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"Poesie der Großstadt" Jos Diegel gewinnt FR-Wettbewerb

Ein Wirbelsturm aus Bildern: Jos Diegels Kurzfilm zerstückelt, konstruiert, zitiert und formuliert dabei eine schallende Medien- und Gesellschaftskritik. Dafür gewinnt er den FR-Wettbewerb zur „Poesie der Großstadt“ in der Schirn.

Der Künstler Jos Diegel. Foto: Alex Kraus

Jos Diegel wird demnächst nach Paris fliegen. Im Dezember oder im Januar. Das hat er sich verdient – der 33-Jährige ist der Gewinner des Hauptpreises beim FR-Wettbewerb zur Ausstellung „Poesie der Großstadt“ in der Schirn. Da durften im Frühjahr alle einen Beitrag einreichen; Diegels Beitrag ragte in mancherlei Hinsicht heraus.

„Größere Leinwände, längere Hälse“ heißt der gut achtminütige Film, den der Deutsch-Niederländer auf die Website der Frankfurter Rundschau hochlud. Man kann nicht direkt sagen, dass er eine Handlung hätte, aber eine Aussage hat er auf jeden Fall. Nein – viele. Es sind Sätze, die man gern zitiert, wie eigentlich alles, was Jos Diegel macht.

„Der Mensch ist das ins Kino gehende Tier“, heißt es in dem Film etwa. Oder: „Größere Leinwände und längere Hälse werden zur Entfremdung des Menschen beitragen.“ Oder: „Und der Film schrie: Gebt mir einen Körper, gebt mir ein Gehirn!“

Kamera aus den 30ern

Dazu ereilt den Betrachter ein Wirbelsturm der Bilder, allerdings nicht neuer, sondern altmodisch wirkender Bilder, gedreht mit einer 16-Millimeter-Kamera, einer Bolex Paillard, wie sie in den 1930er Jahren auf den Markt kam. „Gedreht habe ich in Frankfurt und Offenbach“, sagt Diegel. „Der Film ist komplett in dieser Kamera entstanden, mit Vor- und Zurückspulen und Doppelbelichtungen.“ Dazu hat er altes Kinomaterial vom Flohmarkt bearbeitet, teils gekratzt und in die neuen Aufnahmen hineingeschnitten. Das Resultat ist im besten Sinne aufregend.

Und es passt zur Ausstellung, die sich mit den Affichisten befasste, jenen Pariser Plakatkünstlern und Plakatabreißern und Neues-aus-zerrissenen-Plakaten-Gestaltern, die im engen Kontext standen mit den Lettristen, jenen Wortverdrehern und Wort-neu-Zusammensetzern. Diegels Film steht ganz in dieser Tradition, er zerstückelt und konstruiert, er nimmt sich, was er braucht: Er zitiert ohne Unterlass Lettristen wie Isidore Isou, François Dufrêne, Gil Wolman, Maurice Lemaître oder Guy Debord. Und formuliert damit eine schallende Medien- und Gesellschaftskritik. „Film ist eine Waffe, die mit Zukunft geladen ist“, heißt es in dem Kunstwerk. „Ein Film der flackert, neu verkettet oder Schleifen durchläuft, das ist Denken“, sagt er selbst dazu.

In Rhein-Main ist Diegel längst wohlbekannt als ein Künstler, der sich aller Kunstformen bedient, von der Malerei über Video und Performance bis hin zur Musikgruppe, die sich perfekt vermarktet, ohne auch nur einen Ton Musik zu spielen. Als nächstes plant er einen Langfilm, der sich thematisch an die „Größeren Leinwände“ anschließt: „Das Publikum sind die anderen“.

Preise beim FR-Wettbewerb in Kooperation mit der Schirn gewannen auch neun andere Teilnehmer mit ihren Fotos, Filmen und Liedern. Wer ihre Beiträge und natürlich Jos Diegels Film anschauen möchte, hier ist die Adresse: www.fr-poesie-der-grossstadt.de.

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