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Prozess Abwärts auf dem Wutbürgersteig

Pöbeleien, Beleidigungen, Volksverhetzung: Der pensionierte Lehrer Horst S. hadert vor Gericht mit einer immer „undeutscheren Welt“.

Justitia auf dem Frankfurter Römer
Die vielen Beleidigungen und Pöbeleien von Horst S. beschäftigen immer wieder die Frankfurter Gerichte. Foto: imago

Irgendwann ist Horst S. rechts abgebogen und hat die Orientierung verloren. Seitdem landet er immer wieder vor Amts-, Land- und Oberlandesgerichten.

Horst S. schreibt gerne Briefe und Postkarten. Drei davon sind bei dem Beleidigungsprozess am Mittwochmorgen vor dem Amtsgericht Thema, adressiert an so unterschiedliche Volksverrätervertreter wie den bloggenden Kapitän Jürgen Schwandt, die Antifaschistische Bildungsinitiative Friedberg und den Geschichtsverein Büdingen. Die Angeschriebenen bezeichnete S. unter anderem als „antideutsche Berufslumpen“, „Minus-Menschen“, „Human-Dreck“, „Hochverräter“ „Rot-Fascho-Drecksgesindel“, einige fühlten sich dadurch beleidigt.

Weil S. immer und immerhin unter Klarnamen pöbelt, häufen sich mittlerweile die Anzeigen. Das Amtsgericht Limburg hatte ihn kürzlich wegen Volksverhetzung verurteilt, S. marschierte durch die Instanzen, das Oberlandesgericht hob das Urteil auf, S. wurde daraufhin lediglich wegen Beleidigung zu 65 Tagessätzen à 45 Euro verurteilt.

Mit 40 in die Frühpension

Er sei kein Nazi, sagt S. der so aussieht, als komme er frisch von einem Grünen-Parteitag der 80er-Jahre: Rauschebart, Halbglatze mit wallendem Haarkranz, Lederjacke, seine Unterlagen schleppt er in einer Plastiktüte mit. In früheren Prozessen hat der ehemalige Lehrer sich auch schon als Gründungsmitglied der hessischen Grünen präsentiert. Er sei „Alt-68er“ und „freiheitlich demokratischer Linkspatriot“. „Deutsch, alle Aspekte Deutsch“ habe er früher, auch an Frankfurter Schulen, unterrichtet. Mit 40 habe er sich frühpensionieren lassen, „wegen Burn-Out-Syndrom“, lebe seit 30 Jahren von 2400 Euro Pension monatlich, lebe allein und ärgert sich täglich. Über „die Vernichtung des deutschen Volkes durch Rot-Grün“, über „Invasoren“ und „Islamisierung“, aber auch darüber, dass der „ehrendeutsche Edelmann Herr Gauland“ von vaterlandslosen Gesellen straflos geschmäht werden dürfe, er selbst aber wegen freier Meinungsäußerung immer wieder vor den Kadi gezerrt werde.

Er fordere doch nur das Recht, sagt S., das ihm „als Deutschen“ zustehe, das „Naturrecht auf Heimat und Volk“, aber er kriege es nicht. Das versetze ihn „in Wutstimmung, und zwar zu allen Tageszeiten“, und dann schreibe er. „In diesen Momenten ist mir die Empörung wichtiger als die Kontrolle der Beleidigungen“, sagt S., und so schösse er mitunter „vielleicht ein wenig über das Ziel hinaus“.

Bevor Horst S. wegen Beleidigung zu 60 Tagessätzen à 45 Euro verurteilt wird, hat er traditionsgemäß das letzte Wort. Er nutzt es, um noch einmal darauf hinzuweisen, dass seine Welt aus den Fugen sei. Damals, in den wilden 60ern, da sei er gegen den Vietnam-Krieg auf die Straße gegangen, aber das seien ja auch andere Zeiten gewesen: „Als ich damals nach Frankfurt kam, waren alle Obstverkäufer noch deutsch!“, vom Obst ganz zu schweigen. Jetzt verkauften allenthalben Südländer Südfrüchte, das werde man ja wohl noch sagen und schreiben dürfen. Seine „allgemeine Empörung“, so sagt er, teilten im Übrigen „80 Prozent der Deutschen“, zumindest in seinem Bekanntenkreis. Und entschuldigen werde er sich bei „den Minus-Typen und antideutschen Verbrechern“, die er angeschrieben habe, sicher nicht, aber falls er sie beleidigt haben sollte, tue ihm das irgendwie schon ein bisschen leid.

Bislang ist Horst S. nicht vorbestraft. Aber man kann ihm weiß Gott nicht vorwerfen, dass er nicht willens sei, das möglichst bald zu ändern.

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