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Pelz-Branche Die Letzten am Brühl

Nach dem Zweiten Weltkrieg mauserte sich Frankfurt zum Zentrum der Rauchwarenbranche. Pelz ist aber längst kein Prestigeobjekt mehr – Erinnerungen an eine fast vergessene Branche.

13.02.2011 19:44
Anita Strecker
Seniorenchef Manfred Becker steht noch jeden Tag im Fell-Lager. Die Nerze stammen wie fast alle Tierfelle aus Zuchtfarmen. Foto: Stephan Morgenstern

Der Verkehr auf der Karlstraße tost dreispurig über die Kreuzung Niddastraße in Richtung Bankenviertel, trennt von der schmalen Geraden achtlos einen Sackgassen-Stummel ab, der wie eine vergessene „Nidda-Insel“ zurückbleibt. Lediglich ein Torgang Richtung Hauptbahnhof bietet Anschluss an die Welt. Es ist die Insel der Frankfurter Pelzhändler, genauer, ihres harten Kerns, der von der mächtigen Branche übriggeblieben ist, die die Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg zum Zentrum der deutschen Rauchwarenbranche haben aufsteigen lassen.

Opulente Pelzmützen aller Art, lila eingefärbte Felljacken und Westen, flauschige Mäntel liegen hinter den trüben, alugerahmten 50er-Jahre Schaufenstern. Die Aufschrift Rauchwarenhandels GmbH stammt sichtbar auch noch aus der Zeit, die seltsam stehengeblieben scheint in dieser versteckten Sackgasse im Windschatten von Hauptbahnhof, Rotlichtviertel und dem Platz der Republik. Sido Pelze, Simon Furs, oder FL Fashion Pelze – stehen in wettergegärbten Lettern auf den Fenstern, die den Blick frei geben auf Hundertschaften von gebündelten Fellstücken, die wie Tabakblätter von der Decke hängen.

„Niddastraße 67-57“ weist das Schild in den Straßenstummel. Aber Niddastraße sagt hier niemand. Zumindest Wolfgang Czech, Manfred Becker und Claus Aeschlimann aus der Nummer 66 nicht. Die Niddastraße ist für sie „am Brühl“, so wie es die drei von Leipzig her noch kennen. Dort hat alles angefangen, in der berühmten Straße am Brühl, wo Pelzhändler, Kürschner, Kommissionäre zu Hunderten wie auf einer Perlenschnur residierten und das Herz der Branche bildeten. „Weil das Wasser dort sehr weich war“, sagt Czech. Ideale Voraussetzung für die „Zurichter“, wie die Gerber im Fachjargon heißen.

Czech und Becker, beide über 80 Jahre alt, haben noch in Leipzig gelernt. Czech holt ein altes Fotoalbum, blättert durch die Schwarzweiß-Aufnahmen, die Händler vor Pelzbergen in großen Hinterhöfen zeigen. Dann kam der Zweite Weltkrieg, Bomben legten den Brühl in Schutt und Asche, danach war Ostzone, die Betriebe wurden enteignet. „Der Zug ging nach Westen.“

Becker zog 1948 als Mitarbeiter des Traditionshauses Thorer mit nach Fankfurt, Czech folgte 1951, sollte den Pionier spielen für die familieneigene Firma, „mein Vater wollte nicht in den Westen“. Aeschlimann, mit 76 der jüngste im Bunde, hat in Leipzig „noch den 17. Juni mitgemacht“ und stieg danach als Lehrling bei Thorer in Frankfurt ein. Ein Adelstitel, damals in der Branche.

Branche bringt Gewerbesteuer

Dass Frankfurt nach dem Krieg das neue Leipzig wurde, nicht Hamburg oder Nürnberg, die gleichfalls um die Pelzhändler buhlten, haben der damalige Bürgermeister Walter Leiske und OB Walter Kolb geschafft. Leiske kam selbst aus Leipzig, hatte Kontakte und lockte die gewerbesteuer-trächtige Branche mit Erleichterungen bei der Zuzugserlaubnis und beim Aufbau neuer Betriebe in die strategisch günstigen Bahnhofsnähe. Argument genug: „Damals war ja schon jede Schraube ein Problem“, sagt Becker.

„Aus Trümmern in Trümmer“, erinnert sich Wolfgang Czech. Im weißen Kittel des Pelzhändlers steht er neben Becker, mit dessen Betrieb er sich die Geschäftsetage im zweiten Stock der Niddastraße 66 teilt. Jeder verfügbare Raum wurde genutzt, die Pelzhändler rückten zusammen wie es ging. 1951 wurde das Geschäftshaus mit dem großen Hinterhof, den sich die Pelzhändler für ihre Lieferungen teilen, fertig. 50 Händler zogen ein, machten in den Trümmerhäusern nebenan Platz für weitere Nachzügler.

„Ab da ging es aufwärts.“ Im Frühjahr 1949 veranstalteten Händler und Konfektionäre die erste Frankfurter Pelzmesse im Palmengarten – die erste Messe nach dem Krieg überhaupt. Und es gab tatkräftige Aufbauhilfe aus dem Ausland, um die nationalen und internationalen Handelswege wieder aufzubauen, sagen die drei: Etliche Pelzhändler aus Leipzig waren Juden und unterm Naziterror nach London, Paris oder in die USA emigriert und nahmen die alten Beziehungen ins neue Zentrum Frankfurt auf. Es ging aufwärts im Wirtschaftswunderland. Der Pelzmantel wurde zum Prestigeobjekt, die Branche boomte. Wer auf sich hielt, trug Nerz oder wenig-stens Persianer.

In den 60- und 70ern, der Hochzeit der Rauchwarenbranche, konzentrierten sich rund 400 Händler und Konfektionäre die gesamte Niddastraße entlang, ebenso in der „Mainzer“ und Düsseldorfer Straße. Aeschlimann legt ein zerschlissenes, über 100 Seiten starkes Adressverzeichnis auf den Tisch. Alle im Dunstkreis Niddastraße. Die Konzentration hat Methode, sagt Aeschlimann: Alle Lager sind zentral versammelt, von hier schwärmen die Kommissionäre zu Kunden in aller Welt aus und finden am zentralen Umschlagplatz die gewünschte Ware.

Heute erinnert nur noch wenig an den massenhaften Fellumsatz. Czechs Firmensitz mit „großem Lager“ ist dem 25hour-Hotel gewichen. Jetzt bescheidet sich der 82-Jährige mit kleinen Räumen, in denen wenige Kleiderstangen mit Fellen hängen. Nur bei Walter Becker und seinem Kanus Handelshaus eine Flügeltüre weiter, gibt es noch die große Halle, in denen Nerze, Kanin in allen Farben, Chinchilla, Füchse dicht an dicht von der Decke und auf Ständern hängen. Beckers Sohn führt die Firma weiter.

Niemand wird mehr ausgebildet

Von außen steigt indes niemand mehr ein, sagen die drei Altmeister. Das Geschäft läuft mit denen, die qua Familie in den Betrieb wachsen, oder die eben noch aus besseren Zeiten da sind. „Wir bilden keine jungen Leute aus, man weiß ja nicht, ob man ihnen ein Perspektive geben kann.“ Ende der 80er kam der Einbruch, sagen die drei. Allerdings weniger wegen Tierschützern, mit denen es immer wieder heftigste Auseinandersetzungen gab, oder verschärfter Auflagen, Artenschutz und Einfuhrverboten. Es ist vielmehr das Zweitauto, der Zweiturlaub, die teure Unterhaltungselek-tronik, die den Pelzmantel auf der Prestige-Objekt-Skala nach unten rutschen lassen. Der klassische Nerz gilt mit einem Schlag als „madamig“ und „out“, der Persianer als oller Hausfrauenmantel, den es längst als Massenware im Kaufhof gibt.

Die einst so teuren Erbstücke der Mütter und Großmütter werden heute von einigen Händlern zum Spottpreis aufgekauft, umgearbeitet oder nach Osteuropa, an Auktionshäuser oder auf Flohmärkten verscherbelt, sagt Susanne Kolb-Wachtel, Geschäftsführerin des deutschen Pelzinstituts, das gleichfalls „Am Brühl 66“ sitzt. Noch rund 80 Pelzhändler gibt es laut ihrer Statistik. Doch nicht nur ihre Zahl ist drastisch geschrumpft, auch die Betriebe selbst haben abgespeckt.

Mit dem Handel sind Becker, Aeschlimann und Czech dennoch zufrieden. Noch internationaler als es ohnehin schon war, ist das Geschäft geworden. Ihre Kommissäre schwärmen in alle Kontinente aus, der Export ist in den Vordergrund gerückt. China, Russland, Korea haben die Pelze entdeckt. „China kauft alles auf“, sagen Czech und Becker. Wichtiger Abnehmer, aber auch Konkurrent, „wegen der niedrigen Lohnkosten können die konkurrenzlos preiswerte fertige Waren liefern“.

Doch auch in Deutschland ist der Pelz wieder im Kommen, sagen Susanne Kolb-Wachtel und der Frankfurter Pelzmodenhersteller Rolf Schulte, der sein Label von der Niddastraße aus in alle Welt verkauft. Pelz nicht mehr als Mantelklassiker, sondern als Mode-Accessoire. Das erfordert Umdenken, weiß auch Kolb-Wachtel: Früher wurde mit dem unverwüstlichen Material fürs Leben produziert, jetzt kommt jede Saison was Neues.

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