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Pflege Berichte von Liebe und Verzweiflung

Angehörige, die einen Demenz-Erkrankten pflegen, sind häufig überlastet. Die „Demenz-Botschafterinnen“ des Bürgerinstituts helfen ihnen.

02.09.2011 21:25
Susanne Schmidt-Lüer
Christel Braunschober und Karin Federici haben selbst Demenzpatienten gepflegt und wissen, wovon sie sprechen. Foto: Christoph Boeckheler

Es sind Geschichten von Versöhnung und Liebe, von Verzweiflung und von Wissen, das weitergegeben werden will. Es sind Szenen wie diese, die auch Jahre später nichts von ihrer Dynamik eingebüßt haben: „Als ich sein Auto verkauft hatte und er mich anschrie: ,Was hast Du gemacht?‘, brach ich zusammen. Da nahm er mich in den Arm.“

Karin Federici steigen heute noch Tränen in die Augen, wenn sie sich daran erinnert und ihre Stimme bebt auch, als sie erzählt: „Meine Tochter ging damals zum Studium nach Fulda. Sie kam jedes Wochenende heim, das Mädel hat keine Partys gefeiert, um mich zu unterstützen.“

Hilflos und aggressiv

Es sind Geschichten über ihren Ehemann, der mit 52 Jahren an Demenz erkrankte, der beim Urlaub in Italien plötzlich die Uhr von der Wand nahm und sagte: „Sieh selbst nach“, als seine Frau ihn nach der Zeit fragte. Der in den vielen Tunnels Richtung Heimat plötzlich nur noch 40 Stundenkilometer fuhr, der bei seiner Arbeit in einem Supermarkt am Flughafen eines Tages „herumlief wie Falschgeld und nicht mehr wusste, was er machen soll“.

Karin Federici hält einen Augenblick inne im Studio 2 im Keller des Bürgerinstituts. Vor acht Jahren ist ihr Ehemann gestorben. Ihre Erfahrungen mit ihm haben sich tief eingegraben und sind so präsent, als seien sie erst gestern geschehen. Karin Federici ist eine von sieben „Demenz-Botschafterinnen“, die sich im Bürgerinstitut zusammengefunden haben, um anderen, die in derselben Situation stecken wie sie damals, als Paten zur Seite zu stehen.

Damals wusste Karin Federici noch nicht, dass der Hausarzt die teuren Medikamente, zu der ihr die Gedächtnis-Sprechstunde an der Uniklinik riet, doch hätte verschreiben können. „Er lehnte es damals ab und sagte, mein Mann sei nur erschöpft.“ Heute noch ist sie betroffen, wenn sie erzählt: „Es wäre außerhalb des Budgets gewesen, wie ich heute weiß.“

Das über die Jahre erworbene Wissen und die Erfahrung, wie es einem geht mit einem zu pflegenden Angehörigen neben dem Vollzeitjob, wollen Karin Federici und ihre Kollegin Christel Braunschober gemeinsam mit anderen Demenzbotschaftern weitergeben.

Wer beispielsweise seine Eltern pflegt, kann von den Erfahrungen Christel Braunschobers profitieren. Sie weiß noch gut, wie hilflos sie sich fühlte, damals vor zwölf Jahren, ein paar Tage vor Pfingsten, als der Anruf sie erreichte, ihre Mutter, die damals im Bayrischen wohnte, könne nicht mehr alleine leben. „Ich holte sie nach Frankfurt, das hatten wir besprochen, als sie 60 war“, sagt Christel Braunschober, die selbst Pflegedienstleiterin war. Doch einen Heimplatz lehnte die Mutter ab.

Braunschober erzählt, wie die Mutter einen Schlaganfall erlitt und sie Pflegerinnen bezahlte, damit die ihre Mutter im Krankenhaus und später zu Hause unterstützten. „Sie war sehr aggressiv, sie hatte Angst und schlug mich.“ Die Tränen kommen ihr wieder, als sie erzählt, wie ihre Mutter 2005 unter heftigen Schmerzen an einer Embolie starb, der Krankenhausarzt sei so überlastet gewesen, dass er zu spät kam, um eine Schmerztherapie anzuordnen: „Es war eine Katastrophe.“

Helene Weitzel vom Bürgerinstitut fallen Untersuchungen ein, die belegen, dass Demenzkranke in Krankenhäusern deutlich weniger Schmerzmittel bekommen als andere: „Nur weil jemand sich nicht äußern kann, kann er trotzdem Schmerzen haben“, sagt Weitzel.

Einweisungen in die Psychiatrie, zu hoch dosierte Medikamente, Krankenhauspersonal, das nicht geschult ist, um mit Demenzpatienten umzugehen – für die Demenzbotschafterinnen gibt es viele Ansatzpunkte. Sie möchten einen Teil der Hilfe und Unterstützung, die sie selbst einst fanden, zurückgeben. Sie betonen, wie wichtig eine Vorsorgevollmacht ist, Ärzte können sich sonst auch der Ehefrau oder Kindern gegenüber auf ihre Schweigepflicht berufen.

Und sie sagen, dass es auch „positive Aspekte“ der Erkrankung gibt: „Meine Mutter konnte nie Gefühle zeigen und auch keine entgegennehmen. Das änderte sich und das war für mich etwas ganz Tolles. Es war ein guter Abschluss.“

Die neue Gruppe der Demenzbotschafter ist über Helene Weitzel im Bürgerinstitut unter Telefon 97201741 zu erreichen. Hilfe für Demenzkranke und Angehörige gibt es auch unter der Telefonnummer 97201737 bei Maren Kochbeck.

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