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Novemberpogrome 1938 in Frankfurt Frankfurt gedenkt der Reichspogromnacht

Buddy Elias, der Cousin Anne Franks, denkt mit geteilten Erinnerungen an seine Kindheit in Frankfurt bis 1931 zurück. Nach langer Zeit fühlt er sich nun wieder mit seiner Geburtsstadt verbunden.

10.11.2014 12:28
Von Martín Steinhagen
Peter Feldmann (Oberbürgermeister Frankfurts), Buddy Elias, Gerti Elias und Dieter Graumann (Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland) in der Paulskirche (Bild Mitte v.l.n.r.). Foto: Rolf Oeser

Ein Lebender, kein Überlebender sei er, sagte Buddy Elias über sich selbst zu Beginn seiner Rede in der Paulskirche am Sonntagnachmittag. „Das Schicksal hat mich, meine Eltern, meinen Bruder verschont,“ sagte der Cousin Anne Franks bei der Gedenkstunde des Magistrats an die Novemberpogrome 1938. Verschont nur deshalb, weil er bereits 1931 als Kind mit seiner Familie seine Geburtsstadt Frankfurt verlassen hatte und seitdem in Basel lebt.

Der 85-jährige Elias teilte mit den Anwesenden Erinnerungen an seine Kindheit in Frankfurt, etwa an den Garten des Hauses der Familie in der ehemaligen Mertonstraße. Dort spielte er mit seiner Cousine Anne, die Oberbürgermeister Peter Feldmann zuvor „die wohl berühmteste Tochter unserer Stadt“ genannt hatte. Elias berichtet auch von den Briefen seines Onkels Otto Frank, Annes Vater, als dieser kurz nach Kriegsende noch hoffte, seine Töchter wiedersehen zu können, und von dessen Anruf, als feststand: „Die Kinder kommen nicht wieder.“

Elias besuchte nach dem Zweitem Weltkrieg erstmals 1952 Frankfurt, als „Clown auf Kufen“ der Holiday-On-Ice-Kompanie, wie Feldmann es formulierte. „Die Zeitgeschichte hatte uns, wie so viele andere, entzweit“, beschrieb Elias seine damalige Beziehung zu der Stadt. Inzwischen erschließe sich Frankfurt ihm wieder. Es freue ihn, dass zumindest die „Schriften einer schreibenden Familie“ nun zurückkehren werden: Tausende Briefe, Fotos und Erinnerungsstücke werde das „Familie Frank Zentrum“ im Jüdischen Museum beherbergen, das die Zusammenarbeit von Stadt, Museum und dem Anne-Frank-Fonds Basel ermöglicht habe. Als „Glücksfall für Frankfurt“ hatte Feldmann dies zuvor bezeichnet. Damit gehe „letztlich in gewissem Sinne unser Exil zu Ende“, sagte Elias, nach dessen Rede sich die Anwesenden in der Paulskirche zum Applaus erhoben.

Zuvor hatte Leo Latasch, Mitglied des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde, an den 9. November 1938 auch „als Beginn vom Ende der jüdischen Ärzteschaft in Deutschland“ erinnert. Er schilderte in seiner Rede die Verdrängung und Vernichtung jüdischer Ärzte – wie sich ihre deutschen Kollegen an der Shoah beteiligten, wie wenig das deren Karrieren nach 1945 im Weg stand, wie lange die Aufarbeitung verweigert wurde. „Wir fühlen uns angekommen“, sagt er über die Gemeinde am Schluss. „Dennoch bleibt unser Haus selbst 76 Jahre nach der Reichspogromnacht noch ein fragiles Gebäude.“

Latasch erinnerte an die jüngsten Demonstrationen in Deutschland, bei denen „Juden ins Gas“ skandiert worden war, und sagte, dass „ein wenig mehr Empathie von Seiten der Gesellschaft“ gut getan hätte. „Wer unsere Loyalität zu Israel nicht versteht oder missdeutet, der hat in Wirklichkeit unsere Ängste und Unsicherheit, die eben aus der Shoah resultieren, nicht verstanden.“

Bei der Gedenkveranstaltung der Jüdischen Gemeinden am Abend in der Westend-Synagoge warnte Vorsitzender Salomon Korn davor, den zunehmenden Antisemitismus zu unterschätzen, der sich in die Mitte der Gesellschaft „hineinfresse“. Oft diene ihm Israelkritik als Vehikel. Wer sich an die Pogrome erinnere, werde „die Gefahr begreifen, die vom Antisemitismus ausgeht“. Nach Feldmann sprach der hessische Kultusminister Alexander Lorz in dem Gotteshaus.

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