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Öffentlicher Nahverkehr Verkehr auf Digitalkurs

Der RMV macht auf der internationalen Leitmesse für Schienenverkehr in Berlin die neuen Technologien und das Qualitätsproblem der Deutschen Bahn zum Thema und bringt die Messeneuheiten nach Hessen.

Messeneuheit: Der mit Wasserstoff angetriebene Zug des Konzerns Alstom verkehrt in zwei Jahren im Taunus. Foto: dpa

Ein Fahrkartenautomat, der mit dem Kunden spricht? Und der auf Fragen antwortet? In etwas mehr als einem Jahr ist das keine Science-Fiction, sondern Realität. Die Deutsche Bahn hat die Ausschreibung verloren und muss zum Jahresanfang 2018 ihre knapp 620 türkis-roten Ticketautomaten abbauen. Was dann kommt, ist ein wesentlich kundenfreundlicherer Ersatz.

Diesen Eindruck weckt zumindest der Prototyp, den die Firma ICA auf der Innotrans in Berlin aufgestellt hat, der internationalen Leitmesse für Schienenverkehr in Berlin. Die Stimme ist übrigens nicht die eines Computers, der erfahrungsgemäß ohnehin nichts kapiert. Das Mikrofon im Automaten führt direkt ins Callcenter, in dem Menschen aus Fleisch und Blut sitzen. Schöne neue Welt des öffentlichen Verkehrs.

Ein paar Stände neben der Firma ICA präsentiert sich der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) mit der RMS, seiner 100-prozentigen Tochter. Und auf dem Außengelände steht ein Fahrzeug, das die Taunusbahn in das 21. Jahrhundert katapultieren soll: Die emissionsfreie Bahn der Firma Alstom wird die alten Dieselloks und Blechwagen der Hessischen Landesbahn ersetzen. Zehn Züge sollen bis 2022 zwischen Frankfurt und Grävenwiesbach beziehungsweise Königstein verkehren. Angetrieben werden sie mit Wasserstoff. Bis zu 800 Kilometer kann so ein Fahrzeug pro Tag zurücklegen, bis der Tank leer ist. 300 Menschen transportieren, die Hälfte davon sitzend. Für Fahrräder oder Rollstühle ist auch genug Platz.

Klappt alles nach Plan, wird Hessen 2019 das erste Bundesland sein, in dem der grüne und leise Regionalzug zum Einsatz kommt. Grund für Hessens Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) bei seinem heutigen Messebesuch auch einen Stopp bei Alstom einzulegen.

Die alle zwei Jahre stattfindende Innotrans gilt als wichtigste Messe der Branche. Dem RMV dient sie in erster Linie der Kontaktpflege. Für die RMS ist sie wichtig, um neue Geschäftsbeziehungen zu knüpfen. Und das habe schon am ersten Tag gut funktioniert, sagt Jörg Puzicha, Geschäftsführer der RMV-Tochter. Die ist relativ unbekannt, obwohl viele Kunden mit ihr regelmäßig zu tun haben.

Die gegenüber des Frankfurter Hauptbahnhofs ansässige GmbH betreibt das 24-Stunden-Callcenter, den Kundendialog via soziale Medien und nimmt die Bestellungen für Anrufsammeltaxis entgegen. Wenn irgendetwas im System nicht funktioniere, erführen die Mitarbeiter es und gäben es an den RMV weiter, sagt Puzicha. „Wir haben das Ohr an der Schiene.“ An zehn Bundesforschungsprojekten beteiligt sich die RMS, die nicht auf Hessen begrenzt ist. Sie war auch an der Entwicklung des elektronischen Tickets für den RMV beteiligt. Das Know-how bleibt nicht in Hessen, sondern wird weiterverkauft: nach Stuttgart und demnächst auch München.

Ein einziges elektronisches Ticket, mit dem der Kunde in der gesamte Republik unterwegs sein kann. Das ist die Vision, an der RMV-Geschäftsführer Knut Ringat arbeitet. Die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs müsse so einfach und kostengünstig wie möglich funktionieren, sagt er. Die Menschen wollten es so einfach wie möglich haben, und die Digitalisierung biete die Chance dazu. „Es ist falsch, wenn jeder seinen eigenen Weg geht.“

Die Südhessen empfehlen sich bei der Messe als Innovationstreiber. Rund eine halbe Million Chipkarten hat der RMV inzwischen ausgegeben. Sämtliche Zeitkarten sind umgestellt.

„Wir sind deutschlandweit spitze“, sagt Ringat. Aktuell wird das Jobticket von Papier auf Plastikkarte umgestellt. Und die ist nicht nur zum Bus und Bahnfahren nutzbar, sondern kommt auch beim Carsharing zum Einsatz. Der derzeit laufende Test eines distanzabhängigen Tarifs, RMV-Smart genannt, ist ein weiteres Produkt, das bei den Messebesuchern Beachtung findet. 6200 Menschen nehmen aktuell daran teil. Hier muss das Ticket noch per Handy gebucht werden. Einen Schritt weiter ist das Projekt, für das auf einem Bildschirm ein Film mit englischem Untertitel wirbt: „Be in be out“ heißt die Technologie. Auf Deutsch: Sei drin, sei draußen. Der Fahrgast muss nicht mehr auf dem Smartphone sein Ziel eingeben, sondern wird per Bluetooth beim Ein- und dann wieder beim Aussteigen in die Bahn oder den Bus registriert. Auch hier soll er am Ende nur die Kilometer bezahlen, die er zurückgelegt hat. Die Rechnung kommt einmal im Monat. In vier Jahren will der RMV mit dem schrittweisen Einsatz dieser Zukunftstechnik beginnen. Ein ehrgeiziges Projekt in einer Zeit des rasenden technologischen Wandels. Und es gibt schon ein neues Projekt, für das beim Bundesverkehrsministerium ein Antrag auf Förderung liegt.

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