadtdekans entgegen, das Hochbauamt habe Fehler gemacht. „Natürlich haben wir die Risse gesehen.“ So sei das immer. Erst erkenne man eine feine Struktur im Putz. Und wenn man den dann abklopfe, „wird der Riss plötzlich groß“. 

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