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Proteste im Iran „Lassen wir die Menschen im Iran nicht allein“

Die Frankfurter OB-Kandidatin Nargess Eskandari-Grünberg wurde einst im Iran inhaftiert und gefoltert. Mit Hoffnung blickt sie auf die Proteste gegen das Mullah-Regime.

Nargess Eskandari-Grünberg
Nargess Eskandari-Grünberg floh vor mehr als 30 Jahren aus dem Iran. Foto: Michael Schick

Die OB-Kandidatin der Grünen, Nargess Eskandari-Grünberg, fordert mehr Solidarität mit den Protesten im Iran. Sie selbst wurde dort einst als Schülerin inhaftiert und gefoltert, weil sie für ihre Meinung eintrat.

Frau Eskandari-Grünberg, als Schülerin haben Sie gegen das Mullah-Regime im Iran protestiert. Wie blicken Sie aus dieser Erfahrung heraus auf die momentanen Proteste in Ihrer alten Heimat?
Die aktuellen Proteste sind von großer Bedeutung. Für dieses diktatorisch-klerikale und korrupte Regime, in dem seit Jahrzehnten Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung sind, zählen die Grundrechte der Menschen nicht. Ich bin selbst als Schülerin, die Bücher gelesen, Flyer verteilt und gegen das Regime protestiert hat, inhaftiert und gefoltert worden. In dem Gefängnis, in dem ich war, waren in einer Zelle 50 Jugendliche. Unser Altersdurchschnitt lag bei etwa 15 Jahren. Viele Mitinhaftierte wurden ermordet. Wenn ich in den Iran blicke, wo es noch immer keine Meinungs-, Demonstrations- und Pressefreiheit gibt, besorgt mich das heute wie vor dreißig Jahren. Es ist für mich schmerzhaft, das zu erleben.

Sind Sie jemals wieder in den Iran gereist? Haben Sie noch Kontakt zu Menschen im Land?
Nein, ich war nie wieder dort. Ich habe mir geschworen, nie wieder in dieses Land zu reisen, solange dieses islamische Regime an der Macht ist. Viele Regimekritiker, auch Angehörige von mir, wurden inhaftiert und ermordet. Anderen ist es gelungen, in den letzten Jahren das Land zu verlassen. Für mich ist es klar, dass ich dieses Land nicht wieder betreten werde, solange sich die Situation nicht grundlegend geändert hat.

Wecken die aktuellen Proteste in Ihnen Hoffnung auf einen politischen Wandel?
Der Charakter der Bewegungen hat sich im Vergleich zu 2009 verändert. Damals fühlten sich die Menschen, die gewählt hatten, um ihre Stimme betrogen. Wenn ich die heutigen Parolen höre, habe ich das Gefühl, dass sich ein breiter Protest gegen das klerikale System und das autoritäre Regime richtet. Die Menschen kämpfen mit großen wirtschaftlichen Problemen. In den letzten Tagen hörte ich oft die Parole für Brot, Arbeit und Freiheit. Dass in dieser Situation so viele mutige Menschen auf die Straße gehen zeigt, dass die Bevölkerung das, was seit Jahren im Iran passiert, nicht mehr hinzunehmen bereit ist. Daher sehe ich eine Chance, dass die aktuellen Proteste vielleicht wirklich das Ende dieses menschenverachtenden Systems bedeuten können.

Wie wird die Situation in der iranischen Community Frankfurts wahrgenommen?
Ich habe letzte Woche von der Gründung eines Netzwerks für Solidarität mit den Protestbewegungen im Iran von ganz verschiedenen politischen Gruppierungen erfahren. Auch aus vielen anderen Städten bekomme ich mit, dass sich die iranische Community sehr aktiv solidarisiert mit den Protesten. Das ist wichtig. Allerdings würde ich mir sehr wünschen, dass die Solidarität nicht nur von den Iranern kommt. Als ich als 17-Jährige im Gefängnis war, habe ich versprochen: Egal, wo ich bin, egal in welcher Rolle ich bin, ich werde nie schweigen, sondern mich immer für Menschenrechte einsetzen. Heute muss es unser Ziel in Frankfurt, in Deutschland, in Europa sein, diese mutigen Menschen im Iran zu unterstützen. Es ist mein Appell an alle Frankfurterinnen und Frankfurter, an die Bundesregierung wie die Europäische Union: Lassen wir diese Menschen nicht allein. Sie brauchen jetzt unsere Solidarität.

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