Lade Inhalte...

Paulskirche Gedenken an Reich-Ranicki: „Er fehlt“

Mit persönlichen, aber auch deutlichen Worten erinnert sich Frankfurt an Marcel Reich-Ranicki: Die Gedenkfeier für den verstorbenen Literaturkritiker in der Paulskirche bestimmt ein fast fröhlicher Grundton.

Andrew Ranicki, der Sohn des Verstorbenen, fand treffende Worte. Foto: Rolf Oeser

Die melancholische, ja wehmütige Melodielinie eines Adagio von Franz Schubert füllt die Paulskirche. Es ist die Musik, die Marcel Reich-Ranicki und seine frisch angetraute Ehefrau Tosia 1942 im Warschauer Ghetto hörten. Das Hába Quartett spielt sie bei der Gedenkfeier für den am 18. September 2013 gestorbenen Literaturkritiker und Publizisten. Die Stadt hatte sich entschieden, die Feier in der Paulskirche mit der Familie sorgfältig vorzubereiten – deshalb der späte Termin. Frankfurt erinnert sich – und stets aufs Neue gerät vor 700 Menschen zum Thema, wie sehr der Tote vermisst wird. Am heutigen Montag wäre er 94 Jahre alt geworden.

Und alle, die sprechen, finden persönliche, aber auch deutliche Worte. Es ist der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering, der es „traurig“ nennt, dass Reich-Ranicki nie in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen worden sei. „Zu viele Mitglieder wollten ihn nicht in ihrem Reich haben.“ Wie der Kritiker überhaupt „viele Preise nicht erhalten“ habe. Vieles sei da nicht mehr wiedergutzumachen. Beifall im Rund.

Doch es ist ein fast fröhlicher, munterer Grundton, der die Feier bestimmt. Die Lyrikerin Ulla Hahn erinnert daran, wie sie als junge Rundfunk-Mitarbeiterin den großen Publizisten interviewt und der prompt gefragt habe: „Sie haben doch sicher ein Buch in der Schublade?“ Hahn wagte, schüchtern zu antworten: „Ab und zu schreibe ich Gedichte.“ Antwort von RR: „Schicken Sie mal einige!“ Es war der Beginn einer literarischen Karriere. Später habe der Ältere sie stets ermutigt, zu schreiben und zu arbeiten – ihr mit einem „Kopf hoch!“ Mut gemacht. Die 82-jährige Schriftstellerin Ruth Klüger, die als Kind mehrere Konzentrationslager überlebt hatte, fragt, wieso sie und Reich-Ranicki „als ehemalige Verfolgte der Sprache der Verfolger verfallen“ seien: „Warum musste es ausgerechnet das Deutsche sein?“ Der Kritiker habe „die deutsch-jüdische Symbiose verkörpert und gelebt“. Und sie schließt mit den Worten: „Wir sind ihm dankbar!“

Rachel Salamander, die Reich-Ranickis „Frankfurter Anthologie“ der Lyrik weiterführt, hebt hervor, was er Deutschland gegeben habe: Urbanität, Witz und Esprit, Charme und Leichtigkeit.“ Auch sie endet mit einem einfachen Satz: „Er fehlt“. Und Frank Schirrmacher, der FAZ-Mitherausgeber, provoziert Lachen und Wehmut, als er schildert, wie Reich-Ranicki auf seine späte Berühmtheit reagiert habe: „Es gab sogar eine sprechende Tragetasche, die in seiner Diktion sagte: Das ist gute Literatur.“ All das habe ihm „sehr gefallen.“ Jeder Tag von Reich-Ranickis Leben sei „ein Triumph gegenüber Hitler und dem Dritten Reich“ gewesen. „Er ist unersetzbar.“

Am Ende tritt Andrew Ranicki, der Sohn des Toten, der mit der Familie gekommen ist, vor die Versammlung. Er sei eher „ein Freund von großen Zahlen statt großer Wörter“, sagt der renommierte britische Mathematiker. Und dann dankt er allen, die dem Ehepaar Reich-Ranicki Zuwendung gewährt hätten. Und über seinen Vater sagt er: „Er hat es vermocht, die deutsche Verachtung in Liebe zu verwandeln.“ Applaus brandet auf.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen