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Römerstadt Römische Kultstätte ausgegraben

In der Römerstadt im Frankfurter Nordwesten finden Archäologen eine außergewöhnliche Kultstätte. Der Fund gilt als Sensation.

Der Tempelbezirk in der Römerstadt war dem Gott Jupiter Dolichenus geweiht. Foto: peter-juelich.com

Es ist ja nicht so, dass Schulneubauten in Frankfurt unbeliebt wären. Im Gegenteil. Aber dieser Neubau, die Erweiterung der Römerstadtschule, dürfte als besonders erfolgreiches Projekt in die Geschichte eingehen. Die Baustelle im Nordwesten hat einen rund 2000 Jahre alten archäologischen Fund ermöglicht, so bedeutend, dass die Fachwelt ähnlich Herausragendes in Deutschland an einer Hand abzählen kann.

„Wir haben eine Siedlung erwartet“, sagt Andrea Hampel, die Leiterin des Frankfurter Denkmalamtes, „und einen Kultort gefunden. Das ist eine große Überraschung.“ Planungsdezernent Mike Josef (SPD) schwärmt am Donnerstag vor Ort in der Römerstadt: „Solche Funde geben Aufschluss darüber, wie wir uns entwickelt haben, letztlich auch, wo wir herkommen. Dass wir diese Stätte in Frankfurt gefunden haben, macht uns sehr stolz.“

Das historische Ausmaß der Entdeckung ist offenbar selbst der Sonne bewusst – sie brezelt vom Himmel wie noch nie. Aber was will man machen, im Mai begannen die systematischen archäologischen Ausgrabungen auf dem Baugrundstück, und jetzt ist die Sensation da, 50 Grad Celsius ohne Schatten hin oder her.

Was die Ausgrabung so bedeutend macht, sagt Andrea Hampel, ist die Tatsache, dass der Ort eindeutig zuzuordnen ist als Kultplatz mit mindestens fünf Tempeln, deren größter dem römischen Gott Jupiter Dolichenus gewidmet war. Dieser speziell bei Soldaten damals beliebte Gott schlägt auf erstaunliche Weise gerade jetzt eine Brücke in die Gegenwart. Er stammt nämlich ursprünglich aus Doliche, ganz in der Nähe der türkischen Stadt Gaziantep, die unlängst wegen eines Bombenanschlags traurige Bekanntheit erlangte. Und er ist auch zu sehen auf dem berühmten „Bronzedreieck von Heddernheim“, dessen Kult auf den Wettergott von Aleppo zurückgeht – noch ein Ort, der in diesen Zeiten eng mit Gewaltberichten aus dem Nahen Osten in Verbindung steht.

Zurück in die Römerstadt. Das insgesamt 3000 Quadratmeter große Baugebiet ist durchzogen von Gräben und weiträumig abgedeckt mit Planen. An einigen Stellen sind Reste des Lagergrabens und Mauerstrukturen im Boden zu sehen. „Die Gebäudereste sprechen eine eindeutige Sprache“, sagt Hampel: „Das ist ein Kultraum. Das hat nichts zu tun mit bekannten römischen Zivilbauten.“ Beweise seien auch die Inschriften, die klar auf Jupiter Dolichenus hinwiesen, und weitere Funde unter den vielen Knochen, Scherben, Steinen und in Zeitungspapier verpackten Überresten von verbrannten Tieren.

„Schwein, Schaf, Ziege“, zählt Rolf Skrypzak auf, der Grabungstechniker vom Denkmalamt, der mit Bart und Tattoos die Szenerie dominiert, „Hechtkopf, Fischschuppen“: alles verkohlte Funde auf dem Gelände, alles Tiere, die wohl dem Jupiter aus Doliche geopfert wurden. Aber der ganze Stolz, der Prachtfund, „unser bestes Stück“, wie Andrea Hampel sagt, ist ein kleiner Adler aus Bronze, der ein Blitzbündel in den Klauen trägt. „Wenn man sich die Nackenlinie anschaut“, sagt Skrypzak und dreht das Tierchen in seinen Fingern, „diese Augenpartie – eine wunderbare Arbeit.“ 2000 Jahre alt, wohlgemerkt.

Dass da noch mehr ist, unter der Erde, in der Römerstadt: Natürlich war das dem Denkmalamt und den Archäologen klar. Nicht umsonst ist dies die einstige Siedlung Nida. Hier gab es Militärlager, Wohnbauten, Straßen auf denen heute noch Verkehr fließt, etwa die Heerstraße und die Straße In der Römerstadt, die direkt am aktuellen Ausgrabungsgelände vorbeiführt. Aber bei allem, was man schon weiß: Mit dieser Kultstätte, mit dieser ganz konkreten Tempelanlage konnte offenbar trotzdem niemand rechnen.

Museum lohnt sich nicht

„Für das Denkmalamt ist das ein Großprojekt“, sagt Hampel. Jupiter Dolichenus sei an vielen Orten gehuldigt worden, das sei bekannt. „Aber so einen Ort tatsächlich zu finden und auszugraben, das ist das ganz Besondere.“ Was haben die Menschen da gemacht – außer Tiere zu verbrennen? Man weiß es nicht, sagt die oberste Denkmalpflegerin offen. Aber man arbeite dran.

Da brüten sie in der Sonne: die Grabungstechniker, einige Studenten und ehrenamtliche Helfer, auch Leute von einer Tiefbaufirma an diesem Donnerstag, und suchen nach weiteren Überbleibseln der Frankfurter Vergangenheit. Vielen sei gar nicht bewusst, „wie stark unsere römischen Wurzeln sind“, sagt Mike Josef. Er wünschte sich, es wäre stets so sorgsam mit dem Kulturerbe umgegangen worden wie heute. So war es aber beileibe nicht.

Als die Römer im dritten Jahrhundert wieder aus Nida verschwanden, geschah erst einmal lange Zeit nichts, dann beanspruchte die Landwirtschaft das Gebiet, und schließlich wurde in den 1920er Jahren die Ernst-May-Siedlung Römerstadt auf den römischen Ruinen errichtet. Befunde erfasste man nach damaligen archäologischen Standards. „Schwerste Verluste“ beklagt Josef aus heutiger Sicht durch den Bau der Nordweststadt ab den 60er Jahren: Hochhäuser, Tiefgaragen, U-Bahn und die Rosa-Luxemburg-Straße ließen den bis dahin unversehrten Teil der einstigen Stadt verschwinden – ohne Dokumentation in „wissenschaftlich angemessener Form“, um es mild auszudrücken. Im Klartext: gebaut ohne Rücksicht auf historische Verluste.

So etwas soll nicht noch einmal geschehen. Jetzt wird alles sorgfältig dokumentiert und ausgewertet – aber der Zeitplan für den Schulneubau gilt, darauf legen die Stadtplaner Wert. Und ein Museum auf dem Gelände? Den Fundort zugänglich machen? Lohnt sich nicht, sagen die Fachleute. Gebäude sind da keine mehr zu finden. Die Witterung ist schuld, die moderne Bautätigkeit – und dann soll es gewisse Stadtoberhäupter gegeben haben, die vor langer Zeit im großen Stil römische Steine verkauften. Aber das ist eine andere Geschichte.

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