Lade Inhalte...

Outdoor-Laden Frankfurt Sine macht dicht - Sine lebt

1979 machte Hausbesetzer Ulrich Dausien seinen ersten Outdoor-Laden in Bockenheim auf - unter seinem Spitznamen Sine. Wenig später gründet er "Jack Wolfskin" als Eigenmarke, zieht mit seinem Laden 2004 in die Frankfurter Innenstadt. Nun schließt Sine für immer - aber Dausien ist längst mit einer neuen Idee in der Republik unterwegs.

31.07.2012 20:36
Katharina Sperber
Trägt keine Trauer: Ulrich Dausien in seinem Sine-laden in der Großen Eschenheimer Straße. Foto: Monika Müller

Ein wenig wehmütig war es Ulrich Dausien schon ums Herz, als er am Abend des 21. Juli in seinen Sine-Laden in Frankfurt fuhr. Im Outdoor-Fachgeschäft in der Großen Eschenheimer Straße begann an diesem Tag der große Ausverkauf. 30 Prozent auf alles – auch auf die bereits reduzierte Ware. Am 1. September ist der letzte Verkaufstag. Dann ist Sine für immer Vergangenheit.

Dennoch wird Sine bleiben. Es gehört zu Frankfurt, wie die Studenten, die sich in den 1960er und 1970er Jahren mit Hausbesetzungen gegen Spekulation wehrten, den Muff von tausend Jahren unter den Talaren lüfteten und kaputt machen wollten, was sie kaputtmachte.

„Nieder mit der Schwerkraft, es lebe der Leichtsinn“, war auch so ein Sponti-Spruch. Vielleicht passt der am besten auf den heute 55 Jahre alten Dausien, der 1979 seinen ersten kleinen Laden in Bockenheim aufmachte – unter seinem Pfadfinderspitznamen Sine. Dort bot er Ruck- und Schlafsäcke, Zelte und Bergsportausrüstung an. Das war nicht etwa der Leichtsinn eines Hallodris, sondern der eines lebenshungrigen, heute eher barocken Menschen, der die leichten Seiten des Lebens liebt – und damit gutes Geld verdienen kann. Wie das geht, wusste Dausien bereits als Student.

Start mit 1000 Schlafsäcken

Auf dem Flohmarkt am Eisernen Steg verkauft der Hausbesetzer und Sponti Palästinensertücher, spart sich von diesem Handel 10.000 Mark zusammen – der Grundstock seines geschäftlichen Erfolgs. Mit dem Geld bezahlt er 1000 Schlafsäcke, die er in Fernost nähen lässt. Die werden ihm hierzulande aus den Händen gerissen. Sine expandiert, und schon 1981 gründet der gebürtige Hanauer „Jack Wolfskin“ als Eigenmarke von Sine. Nur zehn Jahre später verkauft er diese Outdoor-Ausstatterfirma, die heute zu den größten in Europa zählt, an ein US-Unternehmen.

Sine aber behält der damals 33-Jährige, zieht damit 1984 an den Oeder Weg. Die Kunden aus Frankfurt und Umgebung, die hier ihre ersten Bergschuhe kaufen, das kuschlige Zweimannzelt oder eine Regenjacke, die den Namen auch verdient, müssen über all die Jahre in die Hunderttausende zählen.

Als Dausien 2004 an die heutige Adresse zieht, weil er sich hier in der Innenstadt mit ihren Parkhäusern noch bessere Geschäfte verspricht, folgen ihm viele Kunden nicht mehr. Inzwischen hat sich der Outdoor-Markt radikal geändert. Heute zählt Dausien 15 Konkurrenten – Flagship-Stores einzelner Hersteller in der Stadt oder andere Große der Branche wie Globetrotter an der Hanauer Landstraße. „Sines Marktpositionierung wirkt eher unklar“, merkt Dausien. Das Geschäft rechnet sich nicht mehr. Der Mietvertrag läuft aus, Anlass für den Outdoor-Fachmann der ersten Stunde, seinen Laden dichtzumachen.

Trauer muss deswegen keiner tragen. Dausien wäre nicht Dausien, wenn er nicht schon längst mit einer neuen Idee in der Republik unterwegs wäre. Einen wie ihn schüttelt mal die Wehmut, aber deswegen fällt er nicht in Schockstarre. Bereits 1995 hat er in Frankfurt seinen ersten Outdoor-Fachmarkt McTrek eröffnet – wieder in Bockenheim.

Die eine Hälfte der Ware ist topaktuell, die andere besteht aus Restposten – alles für kleines Geld. Auch wenn Equipment heute oft ein Statussymbol ist: Der Kunde freut sich, wenn es trotzdem nicht zu teuer ist. „Der Outdoor-Schotte“, lautete in Bockenheim die Werbung. Heute steht der Markt an der Hanauer Landstraße, wie Globetrotter auch. „Fühlungsvorteil“ nennen das Wirtschaftsfachleute. Dausien glaubt fest daran, dass er neben Globetrotter und dessen Outlet-Geschäft bestehen kann.

Kein Tag ist langweilig

Inzwischen betreibt Dausiens Firma YeahAG von Hanau aus 22 McTrek-Märkte im Land, und jedes Jahr sollen drei bis vier neue hinzukommen. Jeder um die 1000 Quadratmeter groß und mit einem breiten Angebot. Auch das Online-Geschäft boome, sagt Dausien: „Jeden Monat haben wir 100.000 Besucher auf der Web-Seite.“ Der Jahresumsatz betrage 30 Millionen Euro. 2013 werde die Firma mit ihren 200 Mitarbeitern nach Bruchköbel umziehen, in ein Haus mit 1000 Quadratmeter Bürofläche und einem Verkaufsmarkt. Der Chef will „näher an der Ware sein“. Das macht ihm Spaß und fördert die Kontrolle über sein Angebot.

In diesen Tagen legt Ulrich Dausien im Sine-Laden in der City selbst mit Hand an, steigt ins Schaufenster, um einen Flyer zu richten, fegt den Boden, wenn dort Schmutz liegt – „sonst fühlen sich die Kunden ja nicht wohl“. Bei Dausien ist eben selbst ein Ausverkauf kein Ramschladen.

Wenn Sine im September dichtmachen wird, wird auch im Leben des „Outdoor-Urgesteins“, wie er in der Branche genannt wird, wieder einmal ein Kapitel zugeschlagen: „Das Jugendthema ist jetzt abgeschlossen“, sagt er. Aber das Ende der Geschichte ist noch lange nicht in Sicht. „Mir ist keinen Tag langweilig“, lacht er. Soll heißen: Mit ihm muss man auch in Frankfurt noch immer rechnen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen