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OB-Wahl Fahrscheine für einen Euro pro Tag

Nargess Eskandari-Grünberg und Daniel Cohn-Bendit sprechen im FR-Interview über die Ambitionen der Grünen bei der OB-Wahl.

Cohn-Bendit und Eskandari-Grünberg
Daniel Cohn-Bendit unterstützt Nargess Eskandari-Grünberg, die Frankfurter Oberbürgermeisterin werden will. Foto: Andreas Arnold

OB-Kandidatin Nargess Eskandari-Grünberg hat sich Unterstützung gesucht. Der wohl bekannteste Grüne in Frankfurt, Daniel Cohn-Bendit, wird für sie werben. Die FR traf beide zum Interview auf dem Paulsplatz.

Herr Cohn-Bendit, Sie sind 1968, im Jahr der Studentenrevolte, nach Frankfurt gekommen, nachdem Sie aus Frankreich ausgewiesen worden waren. Frau Eskandari-Grünberg, Sie kamen 1985 als Flüchtling aus dem Iran hier an. Wie hat Frankfurt Sie aufgenommen?
Cohn-Bendit: Ich bin in der linken Szene und vom SDS mit Skepsis aufgenommen worden. Da kommt einer und macht ihnen den Führungsanspruch streitig. Es war alles nicht so einfach.
Eskandari-Grünberg: Ich bin aus dem Iran geflüchtet, nachdem ich dort als Schülerin gegen die islamische Regierung politisch aktiv gewesen war. Ich kam vollkommen alleine an Weihnachten in Frankfurt an, mit meiner zweijährigen Tochter. Eigentlich wollte ich in die USA weiter, aber der Weg war versperrt nach der Geiselnahme von US-Diplomaten in der US-Botschaft in Teheran. Also habe ich in einer Flüchtlingsunterkunft gelebt. Ich kam aus einem Land ohne Grundrechte in die Stadt der Paulskirche – und habe dieser Stadt viel zu verdanken.

Ein politisches Verdienst der Grünen war ja, dass sie 1989 in der Koalitionsvereinbarung mit der SPD durchgesetzt hatten, dass die Einwanderung in Frankfurt anerkannt wurde. Heute ist das plötzlich wieder umstritten.
Eskandari-Grünberg: Die Stadt hat damals erwartet, die sogenannten Gastarbeiter kommen her, arbeiten hier und gehen wieder. An Integration hat niemand gedacht. Mit dem Dezernat für multikulturelle Angelegenheiten, das Dany 1989 übernahm, hat sich das dann geändert.
Cohn-Bendit: Die Grünen haben das politische Klima so beeinflusst, dass sich auch die anderen Parteien in Richtung der Anerkennung der Einwanderung bewegt haben.

Den Grünen droht aber, dass sie in diesem Superwahljahr völlig an den Rand gedrückt werden wie bei der Landtagswahl im Saarland. Wie wollen Sie da als OB-Kandidatin Aufmerksamkeit finden?
Eskandari-Grünberg: Die Grünen sind in Frankfurt auch in schlechten Zeiten bei 15 Prozent, und bis zur Bundestagswahl und erst recht bis zur OB-Wahl wird noch viel Dynamik in die politischen Debatten kommen.

Aber 15 Prozent reichen nicht für den zweiten Wahlgang bei der OB-Wahl.
Eskandari-Grünberg: Die OB-Wahl ist eine Personenwahl. Ich bin in ganz unterschiedlichen Milieus zu Hause. Ich will die erste Migrantin sein, die Oberbürgermeisterin wird. Ich traue mir das zu. Und bin fest überzeugt, dass diese Stadt sich das auch zutraut.
Cohn-Bendit: Ich sage: Yes, she can. Nargess kann das.

Herr Cohn-Bendit, bei der OB-Wahl im Jahr 2012 haben Sie dazu aufgerufen, Peter Feldmann zu wählen. Werden die Leute sich jetzt nicht wundern, wenn Sie seine Gegenkandidatin unterstützen?
Cohn-Bendit: Ich habe Feldmann ja erst in der Stichwahl unterstützt. Mich hat damals geärgert, dass die Grünen nicht den Mut hatten, öffentlich darüber zu diskutieren, wen sie in der Stichwahl unterstützen wollen. Die Magistratsgruppe hat sich im Römer versteckt, der Kreisverband hat sich auch nicht gemeldet. Für mich war der CDU-Kandidat Boris Rhein nicht wählbar. Deshalb habe ich Feldmann unterstützt. Jetzt haben wir aber eine neue Situation.

Wie beurteilen Sie die Arbeit von Peter Feldmann?
Cohn-Bendit: Feldmann macht seine Sache gut. Aber Nargess sollte ohnehin nicht gegen ihn Stimmung machen, sondern nur für ihre eigene Politik werben. Sie würde vieles anders machen. Sie würde Frankfurt stärker als eine Stadt im Herzen von Europa sehen. Kennen Sie das Lied?

Im Herzen von Europa liegt mein Frankfurt am Main, die Bundesliga gibt sich hier gar oft ein Stelldichein ...
Cohn-Bendit: Genau. Das Lied der Eintracht. Wird bei jedem Heimspiel gespielt. Diesen Ansatz kann Nargess verfolgen, darauf kann sie ihre Vorstellungen von Frankfurt aufbauen. Das wird sie von Feldmann und Bernadette Weyland unterscheiden.
Eskandari-Grünberg: Frankfurt ist für mich die Hauptstadt Europas.
Cohn-Bendit: Nicht nur wegen der EZB.

Dennoch, Frau Eskandari-Grünberg, der Amtsinhaber setzt massiv auf Wohnungsbau und soziale Fragen. Wie kommen Sie aneinander vorbei?
Eskandari-Grünberg: Ich werde mit der Internationalität Frankfurts punkten und damit, dass unsere Stadt lebenswert bleibt. Derzeit wirkt unsere Stadt nach außen oft sehr provinziell. Wir müssen Frankfurt als Weltstadt wahrnehmen, in der der Puls der Zeit schlägt. Frankfurt war immer dann stark, wenn es die großen Themen früh angedacht und anpackt hat. Da ist mir heute zu viel Klein-Klein.
Cohn-Bendit: Die Herausforderung des Wahlkampfs wird sein, die Begriffe Heimat und Internationalität zu verbinden, wie es etwa dem österreichischen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen gelungen ist. Das kann Nargess besser als Feldmann und Weyland.

Aber was sagen Sie den Leuten, die Angst haben, Ihre Wohnung zu verlieren, weil der Markt immer enger wird – etwa durch den Zuzug von Bankern aus London?
Eskandari-Grünberg: Wir versuchen häufig, unsere Probleme nur in Frankfurt zu lösen. Wir können das nur als Region tun. Frankfurt ist flächenmäßig kleiner als Erfurt, aber wir haben die Aufgaben von großen Metropolregionen – das geht nur gemeinsam.
Cohn-Bendit: Für Frankfurt und Offenbach wird sich die Frage des Zusammengehens der beiden Städte stellen. Das ist die Perspektive der Region. Am Kaiserlei sieht man doch, dass gemeinsame Projekte möglich sind.
Eskandari-Grünberg: Frankfurt und Offenbach gehören zusammen. Auch politisch. Wir tun in Frankfurt immer noch, als wären wir unter einer Glocke. Wir müssen viel größer denken.
Cohn-Bendit: Es fehlen 40 000 Wohnungen. Die werden Sie nicht in Frankfurt alleine bauen. Allerdings müssen wir dann auch über Mobilität reden – und vor allem über Fahrpreise. In Paris kostet eine U-Bahn-Fahrt 1,30 Euro. In Frankfurt 2,90 Euro. Das ist vollkommen inakzeptabel. Diese Stadt hat Geld. Da kann es nicht solche Fahrpreise geben.

Welchen Fahrpreis halten Sie für angemessen, Frau Eskandari-Grünberg?
Eskandari-Grünberg: Ein Euro pro Tag. Das ist der Preis des Schülertickets, den Verkehrsminister Tarek Al-Wazir durchgesetzt hat. Dieses Modell hat Zukunft und müsste einmal für alle gelten. Es gibt auch in unserer Stadt Menschen, die können sich die U-Bahn einfach nicht mehr leisten. Mein Ziel wäre, dass nach meiner ersten Amtszeit jeder, der in Frankfurt wohnt oder arbeitet, ein entsprechendes Jahresticket in der Tasche hat.

Herr Cohn-Bendit, werden Sie im Wahlkampf häufig mit der OB-Kandidatin auftreten?
Cohn-Bendit: Wenn sie das möchte, bin ich dazu natürlich bereit.
Eskandari-Grünberg: Mich würde es freuen, wenn Du mich begleiten könntest.
Cohn-Bendit: Gut. In London ist Sadiq Khan Bürgermeister geworden. Ein Migrant. Was London kann, kann Frankfurt auch.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert und Georg Leppert

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