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Polizei Immer mehr Übergriffe gegen EInsatzkräfte

Beschimpft, gebissen, geschubst: Einsatzkräfte leiden unter der zunehmenden Respektlosigkeit in der Bevölkerung.

Demos rund um Ex-Pegida-Anhänger auf dem Rossmarkt
Bei Demonstrationen geraten die Polizisten auch immer mal zwischen die Fronten. Foto: Rolf Oeser

Ein Betrüger prügelt in der Innenstadt auf zwei Polizisten ein. Ein 41-Jähriger will sich in Preungesheim einer Kontrolle entziehen und versucht, einem Polizisten in den Arm zu beißen. Anschließend schlägt und tritt er um sich. Im Bahnhofsviertel springt ein Mann auf der Motorhaube eines Fahrzeugs herum und beleidigt die eingreifenden Beamten heftig. In Höchst beschimpfen nur kurz darauf vier junge Männer, die verbotenerweise auf einem Schuldach sitzen, eine Polizeistreife und versuchen sich der Festnahme durch Schubsen und Schläge zu entziehen. Alle Vorfälle ereigneten sich an einem einzigen Tag, dem 5. September. Im Polizeibericht heißt es noch, dass nur zwei Beamte körperlich leicht verletzt worden seien. Aber wie wirken sich die Anfeindungen und Angriffe auf Dauer auf die Psyche der Polizisten aus? 

Nicht gut, befürchtet Lars Hölzel. Der leitende Psychologe der Parkklinik in Wiesbaden-Schlangenbad befürchtet, die zunehmenden öffentlichen Übergriffe gegen Einsatzkräfte seien „bedrohlich“ für die psychische Gesundheit der Beamten. Starke Belastungen oder persönliche Gefährdungen würden auch bei schlechter Bezahlung normalerweise mit dem Gefühl kompensiert, einen wichtigen Dienst an der Allgemeinheit zu leisten. „Fällt die gesellschaftliche Wertschätzung als stabilisierender Schutzfaktor weg, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für eine psychische Erkrankung.“

Hölzel behandelt in der Parkklinik Polizisten, die an Depressionen oder Überlastung leiden. Gerade das Gefühl der Überlastung nimmt durch Anfeindungen im Dienst zu. „Menschen können wahnsinnig viel aushalten, wenn es insgesamt stimmig ist“, sagt Hölzel. Die Behandlungen, die im Durchschnitt sechs Wochen dauern, erfolgen in Abstimmung mit dem Zentralen Polizeipsychologischen Dienst (ZPD) der hessischen Polizei in Wiesbaden. Der ZPD räumt auf FR-Anfrage ein, dass die Inanspruchnahme des psychologischen Hilfsangebots „in den letzten Jahren merklich gestiegen“ sei. Allerdings führt der ZPD diese Tatsache eher auf die zunehmende Akzeptanz und das erhöhte Vertrauen in die Angebote zurück. Die These, dass dafür die zunehmenden Übergriffe verantwortlich seien, sei nicht belegbar.

Zahlen, die belegen, wie groß der Anstieg psychologischer Behandlungen von Polizeibeamten ist, rückt der ZPD nicht heraus und sind auch andernorts nicht zu finden. Weder die Gewerkschaft der Polizei noch die Krankenkassen führen eine entsprechende Statistik. Belegbar ist nur der deutliche Anstieg der Übergriffe auf Polizisten. Im vergangenen Jahr gab es in Frankfurt in 550 Fällen Widerstand gegen Polizeibeamte. 12,9 Prozent mehr als 2016 und der höchste Wert seit Beginn der Erfassung im Jahr 2010.

Auch Feuerwehr und Rettungsdienst sind betroffen

Mit der zunehmenden Respektlosigkeit und den Angriffen auf Einsatzkräfte müssen sich auch die Feuerwehr und die Rettungsdienste herumschlagen. Und zwar nicht nur an Silvester. „Verbale Angriffe sind der Dauerzustand, der Respekt fehlt“, klagt ein Sprecher der Frankfurter Feuerwehr. Um dokumentieren zu können, wie viele Anfeindungen es gibt, baut die Feuerwehr jetzt ihr Meldewesen um und schafft eine eigene Rubrik, in der Übergriffe eingetragen und erfasst werden können.

Den Betroffenen, unter denen neben Polizisten auch Feuerwehrleute sind, wie Hölzel berichtet, ist damit erst mal nicht geholfen. Die Grundhaltung vieler Patienten, die zu ihm kämen, sei: „Ich bin der Depp der Nation“, verrät der Psychologe. In Absprache mit dem ZPD werde in Einzelfällen beraten, ob eine Versetzung des betroffenen Beamten in eine andere Dienststelle Sinn mache. Doch bereits jetzt gebe es unter Frühverrentungen einen großen Anteil, der auf psychische Belastungen zurückzuführen sei. 

Hölzel sieht diese gesellschaftliche Entwicklung noch zu wenig beleuchtet: „Da schwappt ein gesellschaftliches Problem in unser Versorgungssystem rein.“

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