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Römerbriefe Die Angst des Reporters vor der Recherche

Hat Martin Wimmer jetzt eine Wohnung in Berlin? Plant Boris Rhein einen Zeitsprung? Wir trauen uns nicht zu fragen. Die FR-Glosse aus dem Frankfurter Rathaus.

Martin Wimmer
Der Frankfurter Hauptstadtbeauftragte Martin Wimmer. Foto: Alex Kraus

Göpfert: Jetzt schick endlich diese Mail ab.

Leppert: Meinst Du echt? Ich traue mich nicht so recht.

Göpfert: Hör auf. Wo ist denn das Problem? Ich hätte den Mann sogar angerufen.

Leppert: Hätte, hätte... Recherchiert wird nicht im Konjunktiv.

Manchmal, liebe Freundinnen und Freunde der Kommunalpolitik, haben auch wir Hemmungen. Klar, Sie können von uns knallharte Recherchen erwarten. Der Wahrheit bis auf den tiefsten Grund des Mains zu gehen, das ist unser Job. Aber manche Anfragen sind eben etwas delikat.

Interessant wäre es jedoch schon, mal mit dem Hauptstadtbeauftragten Martin Wimmer zu sprechen. Wir haben auch nur eine Frage: Haben Sie jetzt eine Wohnung in Berlin gefunden? Na gut, zwei Fragen: Zahlen Sie wirklich nur 2500 Euro im Monat, oder müssen auch Sie noch einen kleinen Hauptstadt-Bonus entrichten? Okay, drei Fragen: Haben Sie ein Yoga-Zimmer, und dürfen wir uns das mal ansehen? Einer der Römerbrief-Schreiber wäre zum Beispiel am Samstag in Berlin. Da ist so ein unbedeutendes Fußballspiel.

Tja, aber da wir uns nicht so recht trauen, schicken wir diese Anfrage lieber nicht los. Und es gibt noch ein paar andere Recherchen, von denen wir besser die Finger lassen...

Wir haben zum Beispiel gehört, dass in das Büro des Stadtverordneten Bernhard Ochs ein Stein geflogen ist. Ochs vermutet wohl nicht zu Unrecht, dass das Wurfgeschoss eigentlich im Nachbarbüro landen sollte. Dort arbeitet Dr. Dr. Rainer Rahn von der AfD. Deshalb unsere Anfrage an Frau XXXXXXXX und Herrn YYYYYY (Namen von der Rechtsabteilung gelöscht): Warum zielen Sie nicht genauer?

Wobei wir den Steinwurf verurteilen. So macht man keine Politik. Wie man Politik macht, weiß in erster Linie Markus Frank, denn der ist Dezernent für alles außer Tiernahrung. Aber sagen Sie, Herr Frank: Wie haben Sie es 2002 beim Empfang der Vizeweltmeister auf den Römer-Balkon geschafft (wenn die Eintracht den Pokal gewinnt, veröffentlichen wir den Trick nicht, sondern wenden ihn selbst an)? Und wieso sehen Sie heute genauso aus wie damals (kleine Einschleim-Frage, erhöht die Chancen, dass die folgende Frage positiv beantwortet wird)? Dürfen wir ein Foto machen von Ihnen in einem Sandhaufen im Gutleuthafen und darunter schreiben: „Graf zu Solms-Wildenfels lässt Wirtschaftsdezernent Markus Frank in seinem Sandkasten spielen“?

Und dann erreicht uns kurz vor Redaktionsschluss noch diese Nachricht: In Darmstadt gibt es am Freitag kommender Woche den „ersten hessischen Zeitsprungkongress“. Echt jetzt. Und was glauben Sie, wer an der Spitze der Organisation steht? Der hessische Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU), der im Frühjahr 2012 Frankfurter Oberbürgermeister werden wollte. Und nun fragen wir: „Herr Minister, planen Sie einen Zeitsprung in die Zeit vor der OB-Wahl? Was werden Sie dann anders machen? Und lassen Sie sich noch Tipps von Bernadette Weyland geben?“

Aber vermutlich trauen wir uns doch wieder nicht, die Mail abzuschicken.

Claus-Jürgen Göpfert und Georg Leppert berichten für die Frankfurter Rundschau aus dem Römer.

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