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Obdachlosenhilfe Schwester Sigrid ist für Obdachlose da

Eine Ordensschwester führt das "Haus Lichtblick" in der Eschersheimer Straße, wo Obdachlose Hilfe und ein Zuhause finden. Nun sucht die 75-Jährige eine Nachfolge für ihr Lebenswerk.

Zu Schwester Sigrids Arbeit im "Haus Lichtblick" gehört auch jede Menge Organisation im Büro. Foto: Sascha Rheker

Eine Stadt, in der die einen in der Bank arbeiten und die anderen auf ihr schlafen“ – so wirkte Frankfurt auf Schwester Sigrid, als sie 1989 in das Ordenshaus der „Armen-Schwestern des heiligen Franziskus“ in der Lange Straße versetzt wurde. 23 Jahre später öffnet sie die Haustür eines unscheinbaren Wohnblocks an der oberen Eschersheimer Landstraße, um die Besucherin mit einem festen Händedruck im Haus Lichtblick willkommen zu heißen. Es ist der Ort, den sie geschaffen hat für die, die damals auf der Bank schliefen. Das Haus Lichtblick ist seit 1999 zum Zuhause für viele ehemals Obdachlose geworden.
Bei einem Kaffee in ihrem kleinen, schlichten Büro, in dessen einer Ecke ihr Bett steht, erzählt die Schwester die Geschichte des Hauses und seiner Bewohner. Sie tut es mit ruhiger Stimme und lächelt viel. Nur hier und da verrät eine gewisse Strenge in ihren Worten, wie sehr sie es gewohnt ist, zu mahnen, zu überzeugen, sich durchzusetzen. Ihr respekteinflößendes Äußeres im Ordensgewand, mit dem strengen Schleier, der ihr Gesicht umrahmt, tut sein Übriges.

Mit den Ämtern hatte sie selbst viele Probleme, sie stieß auf viele bürokratische Widerstände
Bei ihrer Ankunft in Frankfurt war sie nicht im Geringsten auf das vorbereit, was sie bei ihren Erkundungen in den B-Ebenen, Bahnhöfen und Parks zu sehen bekam: „Ich habe da einem Mann Lumpen abgenommen, die er sich ums Bein gewickelt hatte, und aus den offenen Wunden fielen Maden heraus“, erinnert sie sich. Die Tatsache, dass Menschen wie er gezwungen waren, ihr Dasein auf der Straße zu fristen, ließ ihr keine Ruhe. Fortan suchte sie Wohnungslose überall in der Stadt auf, versorgte Verletzungen, hielt „Schwätzchen“. Sie sei damals sehr bekannt gewesen auf der Straße. „Ich leuchte mit meinem Gewand“, sagt sie lächelnd. „Und ich sehe nicht so nach Amt aus.“
Mit den Ämtern hatte sie selbst viele Probleme, als sie in ihrem Bestreben, die Hilfe zu professionalisieren, auf bürokratische Widerstände stieß. „Doch die Wut darüber habe ich in Energie umgepolt.“ So gründete Schwester Sigrid 1992 mit Unterstützung von Ehrenamtlichen aus Kirche, Orden und freier Wirtschaft den Verein „Lichtblick“ und begann, nach Wohnmöglichkeiten für Obdachlose zu suchen.
Mit dem Kauf des Hauses Lichtblick im Jahr 1997 war ein großer Schritt getan. Im gleichen Jahr gründete Schwester Sigrid den Verein „Lichtblick aktiv“. Der Name ist ein ironischer Gegenentwurf zu „Zeil aktiv“, einer Initiative von Frankfurter Geschäftsleuten zur Attraktivitätssteigerung der Zeil, deren Ziel nicht zuletzt gewesen sei, Obdachlose aus der Innenstadt fernzuhalten.

Schwester Sigrid will Wohnsitzlose nicht fernhalten, sondern wieder in die Gesellschaft holen
Fernhalten – genau das Gegenteil ist Schwester Sigrids Ansatz. Sie will die Außenseiter wieder reinholen in die Gesellschaft, ihnen dort einen Ort schaffen, der ihren Bedürfnissen entspricht. Keine leichte Aufgabe, denn Schwester Sigrid widmet sich nicht nur den „Rüstigen“, die nach einer Starthilfe alleine wohnen können. Sie will auch „die, die keiner will“.
Viele der etwa 35 Bewohner des Hauses Lichtblick sind alt oder krank – körperlich wie psychisch. Schwester Sigrid sieht in ihnen nicht nur die Süchtigen, die Verwirrten, die Außenseiter, sondern Menschen, die ein Recht darauf haben, in Würde zu leben. Hier hat jeder sein eigenes, liebevoll eingerichtetes Zimmer, und zwar – darauf legt sie größten Wert – mit eigenem Mietvertrag. Schwester Sigrid möchte die Bewohner auch als Rechtspersonen ernst nehmen.
Bei einem Rundgang durchs Haus erlauben einige Bewohner einen Blick in ihr Reich. Hinter den Türen, die von den kargen Fluren abgehen, verbergen sich helle Wohnwelten, die viel über die Persönlichkeit ihrer Bewohner erzählen. Das Zimmer eines freundlichen Mannes mit Bart etwa ist in knalligem Blau und Rot gestrichen, und das Vereinslogo von Bayern München ziert fast jeden Gegenstand im Raum – von der Bettwäsche bis zum Teppich.
Im Umgang mit ihren Schützlingen ist sie wieder da, diese Mischung aus Wärme und Strenge. „Wir sind hier eine Familie“, sagt Schwester Sigrid, und wie in einer Familie gebe es Dinge, die nicht gingen, „wenn wir hier friedlich zusammenleben wollen“. Harte Drogen werden im Haus nicht geduldet. Alkohol in Maßen verbietet sie den Bewohnern nicht, obwohl sie erfahren hat, welche Gefahren er birgt.
Zurück im Büro sucht Schwester Sigrid aus einem Stapel von Farbfotos eines heraus, auf dem ein Tisch voller Flaschen zu sehen ist und zwei Männer, die noch immer sitzend ihren Rausch auszuschlafen scheinen. Sie zeigt auf einen der beiden: „Dieser hier war tot, als das Foto gemacht wurde.“

Sie weiß, wie es ist, in ein Zimmer zu kommen, dessen Boden eine einzige Blutlache ist
Bei Schwester Sigrid mischt sich christliche Nächstenliebe mit ganz pragmatischer Zivilcourage. Weltfremd ist sie trotz ihrer geistlichen Berufung keineswegs. Sie gehorcht ihrem Gott, lehnt sich aber gegen die Gesetze der Menschen auf, wo sie nicht zum Wohl der Bedürftigen gemacht sind. Sie hält mit den Bewohnern regelmäßig Gottesdienste in der hauseigenen Kapelle ab, aber sie weiß auch, wie es ist, in ein Zimmer zu kommen, dessen Boden eine einzige Blutlache ist.
Mittlerweile ist die fromme Schwester auch eine Expertin in Sachen Statik und Gebäudeplanung geworden. Seit sie mit ihren Schützlingen das Haus Lichtblick bezogen hat, ist sie permanent damit beschäftigt, es um- und ausbauen zu lassen – alles durch Spenden finanziert. Als nächstes – so Gott und die Spender wollen – möchte Schwester Sigrid das Haus um zwei Etagen aufstocken und damit 15 weiteren Menschen ein Zuhause geben.
Vor dem Einzug musste die ehemalige US-Kaserne, deren Fassade man das behagliche Innere bis heute nicht ansieht, allerdings erst einmal von schimmelndem Taubendreck gereinigt und bewohnbar gemacht werden. Später kamen nach und nach eine Hebebühne für die Rollstuhlfahrer, eine Terrasse und ein verglaster Anbau hinzu. Dort nehmen die Bewohner heute dreimal am Tag von Sonne beschienen ihre Mahlzeiten zu sich und blicken dabei durch ein großes, buntes Glasmosaik auf die Bäume im kleinen Garten.
Die Atmosphäre erinnert an ein Altenheim. Viele sitzen still und in sich gekehrt da, manche müssen gefüttert werden. Eine Frau kann nicht mehr laufen und sprechen, doch ihr Krankenbett wird trotzdem in den Essensraum gerollt, damit sie ein wenig Sonne abbekommt und nicht allein sein muss. Schwester Sigrid macht die Runde, hat für jeden eine Aufmunterung parat, und wenn sie nur darin besteht, einer alten Frau über die Wange zu streichen.

Das "Haus Lichtblick" ist für Schwester Sigrid nicht nur ein Job, es ist ihr Leben
Sie weiß selbst, was es heißt, sein Zuhause zu verlieren. Neun Jahre war sie alt, als ihre Familie nach Kriegsende auf Viehwagen aus Schlesien fliehen musste. Obwohl ihre Eltern nicht besonders religiös waren, wusste sie schon früh, dass der Eintritt in einen Orden für sie das Richtige sein würde. Nach der Ordination im Jahr 1956 absolvierte sie ihre Ausbildung im Aachener Mutterhaus der „Armen Schwestern des heiligen Franziskus“.
Auf der Homepage des Ordens ist Schwester Sigrid und dem Verein eine eigene Seite gewidmet. Die folgenden Zeilen hat sie selbst gewählt, um die Motivation ihres Tuns zu erklären: „In einer Welt, in der die Schwachen an den Rand der Gesellschaft abgedrängt werden, wollen wir versuchen, die Liebe, die Gott uns beständig schenkt, weiterzutragen 'wie einen Lichtblick'. Schafft den Ausgegrenzten Lebensraum. […] Schließt die Lücken in eurer Stadt, macht sie menschlich und bewohnbar.“
Der große Unterschied zu anderen Einrichtungen ist, dass die Bewohner von Haus Lichtblick für Schwester Sigrid kein Job sind, sondern ihr Leben. Sie hat keine andere Familie, mit der die Bewohner um ihre Zuneigung konkurrieren müssten. Sie teilt den Alltag mit ihnen, isst mit ihnen, lebt mit ihnen. Aus diesem Grund hat Bürokratie im Haus nichts verloren. „Ich sage nicht: „Wir machen morgen einen Termin“, dann kommt der nämlich nicht wieder.“

Am Abend zuvor stand wieder einer vor der Tür, auf der Suche nach einem Bett für die Nacht
Regelmäßig kann man im Keller oder im Bad über Matratzen stolpern, weil am Abend zuvor wieder einer vor der Tür stand, auf der Suche nach einem Bett für die Nacht. Zwischen den älteren Bewohnern turnen am Tag des Besuches auch zwei kleine Mädchen herum. Sie und ihre Mutter hat Schwester Sigrid aufgenommen, nachdem sie – gerade erst aus Tschechien nach Deutschland gekommen – zwei Nächte auf der Straße schlafen mussten, weil sie in Frankfurt keine Anlaufstelle hatten. Gerade ist die Schwester dabei, ihnen eine eigene Wohnung zu suchen. „Niemand passt in ein Schema, jedem muss man individuell helfen“, erklärt Schwester Sigrid.
Aus diesem Grund will sie nicht, dass das Haus Lichtblick in einen der institutionellen Träger eingegliedert wird. So ist ihr eigenes Alter Schwester Sigrids größte Sorge, denn mit 75 Jahren hat sie noch niemanden gefunden, der ihr Lebenswerk weiterführt, wenn sie selbst nicht mehr dazu in der Lage ist.
Die Zugehörigkeit zu einem Orden ist keine Voraussetzung, aber das Haus Lichtblick sollte für die Person mehr als ein Job sein. Voll Liebe für ihre Nächsten müsste sie sein und „gleichzeitig unkonventionell, pragmatisch und mit Zivilcourage an die Sache herangehen“, so Schwester Sigrid. Ein Lichtblick eben für die, die sonst im Schatten leben.

Schwester Sigrid ist telefonisch unter der Nummer 15055622 zu erreichen. Wer für das Haus Lichtblick spenden möchte, kann auf folgendes Spendenkonto einzahlen:
Lichtblick aktiv, Schwester Sigrid e.V., Spendenkonto: 2980, Frankfurter Sparkasse, BLZ 500 502 01.

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