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Salafismus Auf der Spur der Salafisten

Die HR-Filmemacher Peter Gerhardt und Ilyas Meç über einen in Syrien getöteten 16-Jährigen Frankfurter und die salafistische Szene im Rhein-Main-Gebiet.

Ilyas Meç (links) und Peter Gerhardt im HR-Schneidestudio. Auf dem Bildschirm ist ein Foto von Enes zu sehen. Foto: peter-juelich.com

Die grauenvollen Bilder kamen über Facebook. Im Dezember vergangenen Jahres tauchten auf den Profilen verschiedener Dschihadisten Fotos auf, die einen jungen Mann mit kindlichem Gesicht und riesigem Gewehr zeigten. Der Jugendliche aus Frankfurt sei als Märtyrer im „Heiligen Krieg“ in Syrien gefallen, er sei jetzt im Paradies, jubelten die Islamisten – allesamt Anhänger der Terrorgruppe „Islamischer Staat“. Kurze Zeit später war es dann überall zu lesen, auch in der Frankfurter Rundschau: Enes, ein 16-jähriger Schüler aus Bockenheim, war als Kämpfer nach Syrien gegangen und dort erschossen worden. Die beiden Filmemacher Peter Gerhardt und Ilyas Meç haben mit ihrem Kamerateam vom Hessischen Rundfunk versucht herauszufinden, wie es so weit kommen konnte. Ihr Film „Sterben für Allah? Der Weg deutscher Gotteskrieger nach Syrien“ lief am Montag in der ARD und wird im September im HR-Fernsehen gezeigt.

Herr Gerhardt, Herr Meç, Sie haben sich nach Enes’ Tod auf eine lange Spurensuche begeben. Was war er für ein Junge?
Ilyas Meç: Man kann sich da nur auf die Aussagen der Bekannten, Lehrer und Nachbarn stützen. Enes war ein Mädchenschwarm, die Mädels, die ihn kannten, fanden ihn richtig nett, bis er mit 15 angefangen hat, sich zu verändern. In der Schule war er nicht der beste Schüler, aber jemand, der meinungsstark war und im Unterricht mitgemacht hat – und der auch für Späße und Unsinn zu haben war. Eigentlich war Enes das, was man als normalen Schüler bezeichnen würde.

Ab 2012 ist Enes immer stärker in die Salafistenszene abgerutscht. Wie kam es dazu?
Meç: Da gibt es sicherlich mehrere Faktoren. Ich würde davon ausgehen, dass es dieser familiäre Bruch war, dass er in einer Phase, wo er nach Orientierung gesucht hat, keinen gefunden hat, der ihm den Weg weisen konnte. Diese Unterstützung hat er dann in ganz anderen Kreisen gefunden.

Enes war ein Scheidungskind, sein Verhältnis zum Vater war schwierig. Ist das typisch für junge Leute in dieser Szene?
Meç: Es ist in der Tat so, dass der Vater sich entschieden hat, in die Türkei zurückzugehen und die Familie in Frankfurt alleine zu lassen. Aber nicht jedes Scheidungskind läuft Gefahr, in die Hände von Radikalen zu geraten. Enes war schon in der Pubertät religiös geprägt. Auch der Krieg in Syrien, der ihm sehr nahe ging, hat sicherlich eine Rolle gespielt. Enes hatte wohl das Gefühl, dass dort keiner eingreift, während seine Glaubensbrüder sterben. Und in Verbindung mit der Orientierungssuche und einfachen Erklärungen, die er in diesem radikalen Milieu gefunden hat, ist wohl diese Entscheidung gefallen, nach Syrien zu gehen.
Peter Gerhardt: Ich glaube, dass es keine eindimensionalen Erklärungen gibt. Radikalisierung im salafistischen Umfeld läuft genau so ab, wie bei anderen Extremismusformen auch. Da kommen viele Faktoren zusammen. Bei Enes hat, wie bei vielen anderen, die in dieser Szene sind, sicher eine Identitätssuche hier in Deutschland eine Rolle gespielt. Viele Angehörige der dritten, vierten Einwanderergeneration kennen dieses Gefühl, sich nicht zugehörig zu fühlen und nicht anerkannt zu werden. Wenn dann die deutsche Gesellschaft keine Identitätsangebote macht, sind die zurückgeworfen auf die Religion als Identitätsanker. Das muss ja an sich noch nicht schlimm sein, aber wenn dann Radikalisierung dazukommt, Gruppendruck, charismatische Vorbilder, dann kann so etwas schon passieren.

Das engste Umfeld war natürlich schockiert

Ist Enes in dieser Hinsicht ein typischer Fall?
Meç: Ich glaube, es gibt keine typischen Fälle. Oder wenn, dann wäre das eher das Klischee eines Kleinkriminellen, der nicht weiter kommt und sich dann reuig ein neues, religiöses Leben aufbaut – und plötzlich von einer Gruppe als einer der ihren anerkannt wird. Enes ist eigentlich eher ein untypischer Fall.

Enes war in Bockenheim ja ziemlich bekannt. Wie hat sein Umfeld auf seinen Tod reagiert?
Meç: Das engste Umfeld war natürlich schockiert. Und in Bockenheim kannten sie den Enes ja schon als Grundschüler, da waren auch viele betroffen. Auf der anderen Seite: Es gibt in Bockenheim schon eine muslimische Community, man weiß voneinander – aber man geht sich auch oft aus dem Weg.
Gerhardt: Viel wichtiger ist doch die Frage, wie das Umfeld vor der Ausreise nach Syrien reagiert hat. Denn Enes’ Radikalisierung passierte ja nicht unbemerkt, sondern unter den Augen von ganz Vielen. Und da lassen sich schon Parallelen ziehen zu anderen Fällen. Das Umfeld reagiert oft hilflos. An der Schule haben sie es gemerkt, sie haben Projekttage gemacht und so weiter, und sie haben es trotzdem nicht geschafft, ihn zurückzuhalten. Diese Hilflosigkeit ist erschreckend. Und die kommt ja nicht daher, dass Lehrer oder Sozialarbeiter unfähig oder blind sind. Es gibt kein Allheilmittel, wo man genau weiß, was man machen muss, damit sich jemand deradikalisiert.

Sie haben ja auch die Mutter von Enes getroffen, und sie hat offenbar auch gemerkt, dass ihr Sohn sich verändert. Was hat sie getan?
Meç: Da gab es mehrere Entwicklungsphasen. Nachdem er in diese Kreise geraten ist, hat er erst einmal angefangen, Autoritäten zu respektieren und dem Wunsch der Mutter nachzukommen, sich mehr Mühe in der Schule zu geben. Da war die Mutter froh und dachte, er sei auf dem richtigen Weg. Erst später, als er damit anfing ihr zu sagen, ihre Art zu beten sei falsch, als er ständig die Internetbilder über die Leidenden in Syrien angesehen hat, hat sie Verdacht geschöpft. Aber ich glaube, da war es schon zu spät.
Gerhardt: Auch diese Reaktion ist ganz typisch. In anderen Fällen gibt es Kleinkriminelle, die auf einmal von der Straße weg sind und anfangen zu beten. Und dann sind in der Gemeinde alle glücklich und sagen: Wunderbar, lass sie religiös werden! Wenn es dann ein bisschen radikal wird, schaut man erst mal darüber hinweg. Und wenn man merkt, in welche Richtung das alles läuft, ist es zu spät.

Wie haben Sie eigentlich die Mutter dazu bewegt, mit Ihnen zu reden?
Meç: Das war in der Tat nicht ganz einfach. Aber ausschlaggebend war wohl, dass wir sie davon überzeugen konnten, dass es uns nicht um Schuldzuschreibung geht, sondern darum, zu zeigen, wie aus einem normalen Jungen ein radikaler Kämpfer werden konnte. Sie hat sich darauf eingelassen, damit andere Eltern gewarnt sind und rechtzeitig erkennen, wenn ihre Kinder in die Hände falscher Propheten geraten.

In Ihrem Film kommen ja auch andere junge Salafisten vor. Wie reagieren die auf Fernsehjournalisten?
Meç: Da musste ich mir schon einiges anhören. Ein junger Mann, der im Film vorkommt, spulte erst einmal seine Thesen runter nach dem Motto: Die Medien sind scheiße, berichten nur einseitig über den Islam und am Ende bekommt er deswegen Ärger mit dem Verfassungsschutz. Deswegen würde er nie mit den Medien sprechen. Als ich weiter nachgefragt habe, wieso, weshalb, legte er dann aber irgendwann los und war nicht mehr zu halten.
Gerhardt: Es gibt ja bei ganz vielen von denen auch ein Sendungsbewusstsein. Die machen Mission und wollen ihre Überzeugungen in die Öffentlichkeit tragen. Aber man erlebt auch Aggression, wenn man irgendwo in der Nähe von salafistischen Jugendlichen die Kamera aufstellt. Da gibt’s schon Drohungen wie: „Verschwindet hier, sonst gibt’s was auf die Fresse.“

In Hessen wird schon lange intensiv über Salafisten diskutiert, die Landesregierung will jetzt ein Präventionsnetz aufbauen. Wie schätzen Sie denn aktuell die hiesige Szene ein?
Gerhardt: Ich würde sagen, das ist schon eine Szene, die gerade im Aufwind ist. Und sie vertritt radikale Inhalte, die zumindest zum Teil von vielen jungen Muslimen geteilt werden. Das Problem wird uns vermutlich noch eine ganze Weile beschäftigen. Man darf es aber auch nicht zu groß machen: Wir reden über 1200 Personen im Rhein-Main-Gebiet. Das ist viel, aber prozentual gesehen auch nicht überragend viel. Es ist eine Jugendbewegung, aber keine, die mehrheitsfähig ist.

Müssen auch die Moschee-Gemeinden mehr tun?
Meç: Die haben eine Heidenangst, mit diesem Thema überhaupt in Verbindung gebracht zu werden. Die befürchten, dass die Gesellschaft nicht in der Lage ist, zwischen der Mehrheit der Muslime und radikalen Sekten zu differenzieren. Das muss sich auch ändern, die müssen begreifen, dass sie das Problem mit Schweigen nicht in den Griff kriegen werden.

Wie gefährlich ist diese Szene?
Meç: Das hängt ganz davon ab, wie wir als Gesellschaft darauf reagieren. Die symbolische Wiedereröffnung des Jugendhauses Gallus, das wegen Salafisten geschlossen werden musste, war ein Zeichen aus dem Stadtteil, dass diese jungen Leute dazugehören. Aber wenn sie eine rote Linie überschreiten, muss die Zivilgesellschaft eben aufstehen und sagen: Halt, so geht es nicht. Wenn man diese Message rüberbringt, dass niemand aufgrund seines Glaubens ausgeschlossen wird, sondern nur, wenn er bestimmte Regeln verletzt, dann kann es uns gelingen, dass das nicht so gefährlich wird. Wenn wir aber nur eindimensional darauf reagieren, dann können die Salafisten in ihrem Gefühl – wir werden ausgeschlossen, weil wir Muslime sind – weiter gefangen bleiben.
Gerhardt: Ich glaube, die Gefahr besteht aus zwei Teilen. Vermutlich werden wir nicht verhindern können, dass noch mehr nach Syrien oder in den Irak gehen. Wir reden hier über adoleszente Jugendliche, auf die Gewalt, eine Knarre und dieses James-Bond-Spielen in Verknüpfung mit Glaubensinhalten eine riesige Faszination ausüben. Die machen dort Gewalterfahrungen und kommen dann zurück. Aber deren Zahl ist ja überschaubar. Das Risiko halte ich insofern für beherrschbar. Viel brisanter ist die Frage, was das mit der Gesellschaft und damit auch mit uns macht. Wie begegnen wir diesen radikalisierten jungen Männern und Frauen? Wollen wir die weiter ausschließlich als Sicherheitsproblem betrachten und versuchen, sie alle wegzusperren – oder sagen wir, dass es hier ein soziales Problem gibt und es uns daher alle betrifft? Es ist toll, dass es jetzt endlich dieses Deradikalisierungs-Programm gibt. Aber das kann nur der Anfang sein.

Das Gespräch führte Hanning Voigts.

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