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Obdachlose in Frankfurt Schlafsäcke aus Regenschirmen

Der Frankfurter Designer Radames Eger will Obdachlosen helfen. Er näht für sie aus alten Regenschirmen wasserdichte Schlafsäcke.

Obdachlose in Frankfurt
Der Frankfurter Designer Radames Eger ist selbst in einer Favela aufgewachsen und weiß, wie sich Armsein anfühlt. Foto: Andreas Arnold

Radames Eger versucht, die Welt ein bisschen besser zu machen. Mit Regenschirmen. Ein paar wenige hat der 32-Jährige noch in seinem Atelier im Gallus. Der Frankfurter Designer näht daraus für Obdachlose Schlafsäcke. „Die Regenschirme finde ich überall auf der Straße oder bekomme sie geschenkt. Der Regenschirmstoff ist perfekt, weil die Schlafsäcke damit wasserdicht sind. Das Innenfutter mache ich aus Jeans oder was auch immer ich gerade an alten Kleidern finde.“

Der gebürtige Brasilianer trägt ein selbst designtes schwarzes Satinkleid über seiner Jeans, und seinen Afro hat er durch ein hübsches Haarband festgehalten. Eger ist in einer Favela in Piracicaba, zwei Busstunden von Sao Paulo entfernt, aufgewachsen. „Ich weiß, was es heißt, arm zu sein. Als Kind haben wir Metall auf der Mülldeponie gesammelt und verkauft, damit wir etwas zu essen kaufen konnten.“ Er lernte als kleiner Junge, sich selbst Sachen zusammenzunähen. „Ich habe so auch heute keine Berührungsängste und unterhalte mich gerne mit Obdachlosen.“ Aber nicht nur das. Eger läuft durch Frankfurts Straßen und verschenkt die Schlafsäcke an die Obdachlosen. „Ich mache das schon zwei Winter lang. Ich will ein Zeichen setzten, weil der Staat seine Aufgabe nicht macht.“

Es begann damit, dass ein obdachloser Herr ihn unweit der Konstablerwache ansprach, Eger trug einen selbst designten Pulli mit Blumenmuster, und der Obdachlose sagte: „Ich möchte auch so einen Pulli haben.“ Eger überlegte nur kurz. „Auf dem Weg nach Hause habe ich drei Regenschirme auf dem Müll gefunden und dann mit dem Nähen begonnen.“ Er entschied sich, ihm für kalte Nächte einen Schlafsack zu nähen. Der obdachlose Herr aber sagte: „So ein Schlafsack ist zu gefährlich für mich, denn ich muss nachts schnell wegrennen können, wenn mich jemand überfallen will oder vielleicht sogar versucht, mich anzuzünden.“

Eger dachte nach und schneiderte einen neuen Schlafsack mit Beinen, den man also durch einen Reißverschluss schnell zu einer Hose umwandeln und so jederzeit aufstehen und loslaufen kann. Außerdem kann man den Schlafsack mit Kapuze zu einem Rucksack zusammenrollen oder als Mantel tragen. Die Reißverschlüsse sind von alten Jacken.

Seit acht Jahren lebt Eger in Frankfurt mit seinem Mann, nachdem er als Balletttänzer an der Oper Wien ein Stipendium hatte, sich verletzte und sich erst in Paris, dann in Berlin als Zeitungsausträger und Küchenhilfe durchjobbte. „Ich war der erste Mann, der seine Modeschneiderausbildung bei Affentor Frankfurt machen durfte.“ Gerade arbeitet er zudem an seiner eigenen ersten Unisex-Modekollektion „Radames Couture“.

Sogar Designer aus Berlin hätten ihn nach seinem Schnittmuster für den Schlafsack gefragt. „Ich habe mittlerweile 70 in ganz Europa verschenkt. Über 40 in Frankfurt. Ich plane, das Projekt in ganz Deutschland zu machen, aber ich brauche viele Leute, die mir helfen, und viel mehr Regenschirme.“

Einmal im Monat bei der Partyreihe „We are together“ geben die Gäste im Tanzhaus West ihre alten Regenschirme ab. Dafür bekommen sie vier Euro Rabatt auf den Einlass. Außerdem sind auf dem Gelände des Tanzhauses (Gutleutstraße 294) seit Anfang der Woche Container aufgestellt. „So dass man jederzeit seinen alten Regenschirm dort reinwerfen kann“, erzählt Eger. Ein Ziel hat er noch: „Ich werde dieses Jahr noch beweisen, dass man eine ganze Kollektion nur aus Regenschirmstoff machen kann.“

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