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Rapper Vega Der Junge von der Haltestelle

Vega rappt über Frankfurter Ultras und Jugendliche ohne Perspektive. Mit seinem neuen Album stürmt er die Charts.

03.03.2012 21:18
Henning Jauernig
„Ich hab' für Frankfurt auf der Straße gekämpft.“ Vega ist auf Platz 5 der Charts eingestiegen. Foto: Andreas Arnold

Treffpunkt Bahnhofskneipe. Ein kleiner Raum mit Holztischen und Eintrachtfahnen an der Wand. Zigarettenrauch brennt in den Augen. Aus den Lautsprechern kommt deutsche Schlagermusik. Es ist 15 Uhr am Mittag. Ein paar Gäste trinken Bier. Andre Witter lehnt an der Wand. Er hat ein rundliches Gesicht und trägt eine graue Armeehose und einen blauen Wollpullover.

„Du kannst ruhig du sagen“, sagt der 27-Jährige. Andre ist ein Frankfurter Rapper und nennt sich „Vega“, benannt nach einem Auftragskiller aus seinem Lieblingsfilm Pulp Fiction. Überraschend ist er mit seinem Album „Vincent“ im Januar auf Platz fünf der deutschen Charts eingestiegen. Im März geht er auf Deutschlandtour. Dann spielt er in Nürnberg, Köln und Berlin.

Er ist auf Bewährung

In seinen Liedern erzählt Andre von Außenseitern der Gesellschaft, für die sich niemand interessiert. Er rappt über kaputte Jugendliche, die aufeinander einprügeln und hinterher tagelang wach liegen, weil sie zu viel dreckiges Speed genommen haben. Seine Plattenfirma hat er „Freunde von Niemand“ genannt.

Aber Andre prahlt nicht mit seinen Geschichten. Das Bild vom coolen Rapper, der sich als „harter Mann“ gibt, passt nicht. Andre zeigt Schmerz und Trauer. „Ich bin teildepressiv/bitte geh nicht, denn ich bin selbst allein unter 30 Freunden“, rappt der gebürtige Langener im Lied „Die Wahrheit ist hässlich“.

Andre erzählt, dass er aus einer gewöhnlichen Familie stammt. Aber als Jugendlicher habe er oft auf der Straße „rumgehangen“. Ohne Ziel, ohne Beschäftigung, die ganze Nacht an einer Bushaltestelle. „Da haben wir viel Scheiße gebaut“, erzählt er. Die Schule hat er oft gewechselt. „Da gab’s immer Probleme“, sagt er.

Andres Hände ruhen nie. Er fingert am Aschenbecher herum, lässt von ihm ab und nimmt die Bierdeckel in seine Hände. Er wartet geduldig auf die Fragen. Als würde es ihm guttun, über sich und seine Geschichte zu sprechen.

Könnte er sich vorstellen, auch mal ein fröhliches Lied zu machen? „Was gibt es denn Fröhliches, über das ich schreiben könnte?“, fragt er zurück und lacht auf.

Auf Andres schwarzer Daunenjacke ist das rote Logo der Ultras 97 Frankfurt eingestickt. Die Ultras 97 sind die größte organisierte Fangruppierung von Eintracht Frankfurt. Viele seiner Texte handeln von ihnen und ihren Aktivitäten: „Ich war nie in Clubs, ich hab’ für Frankfurt auf der Straße gekämpft“, rappt er in „Der Beweis“.

Andre fährt zu jedem Spiel. Doch momentan hat er Stadionverbot. Und eine zweijährige Freiheitsstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt ist. Bei einem Konflikt mit einem Polizisten wurde er handgreiflich. Worum es genau geht, möchte er nicht in der Zeitung lesen. „Mein Opa wäre schockiert“, sagt er.

Bauchtasche statt Goldkette

Andre ist nicht der einzige Rapper aus der Region, der momentan bundesweit erfolgreich ist. Gangsterrap aus Hessen macht Welle. Zum Beispiel jener des Rappers Haftbefehl aus Offenbach, dessen Videos auf Youtube millionenfach geklickt werden. Berliner Rapgrößen wie Sido und Bushido werden zwar noch gehört, aber sie haben an Authentizität verloren, seit sie sich für Casting-Shows und Kinofilme vermarkten lassen. Der Frankfurter Rap wirkt dagegen glaubwürdig. Es geht um schneeweiße Karren, Edelnutten und Crackküchen.

Doch Andre lässt sich schwer in diese neue Gangsterrap-Generation einordnen. Er rappt über Bushaltestellen statt über teure BMWs. Er trägt Bauchtasche statt Goldketten. Er rappt über Kleingeld in Jeanstaschen statt darüber, wie er lila Scheine durch den Stripclub wirft. „Wie viele Rapper können denn ihren Mercedes bezahlen, die sie in den Videos zeigen?“, fragt er. Er sei auf dem Boden geblieben. Vielleicht kaufen seine Fans deshalb seine CDs. Aber in Zeiten von illegalen Downloads wird es schwerer, Geld mit Musik zu verdienen. Beim Lieferservice von Coca Cola hat Andre nebenher gearbeitet. Jetzt macht er erst einmal nur Musik. Für die nächsten Monate kann er seine Rechnungen bezahlen.

Kürzlich hat er sich einen südafrikanischen Jagdhund gekauft. Stolz zeigt er ein Foto auf seinem i-Phone, auf dem er im Wohnzimmer mit seinem Hund spielt. Einige Dates der Tour habe er streichen müssen. „Einen Welpen darf man nicht lange alleine lassen“, erklärt er und lächelt.

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