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Rob Green Das Grauen nach der Morgenshow

Rob Green war einer der erfolgreichsten Radiomoderatoren Frankfurts - bis Pornografie-Vorwürfe gegen ihn bekannt wurden. Schuldig oder nicht: Nach solchen Vorwürfen ist der Ruf ruiniert.

Immer Vollgas: Rob Green als DJ auf einer Party in Flörsheim, damals noch für Planet Radio ... Foto: Monika Müller

Um es klar zu sagen: Wir wissen nicht, ob Rob Green mit einem Minderjährigen über das Internet-Videoportal Skype einen Sexfilm angesehen hat. Ob der frühere Radiomoderator einem Jugendlichen einen Porno-Link mit Hilfe einer Facebook-Seite zugänglich gemacht hat. Wir wissen es nicht. Die Frankfurter Rundschau weiß es nicht, die Radiohörer wissen es nicht, die Staatsanwaltschaft, die ihn angeklagt hatte, weiß es nicht, das Gericht weiß es nicht. Niemand weiß es, außer Rob Green, und der sagt: „Es stimmt von vorne bis hinten nicht.“ Ob das die Wahrheit ist – auch das wissen wir nicht. So viel vorweg.

Tatsache ist: Die Staatsanwaltschaft hält den Ursprungsverdacht gegen den 38-Jährigen wegen Verbreitung kinderpornografischer Schriften nicht aufrecht. Tatsache ist zweitens: Das Darmstädter Amtsgericht hat gegen Green eine Verwarnung mit Strafvorbehalt ausgesprochen, also eine Geldstrafe auf Bewährung, und Green zahlt darüber hinaus 1500 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung, will dies aber nicht als Schuldeingeständnis verstanden wissen. Tatsache ist ferner: Vor fast einem Jahr, im Januar 2014, machte die Boulevardpresse die Anschuldigungen gegen Rob Green öffentlich, und die Erfahrung lehrt, schuldig oder nicht, nach dem Vorwurf des sexuellen Missbrauchs, in welcher Ausprägung auch immer, ist der Ruf ruiniert. Oder, wie es Matthias Jahn formuliert, Richter am Oberlandesgericht und Professor für Strafrecht unter anderem an der Frankfurter Uni: „Das bedeutet die soziale Vernichtung für den Moderator eines Jugendsenders.“

Robert Edward Green, 1976 in England geboren, begann dort schon früh, im Radio zu moderieren, ging mit 16 nach Norddeutschland, machte sein Abitur und arbeitete danach für Radio Bremen und Energy Berlin. Als er ein Angebot des Senders Planet Radio erhielt, kam Green nach Hessen. Und als der Hessische Rundfunk (HR) seine Jugendwelle You FM an den Start brachte, wechselte Green 2005 dorthin, moderierte jeden Tag von 5.30 Uhr an seine „Rob Green Morningshow“ und wurde in kurzer Zeit zum Aushängeschild des Senders. Laut, forsch, respektlos – der Weckrufer am Morgen. Wenn er sich sehen ließ, dann praktisch nie ohne sein Erkennungszeichen, die Wollmütze in vielen Varianten, und selten ohne auffälligen Schmuck. Uhr, Ringe, Armband, Halskette. Hunderttausende hörten ihm täglich zu.

Respektvoller Radio-Rüpel

„Ich bin schon laut. Ich will alles wissen und alles sehen und alles riechen“, sagt Green in einem Internetfilmchen, das ihn beim Besuch einer Zeitungsredaktion 2009 in Gießen zeigt. „Wir kamen auf die Idee: Die geilste Schlagzeile, die es nur geben könnte, ist ,Rob Green schwängert eine Kuh‘“, sagt er in die Kamera – um schnell hinterherzuschicken: „Viele Leute haben jetzt ein ganz, ganz, ganz falsches Bild von mir im Kopf, deswegen werde ich das jetzt richtigstellen.“ Es ging damals scherzhaft um die künstliche Befruchtung eines Rindviechs.

Die Polizei spricht Rob Green am 13. März 2013 an, als er vor seiner Wohnung in Oberursel aus dem Auto steigt. Die Beamten haben einen Durchsuchungsbeschluss und wollen die Festplatte von Greens Computer sehen – wegen des Vorwurfs der Verbreitung pornografischer Schriften. „Ich hab sie in meine Wohnung reingelassen, hab gesagt, ich weiß nicht, um was es hier gerade geht, aber sie könnten sich ja alles angucken, was sie möchten“, schildert er im Gespräch mit der FR. „Die haben dann die Festplatte mitgenommen, sie haben mein Handy mitgenommen und ein Tablet von mir.“

Das Gespräch hat Green als angenehm und freundlich in Erinnerung. Irgendwann habe er Mobiltelefon und Tablet wieder abholen dürfen und den ganzen Vorgang schon fast wieder vergessen, bis zum 23. Januar 2014, dem Tag, an dem es auf einmal um Kinderpornografie ging. „Nach meiner Sendung standen plötzlich fünf Polizisten im Büro von meinem Chef im HR, die hatten einen erneuten Durchsuchungsbefehl und wollten sich den PC von mir im Sender angucken. Als das Wort Kinderpornografie gefallen ist, da ist mir das Gesicht entgleist, weil ich nie etwas mit Kinderpornografie zu tun hatte.“

„Rob ist on air ein Mensch, der gern provoziert“, sagt eine frühere Kollegin, die nicht mehr beim HR arbeitet und ihren Namen lieber für sich behalten möchte. „Er ist sehr direkt, er redet nicht um den Brei.“ Green sei durchaus „ein Radio-Rüpel“, aber im persönlichen Umgang sehr respektvoll. „Als ich hörte, dass es angeblich um Kinderpornografie gehen soll, war mir sofort klar, dass bei diesen Ermittlungen gar nichts herauskommen kann“, sagt die Moderatorin, die drei Jahre lang mit Green zusammenarbeitete: „Da kann nichts dran sein.“

Green ist an jenem Januarvormittag entsetzt, auch darüber, dass sein Chef dabei ist, während die Polizisten die Vorwürfe ausbreiten. „Ich war natürlich total fertig. Wenn man plötzlich den Vorwurf der Kinderpornografie hört, versteht man die Welt nicht mehr, man denkt sich im Kopf, um Gottes willen, was hab ich jetzt irgendwie runtergeladen, auf welchen Seiten war ich?“ Der PC daheim, sagt Green, sei der PC für Musikproduktionen gewesen; auf dem Gerät hätten auch viele seiner Freunde ihre Songs gemixt, auch unbeaufsichtigt, wenn er selbst nicht zu Hause war. „Natürlich war meine erste Reaktion, die zu fragen: Habt ihr irgendwas ganz Schlimmes, Illegales runtergeladen? Nein, hieß es, haben wir nicht gemacht. Ich war fix und fertig.“

Gefälschte Facebook-Seiten

Letztlich geht es um einen Internet-Link, der von einer Facebook-Seite als Nachricht verschickt wurde. Der Link soll zu einer pornografischen Seite geführt haben – der Link führe aber nirgends hin, sagt Greens Anwalt Andreas Geipel: „Er ist leer. Eine weiße Seite.“ Außerdem sei er von einer Facebook-Seite verschickt worden, die nicht Rob Greens Facebook-Seite sei, sondern eine von mehreren solcher Internetseiten, die irgendwelche Spaßvögel unter Greens Namen erstellt hätten. Das sei häufig geschehen, sagt Green. Seine eigene, echte Facebook-Seite habe eine orthografische Besonderheit in der Internetadresse, die sie von den gefälschten unterscheide. Gut möglich, dass es Menschen gebe, die ihm Böses wollten, sagt er. Wer oft und laut in der Öffentlichkeit stehe, der habe auch Neider.

Kann man eine Facebook-Seite fälschen und dabei unerkannt bleiben? Die Behörden könnten nachverfolgen, unter welcher IP-Adresse eine solche Seite angelegt worden sei, sagt Rechtsexperte Matthias Jahn: „Aber zweifelsfrei festzustellen, wer diese Seiten erstellt, ist nicht immer möglich.“

Noch am Tag der polizeilichen Durchsuchung im Januar wird Green erneut in den Sender zitiert. Die Justiziarin und der Wellenchef eröffnen ihm, die „Bild“-Zeitung habe angefragt, warum die „Morningshow“ für den nächsten Tag abgesetzt sei. „Das war das Erste, was ich davon erfahren habe.“ Die Vorgesetzten, so Green, drängen ihn, sofort einen Aufhebungsvertrag zu unterschreiben, der seine freie Mitarbeit fristlos beendet, damit der HR so schnell wie möglich eine Pressemitteilung herausgeben kann: Es handele sich um einen privaten Sachverhalt außerhalb des Senders.

„Ich hab gesagt, Leute, ihr drückt mich hier in eine Ecke, ihr setzt mich hier mächtig unter Druck – ich hab gerade den schlimmsten Tag meines Lebens gehabt. Die haben mir nicht zuhören wollen und haben gesagt, ja, unterschreib das hier, und wenn das alles geklärt ist, kann man sicherlich über eine neue Sendung beim HR reden. Ich war tatsächlich in Schweiß gebadet, ich war den Tränen nahe, und ich Idiot hab dann auch noch diesen Aufhebungsvertrag unterschrieben.“

Vom Hessischen Rundfunk gibt es dazu keine Stellungnahme. Die Pressestelle betont, laut Aufhebungsvertrag handle es sich bei dem Strafverfahren um eine Privatsache des Moderators; weitere Auskünfte werde der HR nicht erteilen. So bleibt der Öffentlichkeit nur die Sichtweise Greens, um sich ein Bild zu machen: „Das war nicht fair von dem Radiosender, wo ich fast zehn Jahre lang gearbeitet hab und jeden Morgen aufgestanden bin, nicht krank war. Dass anhand von irgendwelchen Vorwürfen oder Verdachtsmomenten wirklich meine Karriere beim Hessischen Rundfunk beendet wird – so stelle ich mir öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht vor.“

Vom einen auf den anderen Tag verschwindet Greens Stimme aus dem Radio. Im Februar 2014 klagt der Moderator beim Arbeitsgericht Frankfurt auf Weiterbeschäftigung beim HR; er sei mit der Androhung einer fristlosen Kündigung gedrängt worden, das Papier zu unterschreiben. Das Gericht weist die Klage im Juli als unbegründet zurück. Es habe keinen schriftlichen Arbeitsvertrag gegeben, so die Richter; der HR habe nicht mit Kündigung gedroht, sondern von vornherein angekündigt, die Zusammenarbeit nicht fortzusetzen. Green hat gegen das Urteil Berufung eingelegt.

Nach dem Rauswurf beim HR fährt Green nach Berlin, wo er zu jener Zeit ein zweites Engagement bei einem Radiosender hat. Am nächsten Tag sieht er sein Gesicht auf der Titelseite der Berliner Boulevardpresse, daneben die Schlagzeile „Kinderpornografie?“. Er flüchtet vor dem Rummel Hals über Kopf in den Schwarzwald. Inzwischen ist er in England, wo er sich um seinen kranken Vater kümmert.

Keine Gewinner

Die Einigung, die Greens Verteidiger und die Staatsanwaltschaft ausgehandelt haben, sieht so aus: Die Anklage wegen Verbreitung pornografischer Schriften wird zurückgenommen. Den Vorwurf der Kinderpornografie hatte die Behörde schon im September widerrufen. Rob Green bezahlt 1500 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung. Darüber hinaus verhängt das Amtsgericht eine Verwarnung mit Strafvorbehalt: Lässt sich Green innerhalb der nächsten zwei Jahre etwas zuschulden kommen, muss er eine Geldstrafe bezahlen.

„Im Endeffekt bin ich nicht verurteilt, keine Anklage, kein Schuldeingeständnis, keine Strafe“, sagt der 38-Jährige. So sieht es auch sein Anwalt Andreas Geipel: „Mehr als keine Strafe geht nicht.“ Strafrechtsprofessor Jahn beschreibt es hingegen so: „Eine Verwarnung mit Strafvorbehalt ist zwar eine milde Sanktionsform, noch milder ist nur das Absehen von Strafe. Aber es setzt einen Schuldspruch voraus. Danach kann man sich nicht als unschuldig bezeichnen.“

Wer also hat gewonnen? Das Opfer, sagt Staatsanwaltschaftssprecher Noah Krüger. „Der Deal mit der Verteidigung dient maßgeblich dem Opferschutz. Es geht ja um einen Jugendlichen – der wäre vor laufenden Kameras bloßgestellt worden.“ Im Übrigen sei die Beweislage keineswegs dürftig gewesen: „Wir erheben Anklage, wenn mit einer Verurteilung zu rechnen ist, und nicht auf Teufel komm raus.“ Da widerspricht Anwalt Geipel. „Wenn die Staatsanwaltschaft von sich aus die Anklage zurücknimmt, zeigt das, welch wacklige Sache das war.“ Gewonnen habe demnach sein Mandant – ihm bleibe es erspart, wegen Pornografievorwürfen vor Gericht anzutreten: „Das ist ein Bereich, der schon ruinös ist für jemanden, wenn nur der Verdacht geäußert wird.“

Klingt eher, als hätte in dieser Angelegenheit niemand gewonnen. „Ich hatte 20, 25 sehr geile Jahre“, sagt Rob Green. „Irgendwann musste auch mal eine schwierigere Zeit kommen.“ Seine Karriere? „Im Moment bekomme ich neue Anfragen. Ich werde wieder als Radiomoderator arbeiten.“

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