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Obdachlose in Frankurt Gesundheit für alle

Seit 25 Jahren kümmert sich die Elisabeth-Straßenambulanz in Frankfurt um kranke Menschen, die auf der Straße leben. Hier gibt es Hilfe für die, denen sonst niemand hilft.

Straßenambulanz in Frankfurt
Gemeinsam mit einem Chirurgen versorgt die Krankenschwesterschülerin Laura Prüfe das Bein eines Patienten. Foto: Christoph Boeckheler

Klaus ist ein ruhiger und höflicher Mensch, aber man spürt, dass er unter Druck steht. Immer wieder blickt der Endvierziger, der seinen Nachnamen lieber nicht preisgeben möchte, gehetzt über seine Schulter, unruhig rutscht er auf seinem Stuhl hin und her. Er sei erst seit kurzem obdachlos, sagt Klaus, bis vor wenigen Tagen habe er noch bei seiner Ex-Freundin wohnen dürfen. „Ich habe das Gefühl, die Leute starren mich alle an, obwohl ich jeden Tag dusche und mich rasiere“, sagt er. „Das ist alles noch ganz neu für mich.“ Eine Sozialarbeiterin habe ihm geraten, hier mal zur psychiatrischen Sprechstunde zu gehen. „Wenn ich mal eine halbe Stunde mit einer Psychiaterin sprechen kann, geht es mir hinterher vielleicht besser“, sagt Klaus. „Ich erzähl halt keinem von meiner Lage. Wen interessiert das denn?“

Das Wartezimmer, in dem Klaus mit einigen anderen Patienten an diesem Mittwochmorgen sitzt, sieht aus wie in jeder anderen Arztpraxis. Es gibt ein paar Zeitschriften, eine Thermoskanne mit Kaffee, eine Hausordnung an der Wand, zwei Mitarbeiterinnen hinterm Empfangstresen. Aber die Elisabeth-Straßenambulanz in der Klingerstraße ist keine normale Praxis. Vielmehr ist sie die einzige Anlaufstelle für kranke Menschen, die in Frankfurt auf der Straße leben. Die Einrichtung der Caritas feiert in diesem Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum.

Ärztin: Gesundheitsversorgung von Obdachlosen unzureichend

„Ich bin Hausärztin für Menschen, die kein Zuhause haben. Und ich nehme mir Zeit für die, für die niemand Zeit hat.“ So fasst Maria Goetzens zusammen, was sie tut. Die 59-jährige Allgemeinmedizinerin leitet die Straßenambulanz seit 1997. Und sie managt das Team aus Hauptamtlichen und ehrenamtlich tätigen Ärzten und Pflegekräften, die die Patienten hier versorgen. Wer Goetzens fragt, wie sie als Medizinerin dazu gekommen ist, sich um Obdachlose zu kümmern, bekommt sofort eine Antwort. „Da kommt man hin, wenn man mit offenen Augen durch die Stadt geht“, sagt sie. Es sei doch offensichtlich, das es um die Gesundheitsversorgung obdachloser Menschen schlecht stehe. Bei ihr spielten auch christliche Werte eine Rolle. „Jeder Mensch hat eine Würde und Anspruch auf ein Leben in Fülle“, sagt die Ärztin. Und es klingt nicht wie eine Floskel.

Beim Rundgang durch die Straßenambulanz gibt es wenig Überraschendes zu sehen. Drei Sprechzimmer, ein hochmoderner Raum nur für Zahnbehandlungen, ein Bad mit Spezialwanne für Sitz- und Hautpflegebäder. Die Zimmer sind hell und freundlich, es riecht schwach nach Desinfektionsmittel. Auffällig sind nur die Porträts von obdachlosen Menschen an den Wänden, und ein abschließbarer Schrank mit Fächern, in denen Medikamente für Patienten aufbewahrt werden, die regelmäßig vorbeikommen. Auf der Straße gibt es einfach keinen geeigneten Platz, um Herztabletten aufzubewahren.

Straßenambulanz in Frankfurt auf Spenden angewiesen

Das Besondere hier sind die Patienten. „Sie kommen aus besonderen Lebenslagen“, sagt Maria Goetzens. Ihre Gäste hätten kein Badezimmer und keinen Rückzugsraum, um einen Infekt auszukurieren. Es sei oft schwer für sie, Termine einzuhalten, weshalb man in der Ambulanz auch spontan Hilfe bekommt. Und um die Gesundheit ihrer Patienten stehe es schlecht: „Menschen auf der Straße sind kränker als die Durchschnittsbevölkerung, und die Verläufe sind schwerer“, sagt Goetzens. Viele hätten mit Hautproblemen zu kämpfen oder mit infizierten Wunden, Tuberkulose und Hepatitis träten häufig auf. „Wir haben hier Menschen, die haben wundgelaufene Füße, weil sie abends die Schuhe nicht ausziehen können.“ Dazu käme oft Suchtprobleme und psychische Erkrankungen, weshalb es so wichtig sei, auch professionelle Psychologen im Team zu haben – und einschätzen zu können, wann es lebensbedrohlich wird.

Nur ein Drittel der Patienten hat eine Krankenversicherung, die Arbeit der Ambulanz muss daher über Spenden und Zuschüsse von der Stadt subventioniert werden. Für Goetzens ist das ein fortwährender Skandal. Die Regelversorgung, Krankenhäuser und Krankenkassen, müssten sich für die speziellen Bedürfnisse obdachloser Menschen öffnen, findet sie. Obdachlose bräuchten mehr Hilfe, den bürokratischen Aufwand für eine Krankenversicherung zu bewältigen – und für obdachlose Wanderarbeiter gerade aus östlichen EU-Staaten brauche es eine europäische Sozialpolitik. Die Menschen dürften nicht auf Mildtätigkeit angewiesen sein, sagt Goetzens, zur Not müsse eben ein bundesweiter Gesundheitsfonds für nicht versicherte Kranke her.

Zum zehnten Geburtstag der Ambulanz, sagt Goetzens, habe sie noch gesagt, sie hoffe, dass es die Einrichtung in zehn Jahren nicht mehr brauche. Nun, zum 25. Jubiläum, hoffe sie vor allem, dass es gelinge, die Hilfe auszubauen und die Mitarbeiter besser fortzubilden. Denn die Herausforderungen seien stark gewachsen: Das Publikum sei internationaler geworden, es brauche öfter Hilfe von Dolmetschern, Osteuropäer und auch Flüchtlinge kämen zunehmend in die Sprechstunde. Drogenprobleme nähmen eher zu als ab, es bleibe sehr wichtig, Obdachlose mit dem Pflegebus auf der Straße aktiv anzusprechen, sagt Goetzens. „Die Not ist groß, man kann die Augen nicht davor verschließen.“

Vorne im Wartezimmer sitzt Abdullah. Vor einem Jahr hat er eine Zahnbrücke eingesetzt bekommen, er ist nur zur Kontrolle hier. Er sei nicht krankenversichert, sagt der Marokkaner, „das ist das Problem.“ Ohne die Ambulanz wäre er aufgeschmissen.

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