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Operngala Oh, wie trügerisch sind Weiberherzen

Szenen von der 16. Frankfurter Operngala: Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) macht den Kommunalen Finanzausgleich zum Thema. Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) kontert.

Das festliche Bankett auf der Opernbühne dauerte bis in die Nacht hinein. Foto: Michael Schick

Irgendwann, es ist längst Sonntagmorgen, rieselt ein bunter Konfetti-Regen auf die riesige Bühne. Die Gäste an den mehr als 70 festlich gedeckten Tischen haben gerade gemeinsam die Kanzone des Herzogs von Mantua aus dem dritten Akt von Guiseppe Verdis Oper „Rigoletto“ angestimmt: „Oh, wie so trügerisch sind Weiberherzen“. Das Publikum ist erhitzt, bestens gelaunt. Die 16. Gala der Frankfurter Oper dauert da schon mehr als sieben Stunden – ein überwältigendes Ereignis für alle Sinne, ein Fest der Musik und der großen Stimmen.

Einmal im Jahr lädt das Opernhaus seine Freunde und Förderer ein. Und sie sind gekommen, die Repräsentanten von Wirtschaft, Politik und Kultur, „zum Teil von weither“, wie Opern-Intendant Bernd Loebe zur Begrüßung sagt. Es ist ein großer Jahrmarkt der Eitelkeiten, eine Gala des Sehens und Gesehenwerdens, die Damen in großer Abendgarderobe, die Herren im Smoking, draußen vor dem Opernhaus eine Parade der sanft glänzenden Luxuswagen mit Chauffeur. Alle, alle sind da, von Jürgen Fitschen, dem Chef der Deutschen Bank, über sämtliche Frankfurter Star-Architekten bis hin zum früheren Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping.

Nüchtern betrachtet ist die Operngala ein großes Spenden-Ereignis, für das Haus längst überlebensnotwendig geworden trotz der Unterstützung der Stadt Frankfurt. 930 Gäste haben an diesem Abend mehr als 850.000 Euro mitgebracht.

Und dafür präsentieren der Intendant, auch er im eigentlich ungeliebten Smoking, das Opern- und Museumsorchester unter der Leitung von Generalmusikdirektor Sebastian Weigle und natürlich der Chor mit Direktor Tilman Michael eine große Leistungsbilanz. Das musikalische Programm bringt nicht nur die Höhepunkte, auf die das Publikum wartet. Natürlich die Arie des Rudolfo aus „La Bohéme“ („Che gelida manina“) oder das Finale des dritten Aktes aus der „Csárdásfürstin“ (Das ist die Liebe, die dumme Liebe“). Nein, auch die Stars zeigen sich und die, die neu zum Ensemble gestoßen sind. Der junge Tenor Mario Chang aus Guatemala, seit der neuen Spielzeit dabei, wird zum Liebling des Abends. Schwebt am Ende auf einer kleinen Bühne gar über den Köpfen des Publikums....

Intendant Loebe, der das Haus seit 2002 leitet, hatte seinen Vertrag unlängst bis 2023 verlängert – dann wird er 70 Jahre alt sein. Längst ist er eine Art Vaterfigur geworden, ein Mann mit Ecken und Kanten, einer, der bestimmen will und führen. Aber auch einer, der über Selbstironie verfügt – und der in das Programm der Oper auch ein gerüttelt Maß kritischer Ansätze integriert.

Loebe, der als Kritiker begann, ist bewusst, welche Gesellschaft die Oper umgibt. Als auf der Bühne der „Abendsegen“ aus „Händel und Gretel“ gesungen wird, widmet er diesen Programmpunkt der Studentin Tugce Albayrak, die in Offenbach Opfer von Gewalt wurde, „einem Menschen, der sein Leben ließ, indem er Zivilcourage zeigte.“ Großer Beifall. Loebe hält sich zugute, dass unter seiner Führung „Sänger behutsam aufgebaut, nicht wie die Zitronen zerquetscht“ werden. Und natürlich gibt er an diesem Abend dem Affen Zucker – das wird erwartet. „Wir haben das beste Ensemble!“, ruft er einmal in den Applaus hinein. Schließlich sind die Frankfurter tatsächlich einmal zum besten Opernhaus der Welt und mehrfach zur Oper des Jahres in Deutschland gekürt worden.

Stimmung ist prächtig

Mit ironischem Unterton klagt der Intendant über die Schwierigkeiten, die es bereite, das Ensemble, „diesen Flohzirkus“, zusammenzuhalten. Schließlich strebten viele der Sängerinnen und Sänger in die Welt hinaus, wollten Karriere machen, „ihren Schnitt“.

Und Jürgen Fitschen tritt dann auch noch vors Publikum, diesmal in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Sektion Oper des Patronatsvereins für die Städtischen Bühnen. Der Bankier, der es sichtlich genießt, mal die vielfältigen Probleme seines Unternehmens hinter sich lassen zu können, gibt als Ziel aus, der Oper „demnächst eine Million Euro zukommen zu lassen“, die Zahl der Mäzene zu erhöhen.

Die Stimmung ist prächtig, das Menü mit Medaillons vom rosa gebratenen Rinderfilet unter der Papaya-Mango-Kruste auch.

Nur einer kann es mal wieder nicht lassen: Peter Feldmann löckt gegen den Stachel. Der Oberbürgermeister, der sich zu Beginn seiner Amtszeit vom Opernhaus fernhielt, macht doch in seiner Rede in seiner Rede tatsächlich den Kommunalen Finanzausgleich zum Thema. Mit einem roten Mikrophon in der Hand fordert er von Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU), der in der ersten Reihe sitzt: „Sprechen Sie mit ihrem Finanzminister – die Kultur, das Flagschiff der Stadt, darf nicht beschnitten werden!“ Die Kürzungen von jährlich 77 Millionen Euro seien „für unsere Stadt und die Kultur nicht tragbar.“

Der OB liest vom Blatt ab, wirkt nicht gerade locker vor diesem Publikum. Es gibt Beifall für ihn, aber auch Naserümpfen im erlesenen Auditorium: Degoutant, dieser Feldmann! Bei diesem schönen Anlass! Bouffier jedenfalls lässt sich nicht lumpen. Greift sich ein schwarzes Mikrophon und antwortet auf den Sozialdemokraten. Parliert locker, als sei er in der Oper zuhause. „Nirgendwo, wo ich hinkomme, werde ich mit den Worten begrüßt: Wir haben zu viel Geld.“ Und dann ein veritables Horror-Gemälde: „Stellen Sie sich einen kleinen Moment vor, wir wären in Offenbach!“ Erschrockenes Raunen im Saal. Dort sind die Finanzen ja bekanntlich nur „sehr, sehr bescheiden.“

Bouffier verteilt Komplimente. „Das Land Hessen wäre ohne die Stadt Frankfurt nicht das, was es ist.“ Der Ministerpräsident verspricht der Kommune: „Wir werden uns zusammensetzen und wir werden einen Weg finden, dass wir zusammenkommen.“ Und noch einmal: „Selbstverständlich werden wir darüber reden.“ Was diese Worte wohl wert sind?

Dann aber wird gefeiert. Bis in den frühen Morgen. Unten vor der Oper warten die Chauffeure neben den Limousinen.

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