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Ortsbeirat 3 Keine Wohnung für Harry Potter

Der Ortsbeirat des Frankfurter Nordends muss kämpfen, damit aus dem alten Studenten- und Sponti-Viertel nicht ein gesichtsloses Luxusquartier wird.

Trügerisch ruhige Fassaden im Nordend. Foto: FR/Oeser

Es gibt Ortsbeiräte, die diskutieren viel. Es gibt auch Ortsbeiräte, die diskutieren sehr viel. Und es gibt den Ortsbeirat 3. Der debattiert alles. Mal heftig und polemisch, mal gemäßigt und sachlich – aber immer ausgiebig und lange. Sei es der Standort eines einzelnen Fahrradbügels (das dauert schon mal so lange wie die Tagesschau), Bäume auf Gehwegnasen (Spielfilm-Länge) oder das eigene Budget (Kurzfilm-Festival).

Kein Wunder also, dass die Nordend-Politiker von allen Ortsbeiräten in der Stadt im Schnitt am längsten zusammenhocken. Aber sie haben ja auch immer wieder große Brocken auf der Tagesordnung. Die Hochbahnsteige der U5 zum Beispiel. Oder der Parkdruck im Nordend. Und dann ist da noch das Thema, das die Politiker auf jeden Fall in der nächsten Wahlperiode beschäftigen wird: Wohnen im Nordend.

Denn wer im Nordend wohnen kann, das ist inzwischen oft eine Frage des Geldes. Das einst so vor sich hindümpelnde Quartier ist heute schick und teuer. So teuer, dass Alteingesessene von Besserverdienenden verdrängt werden. Die soziale Mischung im Stadtteil verschwindet. Arme, Arbeiter und Alte können sich die Miete nicht mehr leisten, wenn ihr angestammtes Heim luxussaniert wird. Anwälte, Architekten und andere Akademiker blättern dagegen über 3000 Euro für den Quadratmeter einer Eigentumswohnung hin.

Nicht mehr bewohnbar

Für alle Parteien ist diese „Gentrifizierung“ Thema. Gerhard Brandt, Alleinkämpfer für die FDP, sieht dabei aber wenig Handlungsbedarf: „In einer sanierten Wohnung kann man eben nicht zum Nulltarif leben.“ Es habe schon immer Veränderungen in der sozialen Struktur des Nordends gegeben, nun seien eben die Besserverdienenden da. „Die Stadt sollte lieber in Flächen in der Nordweststadt oder im Gutleut investieren“, findet er. So würde Wohnraum für Einkommensschwächere geschaffen.

In der SPD sieht man das anders. „Wir wollen nicht, dass das Nordend vor lauter Aufwertung nicht mehr bewohnbar für Alteingesessene wird“, sagt Fraktionschef und Spitzenkandidat Rüdiger Koch. Deshalb fordert die SPD genauso wie Grüne, Linke und ÖkoLinX einen Milieuschutz für den Stadtteil. Damit sollen dem Luxus Grenzen gesetzt werden.

Mit dem Milieuschutz sei schließlich auch ein Vorkaufsrecht der Stadt für Mietshäuser verbunden, sagen die Linken. Private Bauherren dürften der Stadt dann nur zuvorkommen, wenn sie auf Luxussanierungen verzichten. Ein Allheilmittel ist der Milieuschutz aber nicht: „Es ist sicher nicht das stärkste Instrument“, sagt Grünen-Chef Bernhard Maier, „aber es ist zumindest eine Möglichkeit, die Mietervertreibung abzuschwächen.“

In der CDU heißt es dagegen genau wie in der FDP: Milieuschutz? Nein, danke. „Der ist eher hinderlich“, findet der scheidende Fraktionsboss Christian Falk. Überall werde die energetische Sanierung von Altbauten gefordert, „aber das noch und nöcher zu fordern und keine Kostensteigerung zu akzeptieren, geht nicht“. Um aber allen Gruppen Platz im Nordend zu bieten, sollte neuer Wohnraum geschaffen werden. „Wohnbauflächen wie am Wasserpark gibt’s natürlich kaum, aber mit den vorhandenen Flächen müssen wir intelligent und vernünftig umgehen.“

Wieder Häuser besetzen

Eines aber wollen alle Parteien: mehr sozial geförderte Wohnungen im Nordend. „Wir brauchen auch Rückzugsgebiete für Arme im Stadtteil“, sagt Manfred Zieran (ÖkoLinX). „Wenn wir jetzt nicht gegen den Wandel im Nordend steuern, dann kommen wir wieder so weit, dass wir Wohnungen und Häuser besetzen.“

Noch aber tobt der Häuserkampf nur in der Diskussion. Und die wird der Ortsbeirat mit Verve führen. (Prognose: Könnte so lange gehen wie Harry-Potter-Marathon mit anschließender Star-Wars-Convention und Herr-derRinge-Filmnacht).

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