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Raubkunst in Frankfurt „Vielleicht macht das anderen Menschen Mut“

HR-Mitarbeiterin Bettina Leder war an der Realisierung der Ausstellung „Legalisierter Raub“ beteiligt. Im FR-Interview spricht sie über Fundstücke und ihre Geschichte.

Ausstellung Legalisierter Raub
Silberbecher, die in einer Vitrine der Kirche gefunden wurden und Juden gehörten. Foto: Monika Müller

Am Anfang war ungewiss, ob sich Menschen melden würden. Doch als die Germanistin und HR-Mitarbeiterin Bettina Leder im Jahr 2002 den ersten Aufruf über den Sender startete, klingelte schon das Telefon. Bürger erzählten und brachten Fundstücke. 

Frau Leder, Sie begleiten die Ausstellung „Legalisierter Raub“ seit 2002 und haben stets die Menschen aufgerufen, sich mit Fundstücken zu melden. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Sehr unterschiedliche. Am Anfang wussten wir selber nicht, ob so etwas eine Resonanz haben würde. Dann haben wir verstanden: Es gibt mehr Menschen, als wir dachten, in deren Familien Erinnerungen überliefert worden sind, die mit dem legalisierten Raub in der einen oder anderen Weise zu tun haben.

Haben sich eher Hinterbliebene von Opfern gemeldet oder Menschen, die ein geraubtes Stück im Familieneigentum gefunden haben?
Bei der ersten Eröffnung der Ausstellung haben wir vor allem Objekte gezeigt, die uns Opfer der Ausplünderung zur Verfügung gestellt hatten. Dabei ging es um Objekte, die auf oft sehr abenteuerliche Weise nicht zur Versteigerung gekommen waren, die irgendwie bei ihren Eigentümern geblieben oder zu ihnen zurückgekommen sind. Nach dem Aufruf kamen auch viele andere. Etwa zwei Drittel der Objekte, die abgegeben wurden, stammen aus Raubzusammenhängen, also zum Beispiel von Auktionen aus sogenanntem nichtarischen Besitz. Es sind aber auch Sachen dabei, die jüdische Familien vor der Deportation oder vor ihrer Flucht bei ihren Nachbarn abgegeben haben. Das ist ungefähr ein Drittel der Objekte.

Was motiviert die Menschen, zu Ihnen zu kommen und Dinge zu bringen?
Das sind unterschiedliche Motive. Manche Menschen wissen oder vermuten seit längerer Zeit, dass die Dinge, die sie bei sich haben, eine dunkle Geschichte haben – ein Stuhl, ein Besteck, ein kleines Bild. Sie ahnen aus Andeutungen, weil sie etwas aufgeschnappt haben aus einem Gespräch der Eltern oder Großeltern, dass mit diesen Dingen etwas nicht in Ordnung ist. Entweder haben sie es dann selber schon aufklären können, oder sie kommen zu uns mit der Bitte, ihnen zu helfen, das aufzuklären.

Ist es Ihnen gelungen, die Herkunft der Dinge aufzuklären?
Das ist viel öfter möglich gewesen, als man denkt. Es hängt von der Archivlage ab, und man braucht zum Beispiel den möglichen Namen eines Vorbesitzers. In Eschwege hat sich eine Frau gemeldet, die schon seit Jahren herausfinden wollte, welche Geschichte hinter ihrem Familienerbe steckt. Der Stadtarchivar von Eschwege hat den Kontakt zu ihr hergestellt. Sie heißt Margareta Rosenstock und hatte vier Stühle und eine größere Menge Silberbesteck von ihrer Großtante Maria. Schon als Kind hatte sie aufgeschnappt, dass Maria Rosenstock die schönen Stühle und das gute Silber aus Dankbarkeit von einer jüdischen Frau aus Eschwege bekommen habe. Das hat Frau Rosenstock nicht geglaubt. In diesem Fall waren ungewöhnlich viele Akten da, und wir haben die Geschichte von A bis Z aufklären können: Es stellte sich heraus, dass diese Familienüberlieferung tatsächlich wahr ist. Die Großtante von Frau Rosenstock hatte Stühle und Besteck als Erbe von einer Frau Berta Kahn bekommen, bei der sie als Dienstmädchen gearbeitet hatte. Mit den Nürnberger Gesetzen von 1935 wurde jüdischen Familien verboten, „arische“ Dienstmädchen zu beschäftigen. Maria Rosenstock, die eine sehr katholische Frau war, ist trotzdem bei der alten und kranken Frau Kahn geblieben und hat sie bis zu ihrer Deportation versorgt. 

Gibt es eine Scham, Geschichten aus der eigenen Familie zu erzählen, die möglicherweise etwas mit dem Raub zu tun haben?
Ja, nach meiner Erfahrung gibt es Scham, darüber zu sprechen. Margareta Rosenstock ist die einzige Frau, die ich getroffen habe, die auf diese Weise offensiv mit ihrer Familiengeschichte umgegangen ist. Oft wollen Menschen, die sich nach unserem Aufruf bei uns melden, erst einmal wissen: Kann ich wirklich sicher sein, dass mein Name nicht in die Öffentlichkeit kommt? Am Anfang der gemeinsamen Arbeit legen sie viel Wert auf Anonymität. Aber nach einer Weile sagen die meisten: Frau Leder, eigentlich können Sie gerne meinen Namen nennen. Vielleicht macht das ja anderen Menschen Mut.

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