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Notfallübung am Frankfurter Flughafen Der gestellte Ernstfall

Duisburg, Eschede, Ramstein: Bei Katastrophen mit Hunderten Verletzten müssen die Rettungskräfte den Überblick behalten. Eine neue Technik hat der Bund erstmals bei der bisher größten Notfallübung in Deutschland am Frankfurter Flughafen getestet.

09.10.2010 15:26
Markus Bulgrin
Helfer, als Verletzte verkleidete Freiwillige und Teile von Flugzeugen liegen auf der im Bau befindlichen Nordwest-Landebahn des Flughafens in Frankfurt am Main bei der bisher größten Katastrophenschutzübung in Deutschland (09.10.2010). Foto: dpa

Der Crash hat 30 Minuten Verspätung. „Delay“, dröhnt es aus überdimensionalen Lautsprechern. Helge Braun nutzt die Zeit und erzählt einer kleinen Gruppe, wie er vor Jahren selbst mal den Statisten gemimt habe. Da war er wohlgemerkt noch nicht Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung. Und dass es das Übungsfieber tatsächlich gebe: Neulich habe einer so gut gespielt, dass „der Arzt ihm direkt das Stethoskop anlegte“.

Gelächter, während Walter Gaber, der Leiter der medizinischen Dienste am Flughafen, grob die Aufstellung der Rettungskräfte für diesen Tag umreißt und hofft, dass „wir es nie brauchen werden“. Das Donnern der startenden Flugzeuge im Hintergrund erinnert einen mit mulmigem Gefühl an die Wirklichkeit, die hier gerade so realistisch wie möglich inszeniert werden soll.

Um Punkt 10.30 Uhr geht das Flughafen-Horn los, es heult auf und kündigt die Minute Null an – diesmal allerdings nicht vom Tower, sondern von einer Helferin mit Megafon. Damit werden gleichzeitig alle Einsatzkräfte des Flughafens, der gesamten Stadt, alle 16 Krankenhäuser und ganz Hessen alarmiert.

Stille. Nichts passiert. Scheinbar. Dann drehen sich alle, die bisher vom Zaun auf die Szenerie gestarrt haben, um. Im Hintergrund, mitten zwischen den riesigen, aufgetürmten Erdhügeln, die das Baufeld der neuen Nordwestlandebahn abstecken, gehen Blaulichter los. Ein Gewitter an Martinshörner schallt herüber. „Die Ikarus-Einheit“, dröhnt es wieder aus den Lautsprechern.

Hendrik Schultz von der Flughafenfeuerwehr erklärt das: drei Großfahrzeuge, ein Tanklöschfahrzeug, ein Einsatzwagen und eine große Löschtreppe sind zuerst bei den Flugzeugen. „Wir haben genau drei Minuten Zeit, um die Maßnahmen zu starten.“ Kurz vor Minute drei halten die Wagen in einer Reihe, die Behelmten in Uniformen springen heraus, gleichzeitig öffnen sich die großen, metallenen Bäuche der Fahrzeuge. Einige Männer greifen Stangen, andere Bahren, Koffer und tragen alles zu einer Stelle. Andere Trupps rennen zu den Passagieren, die verstreut über die Landebahn liegen, sprechen sie an, beruhigen sie und befragen sie nach Verletzungen.

Schreie aus allen Richtungen. Eine Frau sucht ihren Mann, sie ist verstört, will sich von ihrem Helfer losreißen, der sie aus den Trümmern wegführen will. Auf dem gut hundert Meter langen Stück Asphalt herrscht nun der absolute Ernstfall. „In Echtzeit“, wie Gaber betont. „Es gibt hier keine Übungs-Künstlichkeiten.“

Im Osten, in sicherem Abstand zum Crash, bauen die Feuerwehrleute Zelte auf. „Alle Passagiere, die laufen können, bitte zum grünen Zelt“, ertönt es aus dem Megafon eines Feuerwehrmannes, der alleine auf die Absturzstelle zuläuft. Zeitgleich treffen die ersten Ärzte der Flughafen-Klinik ein, die Airport-Security riegelt mit 380 Beamten der Polizei alles ab – sogenannte „Umstellungen“ und „Durchlassstellen“, wie Gregor Dietz vom Frankfurter Polizeipräsidium erklärt. Sie sollen Schaulustige abschirmen und Passagiere, die unter Schock stehen, an einer Flucht hindern.

Der schwarze Hubschrauber, der die ganze Zeit schon über der Absturzstelle kreist, filmt alles. Für die Auswertung im Anschluss. Und die fällt mehr als euphorisch aus. „Das hat es noch nie gegeben“, ruft Reinhard Ries im Zelt vor den Journalisten aus. Nach anderthalb Stunden die ersten Rückläufer der Krankenwagen aus den Kliniken zu empfangen, das sei „ein großer Erfolg“, so der Leiter der Feuerwehr Frankfurt.

Besonders die Elektronik, allen voran die neuen PDAs zur Sichtung der Verletzten, habe „top funktioniert“. Auch Projektkoordinator Leo Latasch „hätte das in den kühnsten Träumen nicht erwarten können“, dass sich die Geräte als „so sicher“ erweisen würden. Für Staatssekretär Braun sei das Konzept als auch die neue Technologie „wegweisend und verheißungsvoll“. Und für Sicherheitsdezernent Volker Stein haben alle Einsatzkräfte im „zeitkritischen Fenster“ den Test bestanden.

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