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Prostitution Tour durchs Rotlichtmilieu

Exklusive Einblicke in das Frankfurter Rotlichtviertel - Führungen gibt es wieder in der Bahnhofsviertelnacht.

Rotlicht-Tour
Warten, bis der nächste Freier kommt. Eine halbe Stunde auf dem Zimmer kostet 30 Euro. Foto: Peter Jülich

Drei Stationen hat die Tour am Mittwochabend, die der Journalist und Fotograf Ulrich Mattner exklusiv für Journalistinnen zusammengestellt hat: Besuch bei Gabriela in ihrem Bordellzimmer, Gespräch mit Nico, der in der Rezeption arbeitet, und mit Claudia vom Animierclub „My Way“, der in demselben Gebäude, Taunusstraße 26, untergebracht ist.

Dort sitzt auch der Betreiber beider Etablissements, der 53 Jahre alte Richard Böhlig. Ob man als Bordellbetreiber reich wird? Ja, wenn das Finanzamt nicht wäre, so aber reiche es immerhin für „ein gutes Leben“, sagt er. 34 Zimmer gibt es in der Taunusstraße 26. Zwölf stehen derzeit leer, erzählt Nico. Das könnte mit dem neuen Prostituiertenschutzgesetz zu tun haben, vermutet er. Es habe die Frauen verunsichert.

Von sechs Monitoren aus verfolgt der Kosovo-Albaner die Auf- und Abgänge im Bordell, den Hauseingang und einen Teil der Taunusstraße. Nico ist nicht nur für die Zimmervergabe, sondern auch für die Sicherheit verantwortlich. Ein Pflaster auf der Stirn zeugt von einem Zwischenfall am vergangenen Sonntag, als ihm einer von drei angetrunkenen Polen eine Bierflasche an den Kopf geworden habe. 140 Euro kostet ein Zimmer für 24 Stunden, 15 Euro davon werden als Pauschale an das Finanzamt abgeführt.

Gabriela arbeitet an 30 Tagen im Monat

Die 34-jährige Gabriela hat eines der größeren Zimmer erwischt. Ihr schwarzes Outfit passt gut zum langen schwarzen Haar.Vor zehn Jahren kam sie nach Deutschland, weil sie gehört hatte, dass man hier leicht Geld verdienen könne. Für eine halbe Stunde nimmt Gabriela – „das ist mein Arbeitsname“ – 30 Euro. Sie arbeitet an 30 Tagen, von 17 Uhr bis 2 Uhr, an den Wochenenden bis 6 Uhr morgens.

Anders als die meisten Frauen hier hat sie eine eigene Wohnung: Sie kann nach der Arbeit nach Hause fahren. Ihr Freund weiß, wie sie ihr Geld verdient. Ihre Familie in Bulgarien denkt, sie sei mit einem reichen Mann verheiratet. Von Anfang an hat sie die Familie finanziell unterstützt, die Ausbildung der Schwester und des Bruders bezahlt. In diesem Jahr möchte sie ihre 14-jährige Tochter, die bei den Großeltern lebt, nach Frankfurt holen. Sie hofft auf eine bürgerliche Existenz.

Die erste Zeit in Frankfurt sei „sehr sehr schwer“ gewesen. Ohne Sprachkenntnisse allein in einer großen Stadt. Oft sei sie sehr traurig, erzählt die 34-Jährige. Immer wieder habe sie zu sich selbst gesagt: „Weiter, weiter, weiter.“ Das Zimmer ist penibel aufgeräumt und auffällig sauber. In der Mitte steht ein Doppelbett mit einer dezent gemusterten Bettdecke. An der Wand hängt ein großer Spiegel. Schrank, Tisch, Stuhl und ein Bad nebenan. Kuschelig ist es hier nicht.

Ihre Freier, sagt sie, „kommen aus der ganzen Welt“. Für Gabriela ist das Kondom ein Muss. Dass das neue Gesetz Kondome vorschreibt, würde nicht viel ändern: „Was im Zimmer passiert, wissen nur die Freier und die Frauen.“ Einmal sei sie mit dem Messer von einem Engländer bedroht worden, der habe „2000 Euro geklaut“. Mit dem Messer am Hals konnte sie den Alarmknopf nicht betätigen. Zehn Kondome sind im Zimmerpreis inbegriffen, Obst, Kaffee, Frühstück mit Brot, Salami und Nutella auch. Das alles gibt es in der Küche, die allen Frauen offensteht. Dort gibt es einen Kühlschrank und man könne sich selber Sandwiches schmieren, sagt Nico.

Im Animierclub geht es angeblich nur ums Reden

Szenenwechsel: Die Couch im Separée ist ausladend bequem. Bilder von Dean Martin, Frank Sinatra, Humphrey Bogart und Marilyn Monroe erinnern an die Größen des Entertainment und an Hollywood-Glamour. Im Animierclub geht es vor allem ums Quatschen, erzählt Geschäftsführerin Claudia. Bis etwa 20 Uhr ist das Lokal ein ganz normales Bistro, das Bier kostet zwei Euro, doch dann kommen „die Mädchen“, hübsch aufgebrezelt, für die ganz andere Preise gelten. Plötzlich kostet ein Cocktail 18 Euro, ein Champus 300. Und wenn der Gast plötzlich mehr möchte als warme Worte. „Dann kann er ja nach oben gehen“, sagt Claudia. Das Bordell und die Animierbar gehören zwar zusammen, sind aber dennoch zwei getrennte Welten: „Die Mädchen hier gehen nicht nach oben, und die von oben kommen nicht nach unten.“

Ein paar Häuser weiter, im „Pure Platinum“, geht es offenbar weniger zurückhaltend zu. Dort würden die Mädchen den Gästen „mit ihren Brüsten im Gesicht rumschrubbeln“, sagt Mattner, der den Vorwurf der Stadt, er mache mit seinen Führungen durch das Bahnhofsviertel Werbung für die Prostitution, nicht auf sich sitzen lassen möchte. Er wolle nur zeigen, wie die Wirklichkeit aussieht.

Mattner und der Verein Dona Carmen werden in der Bahnhofsviertelnacht am 17. August wieder Bordellführungen anbieten – wenn auch nicht als Bestandteil des offiziellen Programms der Stadt.

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