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Obdachlose in Frankfurt Benefiz-Slam für Obdachlosen-Teestube

Zwei Dutzend Wortkünstler machen einen Benefiz-Poetry-Slam für die Teestube Jona im Frankfurter Bahnhofsviertel. Die Anlaufstelle für Obdachlose wird vom Vermieter drangsaliert.

Teestube Jona
Die Poetin Leonie Backe tritt in der Teestube Jona auf. Foto: peter-juelich.com

Jörg Robert fühlt sich in seinem „Wohnzimmer“ wohl. Nicht obwohl, sondern gerade weil hier so viele Menschen ein- und ausgehen. Die bis auf halbe höhe hellgrün gestrichenen Wände, das kleine Regal mit den Gesellschaftsspielen, Jörg Robert kennt sie. Jeden Tag, sagt er, kommt er in die Teestube Jona in der Pforzheimer Straße. Fragt man ihn, wie lange, sagt er nur: „Schon immer!“ Jörg Robert hat lange auf der Straße gelebt, auch im Wald, wie er sagt. In all den Jahren war die Teestube die einzige regelmäßige Anlaufstelle. „Seit Anfang bin ich dabei“, sagt er. Soll heißen seit 1984. Für Jörg Robert ist das wortwörtlich sein halbes Leben.

An diesem Dienstagnachmittag wird es voll in Jörg Roberts „Wohnzimmer“. Etwa 25 Zuhörer sind in die Teestube gekommen, um einem Benefiz-Poetry-Slam beizuwohnen. Nicht weniger als 23 Wortkünstler wollen im Laufe von sechs Stunden ihre eigenen Werke vortragen: Gedichte, Anekdoten, humoristische Dialoge. Die Veranstaltung verspricht unterhaltsam zu werden, stellenweise lustig. Der Anlass ist es nicht.

Denn die Tage der Teestube Jona an der Pforzheimer Straße sind gezählt. Der Mietvertrag läuft im November aus. Doch den neuen Eigentümern des Hauses, in dem die Anlaufstelle für Obdachlose beheimatet ist, geht es offensichtlich nicht schnell genug. In den letzten Monaten berichteten alle Frankfurter Medien über die Drangsalierung der Mieter. Unangekündigte Abstellung von Wasser und Heizung, versperrte Zugänge zu Lagerräumen, ein mutmaßlich mit Absicht gekapptes Stromkabel. „Die haben uns von Anfang an drangsaliert“, sagt Jörg Robert.

Über einen Artikel im Journal Frankfurt erfuhr auch Juston Buße davon. Buße lebt in Berlin und ist ein erfahrener Poetry-Slammer. „Mir war klar, dass man da irgendetwas machen muss“, sagt er. Also mobilisierte er über eine Facebook-Gruppe Dutzende Mitstreiter für eine Benefiz-Aktion. Der Zuspruch überraschte ihn selbst. „26 Teilnehmer hatten zugesagt. Aber wegen der Grippe sind es jetzt drei weniger“. Die Ansage an diesem Dienstagnachmittag lautet: Wer einen Text hat, kann vorbeikommen.

„Wir sind völlig überwältigt davon, dass so viele Leute mitmachen wollen“, sagt Nadine Müller, die seit 2011 in der Teestube arbeitet. Zunächst ehrenamtlich, dann festangestellt. Zuspruch der guttut. Denn zwar verfügt die Teestube inzwischen wieder über Wasser, aber die Heizung ist immer noch abgestellt. Und auch einige Lagerräume sind nach wie vor für die Mitarbeiter nicht zugänglich.

„Spendet Geld, wenn ihr welches habt“, ruft Juston Buße dem Publikum zu, „wenn ihr keines habt, freut euch auf das, was kommt.“ Buße gibt den Startschuss für den Poetry-Slam, indem er seine eigene Erfahrung mit Obdachlosigkeit schildert, davon berichtet, wie er die erste Nacht ohne Obdach unter einer Spielplatzrutsche verbrachte – immer in der Angst entdeckt zu werden. Ein Gefühl, das viele Zuhörer nachvollziehen können. Buße folgen weitere Künstler mit ihren Geschichten – leichten und schweren.

Jörg Robert hört aufmerksam zu. Seit Mitte 2017 hat er endlich wieder eine eigene Wohnung. Die Teestube aber ist sein „Wohnzimmer“ geblieben. In naher Zukunft soll die Teestube in das Café der Gutleutkirche ziehen. Jörg Robert wird mitkommen.

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