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Politologe Iring Fetscher wird 90 Der Trost des Optimisten

Jahrzehntelang hat er versucht, den Deutschen den Marxismus nahezubringen. Doch Halt gibt ihm auch der Glaube. Jetzt wird der Politologe 90 Jahre alt.

Der Doyen der deutschen Politikwissenschaft: Iring Fetscher.

Jahrzehntelang hat er versucht, den Deutschen den Marxismus nahezubringen. Doch Halt gibt ihm auch der Glaube. Jetzt wird der Politologe 90 Jahre alt.

Das Zwitschern der Vögel im dichten Gebüsch rechts und links des Weges ist tatsächlich das lauteste Geräusch. Die Abenddämmerung senkt sich über die kleinen Villen des Dornbuschs. Bürgerlich gediegen lebt hier seit 1965 der Mann, der wie kein anderer versucht hat, den Deutschen Marx und den Marxismus nahezubringen. Das Wohnzimmer oszilliert zwischen Bibliothek und Gemäldegalerie, im ersten Stock, verkündet der Hausherr fröhlich, liegen noch „drei Zimmer voller Bücher“. Immer wieder federt Iring Fetscher von seinem gemütlichen Sofa hoch, steigt behände die Treppe nach oben, holt dem Besucher ein neues Buch, blättert, gestikuliert, erzählt.

Der Politologe und Sozialphilosoph ist, wie er sagt, „emotional ein Optimist und rational ein Pessimist“. Diese Balance hat ihn mit Vitalität altern lassen: Am 4. März feiert der Doyen der deutschen Politikwissenschaft seinen 90. Geburtstag.

Der gebürtige Marbacher konfrontiert sich ohne Sentimentalität mit seinem Alter. „Ich fahr noch Auto und würde jederzeit wieder den Führerschein machen.“ Soll heißen: Er steht noch mitten im Leben. Gerade schreibt der Vize-Präsident der Societe Europeen de Culture an einem Vortrag, den er bald auf Schloss Neuhardenberg bei Berlin halten soll. „Über Europa“, schnaubt er. Na klar, was denn sonst?

"Die Griechen tun mir leid"

Mein Gott, Europa. „Die Griechen tun mir leid“ , sagt der von Emotionen beflügelte Philosoph – all die Sparmaßnahmen, die man jetzt den kleinen Leuten aufzwinge, hülfen gar nichts gegen Korruption und Kapitalflucht. „Der Fehler war, Griechenland überhaupt in die Eurozone aufzunehmen“, urteilt der Rationalist kühl. Viele der Leute, die sich jetzt in der Finanzkrise auf Marx beriefen, die staatliche Lenkung der Wirtschaft und strikte gesellschaftliche Regeln verlangten, „die haben Marx überhaupt nicht gelesen“. 1956 veröffentlichte Fetscher sein Standardwerk „Von Marx zur Sowjetideologie“, für Generationen von Studenten eine Art wissenschaftliche Bibel, 22 Auflagen bis heute. „Marx wollte Pressefreiheit und Diskussionsfreiheit, sein Motto hieß: Eine künftige Gesellschaft muss freiheitlich sein.“: Das hält er den Linken von heute entgegen.

Das Gespräch mäandert durch die Jahrzehnte. Gerne zeigt der Wissenschaftler seinen vergilbten, abgegriffenen SPD-Parteiausweis von 1946. Bis heute ist er Mitglied geblieben, obwohl es ihm manchmal hart ankommt. Noch immer arbeitet er als Berater der SPD-Grundwertekommission. Aber dieses Führungspersonal! „Der Erzengel“, wie er den Vorsitzenden nennt und diese beiden mit den ähnlichen Namen, nein, nicht Plisch und Plum. „Willy Brandt gibt es halt nur einmal“, seufzt der Professor.

Die Grünen haben ihn nie gereizt. Erst recht nicht in ihrer heutigen Verfassung. „Die haben sich sowas von verbürgerlicht!“ Und dieser Schwerpunkt Ökologie alleine bedeutet in seinen Augen eine politische Verengung. „Man kann die Probleme der Umwelt nicht lösen, ohne die soziale Kultur zu ändern.“ Immer neues Wirtschaftswachstum als Fetisch: Das hält Fetscher für einen großen Fehler. „Wir brauchen kein Wachstum, sondern bessere Lebensbedingungen für die Menschen.“

Mit glänzenden Augen: "Meine Frauen!"

Aber Politik ist nicht alles, Gott sei Dank. Wenn ihn mal wieder der Pessimismus zu übermannen droht, spricht er mit glänzenden Augen über die Frauen in seinem Leben. Blättert in einem Album. „Das war meine schönste Freundin!“

Ein Schwarz-Weiß-Foto von 1946. Paris: Der 24-jährige Arztsohn unterrichtete an einer französischen Schule. „Das war schlimm, weil die Kinder nicht eingesehen haben, dass ausgerechnet ein Deutscher ihnen etwas beibringt.“ Trost brachte ihm die Liebe zu einer 17-jährigen Französin. Sie schreiben sich noch heute …

Als Fetschers Ehefrau Elisabeth 2010 nach vielen gemeinsamen Jahren starb, war das ein schwerer Schlag für ihn. Der Hausherr wird plötzlich einsilbig, will nicht weiterreden. In der Ecke hinter dem Sofa steht „mein Hausgott“, eine Buddha-Figur, die er einmal aus Japan mitgebracht hat. Auf der anderen Seite hängt ein altes italienisches Ölgemälde, vor langem in Rom gekauft, das die Heilige Familie zeigt.

„Der Glaube spielt bei mir schon eine kleine Rolle“, gesteht Fetscher leise: „Der einzige Halt kann halt nur eine religiöse Überzeugung sein.“ Fetscher hat „nie gedacht, dass ich so alt werde.“ Schon den Zweiten Weltkrieg überlebt zu haben, empfand er wie ein großes Geschenk. „Es war ein Wunder.“ Wie andere seiner Generation hat er sich erst spät der Frage gestellt, woher seine anfängliche Begeisterung für den Krieg, für den Offiziersberuf, eigentlich kam. Er hatte sich mit 18 Jahren freiwillig zur Wehrmacht gemeldet. „Neugier und Furcht – Versuch, mein Leben zu verstehen“, nannte er 1995 diese späte Bilanz in einem Buch.

Gemälde von der Urgroßmutter

Wenn ein Mann 90 Jahre alt wird, beschäftigt er sich natürlich mit dem Tod. Und mit der Frage, ob die Menschen sich nicht gerade selbst zugrunde richten – sehenden Auges. Auf seinem Sofa seufzt der Philosoph. „Meine Vernunft sagt mir: Es wird nicht gutgehen.“

Aber nicht nur die Liebe hat ihn stets über diese Erkenntnis hinweggetröstet. Schon als Student begann er, Gemälde und Grafiken zu sammeln. Im Wohnzimmer hängen noch Werke aus dieser frühen Zeit. Ein Frauen-Porträt von 1928, vom Dresdner Maler Robert Hahn, den er sehr liebt. Oder dieses Gemälde, das seine Urgroßmutter schuf: „Die hieß Standfest!“

Jetzt ist es draußen vor dem Fenster der kleinen Villa richtig finster geworden. Fetscher holt ein neues Album mit Bildern seines Lebens hervor. Da steht er neben Papst Paul II., da lacht er gerade Alice Schwarzer zu. Er, der Mann des geschriebenen Wortes, der aber auch druckreif sprechen kann. Wie viele Bücher er veröffentlicht hat, kann er auf Anhieb gar nicht mehr sagen. Wirklich populär wurde „Wer hat Dornröschen wachgeküsst? Das Märchen-Verwirrbuch“, in dem er mit Motiven klassischer Märchen spielte.

Das war 1972: Fetscher gehörte knapp zehn Jahre zum Professoren-Kreis der Frankfurter Universität, in den ihn Theodor W. Adorno gebracht hatte. Noch heute ist Fetscher stolz darauf, dass er sich gegen den Historiker Golo Mann, den Sohn des großen Thomas Mann, durchgesetzt hatte, als es um die Professoren-Stelle ging.

Geburtstagsfeier im Uni-Gästehaus

Noch immer fühlt er sich der Universität zutiefst verbunden, seinen Geburtstag wird er natürlich dort im Gästehaus feiern. Noch vor zwei Jahren unterrichtete er an der Uni ein Semester lang. Für die vielen öffentlichen Diskussionen, die er anstieß, erschien ihm stets Frankfurt als die ideale Stadt, immer wieder kehrte er hierher zurück, nach Gastprofessuren In New York, Harvard, Tel Aviv, im australischen Canberra.

Wenn ein Mann 90 Jahre alt wird, muss er Dinge ordnen. Iring Fetscher hat sich entschieden, seinen gesamten Vorlass dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach zu übergeben. „Damit endlich mal einer dort untergebracht ist, der auch dort geboren wurde.“ So. Jetzt aber genug von diesen letzten Dingen. Die Gegenwart ist spannend genug. Fetscher federt wieder vom Sofa hoch. Sein Favorit für den Bundespräsidenten hat es leider nicht geschafft: „Das wäre Klaus Töpfer gewesen.“

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