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Occupy-Frankfurt Protestcamp vor der EZB

Die „Occupy“-Bewegung kommt in Frankfurt an – und wird so schnell auch nicht wieder verschwinden: Rund 200 Demonstranten harren derzeit noch in Zelten vor der Europäischen Zentralbank aus.

200 Demonstranten campieren derzeit noch vor der Europäischen Zentralbank. Foto: dapd

Es werden immer mehr. Gegen 12 Uhr auf dem Rathenauplatz fragt sich Wolfram Siener noch, ob die 1000er-Grenze geknackt werden kann. Sie kann. Es werden etwa 5000 sein, die gut eine halbe Stunde auf dem Platz vor der Europäischen Zentralbank (EZB) gegen die Macht der Banken demonstrieren.

Siener, 20 Jahre alt, ist so etwas wie das Gesicht der deutschen „Occupy“-Bewegung, die am Samstag rund um den Globus zu Protesten aufgerufen hat. Seit einem Auftritt bei Maybrit Illner ist er gern gesehener TV-Gesprächspartner, der Spiegel nennt ihn eine „charismatische Führungsfigur“, die „wie ein Popstar gefeiert werde“. Siener ist ein höflicher, aber zorniger junger Mann, der sein Damaskuserlebnis in Finnland hatte. Dort habe er erkannt, wie krank das System ist. Sein Zorn ist immerhin zielgerichtet: „Ich möchte die Politiker ein bisschen in Schutz nehmen. Die haben nicht die Macht, etwas zu ändern. Auch die Unternehmensbosse nicht.“ Die Macht, das seien die Banken. Zumindest deren dunkle Seite.

Noch während der an diesem Tag bei den Medien sehr gefragte Siener seine Sicht der Welt erläutert, fällt ihm Rüdiger Heyl ins Wort. Der 59-jährige Schweizer hat ein Problem: eigentlich ist er hier, um für „mehr direkte Demokratie zu streiten“, ein bisschen so, wie die Schweiz es vorexerziere. „Ich finde es nicht so gut, dass du so tust, als seist du der Sprecher der Bewegung“, sagt er zu Siener. Das tue er doch gar nicht, protestiert Siener, und schon haben die beiden eine wunderschöne basisdemokratische Diskussion am laufen. Kameradschaftlich, auf Augenhöhe. Obwohl Heyl noch nie in einer Talkshow eingeladen war. Seine Einstellung gegenüber Banken bleibt allerdings vorerst ein Schweizer Geheimnis.

Es ist ein bunter Haufen, der da am Samstag demonstriert. Ein bisschen Antifa, ein bisschen Nordend. Alte und Junge. Männlein und Weiblein. Sogar ein paar Schlipsträger kann man sichten. Allerdings übersteigt die Zahl der Guy-Fawkes-Masken deutlich die der Krawatten. Die Demonstration beginnt mit dem Verlesen von Grußworten. Man versteht fast nichts. Gut organisiert ist das nicht. Aber umso charmanter.

Am Sonntagmittag schnippelt Jörg, der seinen Nachnamen lieber für sich behalten will, Karotten für hungrige Mäuler. Jörg ist einer von etwa 200 Demonstranten, die am Platz vor der EZB ihre Zelte aufgeschlagen haben. Und dort weiter ausharren wollen. Nach langen Jahren hat Frankfurt also wieder ein Hüttendorf, mitten in der Taunusanlage. Wobei Zeltdorf wohl passender wäre.

In der Sonne, auf der Wiese, sitzen die Bewohner im Kreis und diskutieren. „Wir sollten eine Kunst- und Kulturgruppe gründen, um die Menschen besser zu erreichen“, sagt einer.

Jörg kann nicht mitdiskutieren. Er hat Küchendienst. Wie die erste Nacht im Zelt war? „Kalt“, sagt er. Kalt, aber schön. „Wir haben um die Feuertonne gesessen, Musik gemacht und bis in den frühen Morgen diskutiert. Der Kioskbesitzer versorgt uns mit Wasser. In der Nacht sind die Obdachlosen vorbeigekommen, haben ihre Kornflaschen mit uns geteilt und mitdiskutiert.“

Banker waren noch keine da. Polizei schon. Nette Kerle, freundliche Typen, sagt Jörg, und sein kanadischer Küchenhelfer nickt zustimmend. „Ich habe das Gefühl, die ganzen asozialen Bullen sind in Berlin.“

Spaziergänger machen Halt am Küchenzelt, fragen, was die Zelter brauchen könnten, wie man ihnen helfen könne. Die Zelter helfen derweil der Taunusanlage: sie säubern sie von Müll.

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