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Polizeiübung Terror zur Übung im Frankfurter Hauptbahnhof

Die Polizei übt im Frankfurter Hauptbahnhof die Bekämpfung von Terroristen.

Anti-Terror-Übung im Hauptbahnhof Frankfurt
Landespolizisten (mit Helm) kümmern sich um Verletzte, Bundespolizisten sichern ab. Foto: Peter Jülich

Der Terror beginnt mit ein bisschen Verspätung. Es ist 22.24 Uhr, als in der Tiefebene des Frankfurter Hauptbahnhofs Schüsse und eine Explosion zu hören sind. Gleich darauf stürzen Dutzende Menschen die Treppe hoch, offenbar auf der Flucht vor Terroristen. Aus einer S-Bahn auf Gleis 20 wirft ein Vermummter eine Rauchbombe. Kurz darauf folgt eine weitere Explosion, ein paar Menschen fallen verletzt zu Boden. 

Nur eine Minute nach dem Beginn des Terrors tritt die Bundespolizei auf den Plan. Sofort fallen Schüsse. Dann erst wird den Beamten wohl klar, dass die Statisten mit den roten Armbinden wohl keine Terroristen, sondern Opfer sind. Zwei am Boden liegende Opfer weisen mit der Hand Richtung Gleis 20. In Kleingruppen mit gegenseitiger Absicherung nach allen Seiten bewegen sich die Beamten nach vorne. Das sieht geübt aus. 

Staunende Zuschauer am Rand sind etwa 30 Pressevertreter. Die Bundespolizei hat für sie vor einem Schnellrestaurant eigens eine kleine Tribüne aufgebaut. Es wird fleißig geschrieben, fotografiert, gefilmt. Doch nicht nur die Journalisten machen Aufnahmen: mitten im Gewusel zwischen Verstümmelten und schießenden Polizisten stehen Beamte und halten das Szenario zu Dokumentationszwecken fest. Hoch oben, im nordöstlichsten Teil des Hauptbahnhofs, surrt eine Drohne und schreckt die Tauben im Dachgebälk auf.

Erstmals überhaupt gibt es eine Anti-Terrorübung im Frankfurter Hauptbahnhof. Für ein möglichst realistisches Szenario hat die Bundespolizei keine Mühen gescheut. Die Gleise 18 bis 24 sind ab 22 Uhr gesperrt, Bauzäune und schwarze Sichtschutzplanen verdecken die Übung, während auf den Gleisen 1 bis 17 der normale Reiseverkehr an einem ruhigen Dienstagabend läuft. 

Der logistische Aufwand dieser Übung, an der rund 700 Beamte von Bundespolizei, Landespolizei und Feuerwehr im Einsatz sind, lässt sich am besten außerhalb des Bahnhofs erkennen. Nördlich des Komplexes, in der Poststraße, ist das Aufmarschgebiet der Übungsteilnehmer. Sieben große Reisebusse der Polizei sind dort geparkt. Sie haben Bundespolizisten aus Hünfeld, ein Überfallkommando aus dem Polizeipräsidium Frankfurt und jede Menge Statisten gebracht. Sanitäter der Bundeswehr sorgen für realistische Verletzungen, indem sie Polizeischülerinnen und -schüler schlimme Wunden herbeischminken, bis hin zu abgetrennten Gliedmaßen. Durch den Markt im Bahnhof läuft unterdessen ein Sicherheitsmitarbeiter und weist an jedem Tisch auf die bevorstehende Übung hin, damit es bei den vielen Schüssen, Explosionen und Schreien hinter dem Sichtschutzzaun nicht zur Unruhe vor dem Zaun kommt. Die Journalisten bekommen Schutzbrillen und Gehörschutz ausgeteilt. „Es scheppert ordentlich“, warnt ein Bundespolizist.

So viel Aufwand soll sich lohnen. Geübt wird daher die ganze Nacht, bis morgens um 5 Uhr. In sechs verschiedenen Szenarien sollen die Beamten ihre Tauglichkeit als Terrorbekämpfer beweisen. Das erste Szenario, bei dem die Presseschar zuschauen darf, dauert allerdings nur sechs Minuten. Dann ist die Schießerei vorbei. Mit etwas ungewissem Ausgang. „Das sah etwas konfus aus“, mutmaßt ein Journalist wenig später in der Lounge der Deutschen Bahn, in die die Verantwortlichen eingeladen haben. 

Innenminister Peter Beuth (CDU) hingegen hat eine „sehr professionelle Zusammenarbeit“ zwischen Bundespolizei und Landespolizei gesehen. Beuth räumt aber ein, die Beamten hätten zum ersten Mal „ein Szenario, was sie am Schreibtisch nicht üben können,“ gehabt. 
Anti-Terrorübungen gibt es seit dem Geiseldrama bei den Olympischen Spielen 1972. Doch 30 Jahre später, bei dem Amoklauf von Erfurt, wurde der Polizei klar, dass es nicht reicht, weit entfernt gut ausgebildete Spezialkräfte zu haben. Denn während der Amokläufer in dem Gymnasium Lehrer und Schüler erschoss, sperrten die Streifenbeamten den Tatort ab und warteten hilflos auf die auch angemessen ausgerüsteten Spezialkräfte. 

In der Folge schuf die hessische Polizei Interventionsteams, normale Streifenbeamte auf den Revieren, die speziell geschult und ausgerüstet sind. Denn darauf kommt es an, wie Joachim Moritz, der Präsident der Bundespolizeidirektion Koblenz, als Verantwortlicher der Übung im Hauptbahnhof betont: „Die erste Streife, die vor Ort ist, hat die Täter zu eliminieren“ oder muss zumindest die „dynamische Lage in eine statische Lage verwandeln, bis Kräfte nachgeführt werden.“ 

Die Einsatztaktik der Polizei entwickelt sich mit jedem Anschlag weiter. Seit dem Anschlag beim Satireblatt „Charlie Hebdo“ in Paris 2015 wissen die Sicherheitsorgane, dass Attentäter nicht nur mit Pistole unterwegs sind; spätestens seit den Attentaten von Brüssel 2016 ist bekannt, dass Flughäfen und Bahnhöfe ein mögliches Ziel sein können, wie auch Frankfurts Polizeipräsident Gerhard Bereswill betont: „Der Frankfurter Hauptbahnhof ist ein idealtypisches islamistisches Ziel, wegen der hohen Opferzahlen.“

Die verschiedenen Szenarien, die in der Nacht zum Mittwoch geübt wurden, dienen auch dazu herauszufinden, inwieweit und welche Einsatztaktiken in der Praxis am besten sind. Geübt wird dabei auch die Kooperation zwischen der Bundespolizei, die naturgemäß zuerst an einem Tatort Bahnhof ist, und der Landespolizei. Auch die Frankfurter Feuerwehr ist im Einsatz und trainiert, wie sie in einem solchen Schreckensszenario an die Opfer herankommt.

Schon bald nach dem Plausch in der DB-Lounge sind im nördlichen Teil des Hauptbahnhofs wieder Explosionen und Schreie zu hören. Die Übung geht weiter. Mit denselben Statisten, aber mit anderen Übenden. Bei der Auswertung der siebenstündigen Übung anderntags lassen sich die Sicherheitsorgane nicht in die Karten schauen. Sämtliche Übungsaufgaben seien von den Teilnehmern „erfüllt und gelöst“ worden, heißt es nur. Schon ein paar Stunden später ist von dem Anti-Terrorkampf im Hauptbahnhof nichts mehr zu sehen. Nur ein Ohrstöpsel an der Stelle, wo die Tribüne stand, erinnert noch an das Geballer der vergangenen Nacht. 

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