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Nordend-Debatte Angefeindete Mütter wehren sich

In dem kinderreichen, zentral gelegenen Stadtteil prallen Welten aufeinander. Kinderlose würden das nicht verstehen, lautet die Reaktion auf die seit Tagen tobende Debatte und mit Blick auf reiche Eltern: „Die sind doch nur neidisch.“

Mütter im Nordend: Ganz normal oder ganz überdreht? Foto: Michael Schick

Andrea Schlüter schüttelt den Kopf. Nein, nein, nein, murmelt sie immer wieder als sie am Mittwochmittag im Holzhausenpark den FR-Artikel über egoistische und rücksichtslose Nordend-Mütter liest. Darüber, dass Eltern im Quartier ihren Kindern keine Grenzen setzen, sie in Cafés auf den Polstern rumhüpfen lassen und mit ihren SUVs die Straßen zuparken. Schlüter, Mutter eines Sohnes, schüttelt immer wieder den Kopf, seufzt, lacht, stöhnt. „Nein“, sagt sie erneut. „So sind wir hier im Nordend nicht.“

Schlüter wehrt sich gegen die Vorwürfe: Mitnichten würden lauter verzogene Kinder durchs Nordend rennen, die von Latte-Macchiato-Mamas kein Benehmen beigebracht bekämen. „Das ist doch Quatsch“, empört sie sich. Auch dass das Café Sahnesteif an der Glauburgstraße per Aushang um gutes Benehmen von Kindern und Eltern bittet, findet sie übertrieben. „Kinder verhalten sich eben nicht immer wie Erwachsene – das können Kinderlose oft nicht verstehen und interpretieren das als Unerzogenheit“, findet sie. Das Problem im kinderreichen Nordend sei eben, dass dort unterschiedliche Welten extrem aufeinander prallten.

Toleranz wird allenthalben vermisst

Sie selbst habe jedenfalls keinen SUV und ihr Zweijähriger noch nie im Café rumgepöbelt. Und: Sie kenne auch keine andere Nordend-Mutter, die diese Vorurteile erfüllt. „Es gibt aber Leute, die bei einem Kinderpups im Café auf die Barrikaden gehen und sofort von Unverschämtheit reden.“ Doch in einer Gesellschaft, in der immer weniger Kinder geboren würden, dürfte man nicht auch noch die letzten vertreiben, die es wagten. „Klar, muss man mit Kindern Rücksicht auf andere nehmen – aber Toleranz von der Gegenseite vermisse ich genau so.“

Auch Joanna Höldin kann über die Debatte nur den Kopf schütteln. „Es sind doch nur wenige, die das Klischee der Latte-Macchiato-Mutti erfüllen“, sagt sie, während ihr gut einjähriger Sohn im Sandkasten buddelt. „Ich habe noch nie erlebt, dass sich Yuppie-Mütter und ihre Kinder wie die Axt im Walde benehmen.“ Sie selbst versuche immer, sich rücksichtsvoll zu verhalten. „Vielleicht regen sich die Leute ja auch nur aus Neid über die gut situierten Mütter auf, weil die sich ganz sorglos allein um die Temperatur der Bionade kümmern können.“

Ein paar Meter weiter im Café des Holzhausenparks sitzt Christina Westphal. Auch sie ist nicht mit dem SUV da. Trend-Kinderwagen: Fehlanzeige. Sie fühle sich schon ein wenig von der ganzen Diskussion, die auf fr-online tobt, diffamiert. „Vorurteile kommen zwar nicht von ungefähr“, sagt Westphal. „Aber nun alle im Nordend über einen Kamm zu scheren, ist nicht richtig.“ Schließlich sei die Erziehungsdebatte eine deutschlandweite. „Das betrifft nicht nur das Nordend.“

... und vom Papa redet keiner

Das findet man auch im Café Odyssee an der Weberstraße, Dort zieht es häufig Mütter nach Babykursen hin. So wie am Mittwochmittag Judith, Petra und Viola. Sie sitzen vor Kaffee und Apfelschorle, belagern das Café weder mit ausgebreiteten Spieldecken noch lautstark schreienden Babys. „Das mit der Erziehung ist doch im Nordend nicht anders als an anderen Orten“, sagt Judith – und sogleich wird unter den Müttern eine Geschichte von unerzogen Kindern zum Besten gegeben, die in einer Arztpraxis die Hydrokugeln aus dem Blumentopf durch die Gegend warfen. „Und das war nicht im Nordend.“

Auch am Nebentisch fühlt sich Mona von der Debatte etwas diskreditiert. „Die Mehrheit im Nordend ist nicht so“, glaubt sie. „Nur: Wenn zehn sich kümmern, fällt trotzdem immer der eine auf, der es nicht tut.“ Sie erlebe eher, dass keine Toleranz für Kinder da sei. „Klar werden die nicht mehr so streng erzogen wie früher“, sagt sie. „Aber heutzutage dürfen sie eben einfach mehr Kind sein.“

Die Nordend-Mütter sehen keinen Grund, sich als Latte-Mamas abwerten zu lassen. Vom Latte-Papa rede ja schließlich auch keiner – von dem Kinderwagen-Rowdie, der jeden friedlichen Passanten auf dem Bürgersteig über den Haufen fährt, das Kind Schokokuchen auf die Café-Stühle schmieren lässt, den Nachwuchs jeden Nachmittag zum Mandarin-Lernen zwingt. Nun, er ist am Mittag im Nordend nicht da, muss sich weder mit ungezogenen noch erzogenen Kindern in der Öffentlichkeit bewegen. Er ist arbeiten.

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