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Obdachlose in Frankfurt Promis bedienen Obdachlose in Frankfurt

Mehr als 600 Obdachlose kommen in den Frankfurter Römer zu einem Weihnachtsessen und lassen sich dabei von Prominenten bedienen.

Obdachlose in Frankfurt
Freundliche Bedienung: Schauspielerin Uschi Glas serviert und die Gäste sind dankbar. Foto: peter-juelich.com

Draußen vor dem Rathaus riecht es nach Mandeln und Zuckerwatte. Karussells drehen sich. Weihnachtslieder schallen über den Römerberg. Menschen stehen lange an, um Glühwein zu kaufen. Manche schaffen es, sechs Tassen vom Verkaufsstand zum Stehtisch zu tragen, verschütten dabei aber die Hälfte und werden von ihren Freunden verspottet. Das ist aber auch das einzige Ungemach, das ihnen droht an diesem entspannten Abend auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt.

Drinnen im Römer sitzen am Donnerstagabend Menschen, deren Realität im Alltag anders aussieht. Josef etwa, 62 Jahre alt, der zuletzt in Bornheim wohnte, „bevor ich das Geld nur noch versoffen und gar keine Miete mehr bezahlt habe“. Seit vier Jahren ist er mittlerweile obdachlos, „was ziemlich scheiße ist in Frankfurt, weil: Versuch hier mal wieder eine Wohnung zu bekommen, eine eigene, nicht nur ein Bett in irgendeiner Einrichtung“. Mehr erzählen will er nicht. Nicht, weil ihm sein Leben peinlich wäre, sondern weil es jetzt Gänsekeule gibt. Serviert von Tarek Al-Wazir, dem stellvertretenden hessischen Ministerpräsidenten. Darauf hatte Josef gehofft.

Mehr als 600 Obdachlose sind am Donnerstag in den Ratskeller im Römer gekommen. Die Stiftung des Frankfurter Medienmanagers Bernd Reisig „helfen helfen“ hat zum vorweihnachtlichen Gänseessen eingeladen. Das Besondere daran: Die Gäste werden von Prominenten aus dem Rhein-Main-Gebiet bedient. 33 Kellnerinnen und Kellner unterstützen Reisig, darunter eben Tarek Al-Wazir, Eintracht-Präsident Peter Fischer, die Schauspielerin Uschi Glas, Oberbürgermeister Peter Feldmann, FR-Chefredakteur Arnd Festerling, der Chef von „Best Worscht in Town“, Lars Obendorfer, Max Rempel, Chefredakteur von „Frankfurter Neue Presse“ sowie Geschäftsführer von FR und FNP, und die hessische Umweltministerin Priska Hinz.

Gegessen wird zeitversetzt, denn für alle Besucher auf einmal würde der Platz im Kellergewölbe des Frankfurter Rathauses schlicht nicht reichen. Tatsächlich sei der Andrang noch größer als in den vergangenen Jahren, sagt Reisig. Das sei zum einen zwar ein gutes Zeichen für den Stellenwert seiner Veranstaltung, „es heißt aber auch, dass die Armut in Frankfurt zunimmt“. Dabei sei Frankfurt eigentlich zu reich, sagt OB Feldmann in seiner Ansprache: „Zu reich für arme Kinder und zu reich für soziale Kälte.“ Ihm sei es wichtig, dass die Obdachlosen im Rathaus empfangen würden, weil die Menschen ohne festen Wohnsitz eben auch zur Stadt gehörten. „Heute gehört der Römer Ihnen“, ruft Peter Feldmann und die Leute an den Tischen klatschen. Dann gibt es Essen.

Es dauert nur wenige Minuten bis alle Teller (Gänsebraten oder -keule, zwei Klöße und eine ordentliche Portion Rotkraut) verteilt sind. Dass alles reibungslos klappt, liegt vor allem an Eddy Hausmann, dem legendären Festwirt. Er kommandiert die Prominenten herum, als rede er nicht mit dem hessischen Wirtschaftsminister, sondern mit seinem Azubi: „Den Teller vorne links abstellen, dann schnell zum Nachbartisch.“

Viele der Gäste wollen einfach nur in Ruhe essen, andere sprechen die Prominenten an. Peter Fischer etwa muss wieder und wieder vom Pokalsieg erzählen (und tut es mit einer Emotionalität, als sei das Spiel vor zwei Stunden zu Ende gegangen): „Nächstes Jahr erzähle ich dann vom Europacup-Sieg“, scherzt er. Tarek Al-Wazir hingegen spricht an dem Abend kaum über Politik: „Das ist heute auch nicht das Thema“, sagt er. Vor seiner Premiere als Kellner vor einigen Jahren habe er gezögert. Zu groß schien ihm die Gefahr, dass ein falsches Bild entstehen könnte: Prominente setzen sich vor Obdachlosen in Szene. Doch Bernd Reisig habe ihm gesagt: „Die Menschen freuen sich einfach, wenn du da bist.“ Al-Wazir sagte zu, „und der Bernd sollte recht behalten“.

„Der Bernd“, wie ihn fast alle Promis nennen, arbeitet derweil schon am nächsten Hilfsprojekt. „Ich will Studenten einbeziehen“, erzählt er. Viele junge Leute könnten sich die Mieten in Frankfurt einfach nicht mehr leisten, auch ihnen drohe die Obdachlosigkeit. Wie Reisig konkret helfen will, verrät er noch nicht. Allzu klein und unauffällig dürfte die Aktion nicht daherkommen, so viel ist sicher, wenn Bernd Reisig eine Idee hat.

Nach einer guten Stunde verlassen die ersten Gäste den Römer wieder. Ein Nikolaus überreicht ihnen noch eine Tüte mit Obst und Süßigkeiten und ein Geschenk der Stiftung der Fußballbundesliga. Dann gehen die Obdachlosen raus auf den Weihnachtsmarkt – wo es immer nach Mandeln und Zuckerwatte duftet.

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