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Occupy Frankfurt Krieg den Banken - und zwar friedlich

Die Occupy-Bewegung hat in Frankfurt Schätzungen zufolge 5000 Menschen mobilisiert. Sie versammelten sich vor der Europäischen Zentralbank, um ein Zeichen für mehr Gerechtigkeit zu setzen. Unsere Autorin hat sich das bunte Treiben genauer angesehen.

15.10.2011 18:01
Verena Hölzl
Proteste in Frankfurt Foto: Verena Hölzl

Die silberglänzenden Türme der Frankfurter Großbanken ragen an diesem Vormittag wie immer stolz in den Himmel. Doch an diesem Tag sollten sie nicht wie immer von einer gaffenden Menge bestaunt, sondern für eine unzufriedene Menschenmasse zum Symbol ihrer Wut werden. Und das Symbol zog Schätzungen der Polizei zufolge zu Spitzenzeiten 5000 Menschen an.

Eine von ihnen ist Renate Maurer-Hein. Auf ihrem schwarzen Rucksack prangt ein Gerechtigkeits-Slogan und schon an der Hauptwache ist klar: Sie möchte sich heute der Occupy-Bewegung anschließen. Das einzige Problem: Eine Stunde vor dem geplanten Marsch zur EZB ist von einer demonstrierenden Menge am Rathenauplatz weit und breit nichts zu sehen. Doch die Occupyies sind einander nicht nur im Geiste, sondern oft auch in Sachen Gepäck verbunden. Maurer-Hein spricht eine entgegenkommende Dame an, die ein selbstgebasteltes Schild vor sich herträgt und den Weg weisen kann. Ihr tun die Füße weh, sie sei schon seit 11 Uhr im Occupy-Getümel unterwegs und habe am Willy-Brandt-Platz nun genug gesehen.

"Ich fress Bankster"

Ein Polizist hätte Renate Maurer-Hein aufklären können. Wegen weiterer Veranstaltungen in der Nähe der Hauptwache wurde der ursprüngliche Plan, den sie aus dem Internet hat, geändert. Es ist kein Wunder, dass die Frankfurterin ihre Gleichgesinnten um zwei Uhr nicht mehr am Rathenauplatz findet.

Maurer-Hein arbeite im sozialen Bereich, sei in Email-Verteilern unterschiedlicher links-orientierter Organisationen wie Attac und wolle bei der Versammlung ein Zeichen für mehr Gerechtigkeit auf der Welt setzen.

Ein Zeichen setzen wollen auch zwei junge Männer, die aus der Nähe von Gießen angereist sind. Sie stehen etwas am Rande der Menschenmasse und halten einlaminierte Zettel vor dem Bauch: "Wir tragen nicht länger die Last eueres Systems - Politik für Bürger". Doch wer ist "wir" und von wessen System ist an diesem Tag eigentlich tatsächlich die Rede?

Vor der meterhohen Euroskulptur am Fuße der Europäischen Zentralbank ragen Peace-Fahnen, Luftballons und das Anti-Atomkraft-Symbol in die Luft. Orangefarbene Attac-Flaggen werden umher getragen und wer möchte, kann sich die Biographie von Sahra Wagenknecht (Linke) zulegen oder die "Zweimonatszeitung der Internationalen Kommunistischen Strömung" ergattern. Achso, es gibt übrigens auch konservativ dreinschauende Figuren. Die allerdings tragen auf ihren Jacken dann meistens doch ein Gewerkschafts-Emblem oder haben sich gar als Banker verkleidet. Hoffentlich ist der weiße Mischling nicht tatsächlich auf "Bankster" abgerichtet. Auf dem Mäntelchen, das Herrchen oder Frauchen ihm für den großen Occupy-Tag angezogen hat, warnt er jedenfalls: "Ich fress Bankster".

Alan Mitcham aus Köln blickt indes zwar nicht aus einem der Bankentürme auf das Geschehen, sieht es aber dennoch distanziert. "Das hier ist Dogmatismus", bedauert er und zuckt die Schultern. Er habe sich bereits diversen Gruppierungen wie Attac angeschlossen und sei auch dort von der fehlenden Demokratie enttäuscht gewesen. Während Fäkalsprache aus den etwas mickrigen Lautsprechern neben Seifenblasen durch die Luft wirbelt, meint der Belgier: "Destruktiv sein alleine reicht nicht", und zweifelt: "Die Leute, die hier protestieren, sind doch keine heterogene Masse. Wir brauchen noch mehr Dialog zwischen unterschiedlichen Gruppierungen." Sein Dialog-Rezept: Er entwirft und druckt Postkarten im Comicstil. Ganz klein gibt er darauf schon mal die Adresse des Bundesfinanzministers und des Europäischen Kommissionspräsidenten an.

Trommler, Jongleure und eine zufriedene Polizei

Ob es nun den Dialog im Sinne von Alan Mitcham gibt oder nicht: Debattiert wird allemal. Bei Döner und Currywurst diskutiert, wer sich vor Occupy noch nie gesehen hat - ob jung oder alt. Und wer seine Stimme erheben möchte, kann sich in die Schlange vor dem Lautsprecher einreihen, um dann die Revolution in den Verstärker zu heulen oder den Staatstrojaner auf die Agenda zu setzen.

Doch es gibt auch geplantes Programm. Professor Bernd Senf, der bis 2009 an der Fachhochschule für Wirtschaft in Berlin lehrte, zum Beispiel. Der habilitierte Volkswirt prangert das Finanzsystem als gefährlich an. Die Masse, die vor ihm auf dem Pflaster sitzt, liegt oder picknickt, klatscht. Die wissenschaftliche Expertise kann eine andere neugierige Passantin nicht beeindrucken: "Was ich hier sehe, sind einfach nur die üblichen Verdächtigen aus dem linken Lager." Keine Spur von einem heterogenen Protest also?

"Wir sind gar nicht politisch. Zumindest gehören wir keiner Partei an." Alex, Johannes und Michael, die aus Nürnberg angereist sind, halten ein Plakat in die Luft, auf dem sie einen Neustart des Finanzsystems fordern. Ein paar Trommler und Jongleure, die sich auf den inzwischen gelichteten Wiesen tummeln, weiter: Kathrine, Bear und Shanine aus Florida. Sie arbeiten in Frankfurt und klären auf: "In den Staaten finden die Proteste nicht nur an der Wall Street, sondern in ganz Amerika statt." Die Medien liefern ein verzerrtes Bild. Die jungen Frauen sehen in der Occupy-Bewegung ein globales Cluster für mehr Demokratie. Aber kann eine unorganisierte Bewegung wie Occupy außerhalb der Parlamente etwas bewegen? "Es geht zunächst darum, einen Anfang zu machen. Wir müssen über die Fehler im System aufklären und Zeichen setzen", meinen sie.

Vereinzelt lugen auch Menschen aus dem Bistro des gegenüberliegenden Schauspielhauses auf das im wahresten Sinne des Wortes bunte Treiben am Willy-Brandt-Platz. Bunt ging es in den Augen von Ordnungsamt und Polizei übrigens nicht zu. "Klasse" sei die Kooperation mit den Veranstaltern von Anfang an gewesen. Bisher konnte alles im harmonischen Einvernehmen geregelt werden und der Ablauf war sehr friedlich", lobt ein Polizist und blinzelt aus seinem Einsatzfahrzeug in Richtung einer jungen Frau, die mit Straßenmalkreiden die betonernen Sitzflächen mit Parolen verziert.

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