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Nordend Ein Buch auf gut Glück

Der Bücherschrank auf dem Merianplatz im Frankfurter Nordend ist zu einer kleinen Institution geworden.

Bücherschrank am Merianplatz
Bei so vielen Büchern gilt es, den Durchblick zu behalten. Foto: Renate Hoyer

Trotz winterlicher Temperaturen ist es ein Treiben wie auf dem Basar. Der Bücherschrank am Merianplatz ist schon zu einer kleinen Institution geworden. Keine drei Minuten vergehen, ohne dass ein Passant einen Blick durch die Glastüre wirft oder in den Büchern stöbert.

„Hier wird es nie langweilig“, sagt Harald Poetsch. Der Rentner ist gerade auf dem Weg zum Arzt. Er überfliegt die Titel und nimmt sich ein Taschenbuch heraus. „Das ist für das Wartezimmer“, sagt er. Seit der Bücherschrank 2009 auf dem Merianplatz steht, lese er wieder Romane. „Wenn ich ein interessantes Buch sehe, dann verschlinge ich es sofort“, erzählt der 69-Jährige.

Eine Frau gesellt sich dazu. Sie macht ihren Einkaufstrolley auf; er ist vollgepackt mit Büchern, mit denen sie die Lücken in den Regalen füllt. „Die sind alle ausgelesen“, sagt sie. Die meisten habe sie neu gekauft oder von Freunden geschenkt bekommen. „Alle paar Monate wird ausgemistet. Es ist schön zu wissen, dass auch andere Freude daran finden.“ Sie lächelt und läuft mit ihrem noch halbvollen Trolley davon.

Nicht im Keller vermodern lassen

Auch Sadi Ounnas wirft einen Blick durch die Scheibe und nickt. „Dank den Schränken hier habe ich keine Bücherregale mehr zu Hause. Einmal sind mir 600 Bücher im Keller vermodert. Da bringe ich sie lieber sofort hierher.“ Der 54-Jährige ist in der ganzen Stadt unterwegs und hat sich sogar eine Theorie überlegt: „Das Viertel spiegelt sich im Bücherschrank“, erklärt er. Am Merianplatz stünden häufig Computer- und Gesetzbücher, auf der Leipziger Straße akademische Werke. „Und am Weißen Stein vor allem Rosamunde-Pilcher-Romane.“ Er sehe auch Leute, die viel mitnehmen, um es im Internet zu verkaufen. Aber das nimmt der Frührentner mit Gelassenheit; „Sie schaffen doch Platz für neue Bücher. Es dauert nur ein paar Stunden, und dann ist der Schrank wieder voll.“

Ob man etwas findet, ist eine Sache des Glücks. Und des Geschmacks. Viele Passanten verweilen nur eine Minute und verschwinden wieder. Manche suchen nach bestimmten Autoren, andere nach Genres. Eine Frau nimmt Klassiker mit: Goethe, Schiller, Balzac, Zola. Aber nur, wenn sie in gutem Zustand sind. Eine andere beklagt sich, sie werde fast nie fündig.

Jüngere kommen selten vorbei

Joe Williams ist Amerikaner und freut sich über ein Buch auf Englisch. Er habe mal eine ganze Tasche aus den Staaten mitgenommen, um sie am Merianplatz zu lassen, berichtet er. Auch in Portland gebe es öffentliche Bücherschränke, eine wundervolle Idee sei das. Das einzige, was ihm zu denken gibt: Seit er hierherkomme, sei er seltener bei Oxfam um die Ecke, obwohl es dort eine hervorragende Auswahl zu kleinen Preisen gebe.

„Genau das suche ich!“ ruft Tine Fuhr plötzlich. Die 57-jährige Ärztin hat Georgette Heyers „Spanische Braut“ in der Hand. „Es war das Lieblingsbuch meiner Oma. Ich habe es gelesen, als ich Abitur gemacht habe.“ Nirgendwo sonst bekomme man solche Titel.

Nur jüngere Leute schlendern seltener vorbei. Der Altersdurchschnitt dürfte bei weit über 50 liegen. Lesen die Jüngeren weniger? Oder können sie einfach nichts mit Georgette Heyer anfangen? Wer weiß. Hajar Boulaich ist jedenfalls vom Bücherschrank begeistert. Die Schülerin ist 17 und sucht nach feministischer Literatur. „Überall in meinem Zimmer liegen Bücher rum. Meine Mutter findet, ich hätte zu viele. Dabei habe ich nur zu wenig Regale.“

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