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Römerbriefe Im Loch

Was für ein Sommer: CDU, Grüne und FDP finden Wales ganz toll, und die SPD vergnügt sich in der Loge im Waldstadion. Die FR-Glosse aus dem Frankfurter Rathaus.

Willkommen im politischen Sommerloch, liebe Freundinnen und Freunde der Kommunalpolitik. Wobei wir damit nicht sagen wollen, dass unsere Geschichten (Achtung: total aufgesetztes Eigenlob) nicht von gewohnt hoher Qualität wären. Sie sind nur nicht so einfach zu recherchieren wie im Mai oder im September. Da wird man ja mit Pressemitteilungen überhäuft. Jetzt muss man halt mehr tun, um an Infos zu kommen. Aber so ist das. Sonntags gräbst und buddelst du noch mit den Kindern am Strand von Menorca. Und am Montag gräbst und buddelst du im übertragenen Sinne, damit dir jemand was über Kommunalpolitik erzählt.

Wobei der Begriff „Sommerloch“ ja auch immer ein Totschlagsargument ist. Dieser Tage zum Beispiel haben wir über eine SPD-Politikerin berichtet, die das Konzert von Helene Fischer besuchte (das war nicht der Skandal), dafür die städtische Loge nutze (auch nicht), sich dafür auf Facebook feierte (schon eher) und einen kritischen Geist in dem sozialen Netzwerk ziemlich zusammenstauchte (das war das größte Problem). Langweilig, FR im Sommerloch, schrieben daraufhin Leute, die es gut mit der (übrigens sehr engagierten) Stadtverordneten meinen.

Andere hielten dagegen, die Berichterstattung habe mit Sommerloch nichts zu tun, und auch wir weisen diese Vermutung zurück. Wobei: Nehmen wir an, an ein und demselben Tag wäre in Frankfurt eine Weltkriegsbombe gefunden, die Eintracht Pokalsieger und der Goetheturm abgefackelt worden – vielleicht wäre der Text über die Loge dann zehn Zeilen kürzer ausgefallen. Allerdings überlegen wir uns gerade, wie die sehr geschätzte Fotografin des städtischen Presseamts diesen Tag überstanden hätte. Peter Feldmann neben der entschärften Bombe, Peter Feldmann in der Leitstelle der Feuerwehr, Peter Feldmann mit Pokal, Peter Feldmann im Eintracht-Trikot, Peter Feldmann an der Ruine des Goetheturms. Peter Feldmann mit einem Modell des neuen Goetheturms. So viele Bilder schafft man doch gar nicht an einem Tag.

Aber das ist ja hypothetisch. In der realen Welt schauen wir uns an, wer unserer Politiker wo Urlaub macht. Ein hochrangiger Vertreter der Frankfurter Grünen etwa ist mit seiner Familie nach Brexit-Land gefahren und veröffentlicht umwerfende Fotos. Und wer reagiert auf Facebook voller Begeisterung? Parlamentarier von CDU und FDP. Da fragt man sich schon, ob sich da die nächste Koalition für Hessen anbahnt. Schwarz-Grün erweitert sich um die FDP, und die Verhandlungen über das Bündnis werden auf den grünen Hügeln von Wales geführt. Wäre doch möglich, müsste man mal recherchieren. Irgendjemand sagt uns dazu bestimmt etwas. Wobei: So eine Geschichte hätte schon etwas von… Sommerloch.

Claus-Jürgen Göpfert und Georg Leppert berichten für die Frankfurter Rundschau aus dem Römer.

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