No. 2 in Sachsenhausen Als Vinyl noch alternativlos war

Eine Institution für Schallplattenfreunde: Das No. 2 in Sachsenhausen feiert 33-1/3-jähriges Bestehen. Für so manches Vinyl-Juwel aus zweiter Hand geben Liebhaber auch mal 1000 Euro aus.

Plattenladen No.2 Wallstraße 15
Michael Scheuber im Plattenladen No. 2. Fotograf: Monika Müller

Pink Floyd zum Beispiel, „The Wall“. Das Album ließe sich jeden Tag mehrmals verkaufen. Oder Krautrock, Can, Kraftwerk, Amon Düül. „Da kennt der Preis gar keine Grenzen nach oben“, erzählt Michael Scheuber. 150 Euro, 500 Euro für eine Platte, durchaus auch über die 1000-Euro-Grenze hinaus gehe das bei den Liebhabern, darunter viele Engländer und Russen, wenn die Qualität stimmt. Die Sache ist nur: Den Nachschub kann man nicht herbeizaubern – wenn man ein Second-Hand-Plattengeschäft betreibt.

Ein Dritteljahrhundert gibt es ihn nun, Frankfurts bekanntesten Laden für gebrauchte Musik: No. 2. Ist das ein Jubiläum? Nun, wenn es eines ist, dann hier. Denn 33 1/3, Schallplattenfreunde wissen das, ist die Geschwindigkeit, mit der sich eine Langspielplatte dreht. Die Zahl der Rotationen in einer Minute.

Fortsetzung des Flohmarktstands

Vor 33 1/3 Jahren, als Michael Baumann den Laden eröffnete, logische Fortsetzung seines Flohmarktstands, waren die Rotation auf dem Plattenteller und das Abtasten mit der Nadel noch beinahe alternativlos. Es gab Musikkassetten, aber eher als Mittel zum Zweck, Empfänger dessen, was von der Schallplatte überspielt wurde. Die Compact Disc (CD) war ganz neu auf dem Markt. 1984 kamen in der Bundesrepublik auf eine verkaufte CD noch knapp 25 verkaufte Vinyl-Schallplatten. Fünf Jahre später lag die CD vorn, weitere zehn Jahre später verkaufte sich das digitale Ding 222-mal häufiger als der analoge Ahn. Alles bezogen auf Neuware, versteht sich.

Auf dem Second-Hand-Markt blieb die Schallplatte stark, und heute, da das Vinyl überall wieder aufholt, hält sich das Verhältnis bei No. 2 die Waage: 50 Prozent CDs, 50 Prozent große Scheiben. Dazu ein Ständer mit T-Shirts, eine Bücherecke, eine kleine Abteilung mit nostalgischen Gebrauchsgegenständen.

50.000 Tonträger immer vorrätig

Der Chef und Gründer Michael Baumann ist gerade im Ausland unterwegs. Sein Mitarbeiter Michael Scheuber kennt sich genauso gut aus. „Ich hab‘ schon mit 14 Jahren die Schule geschwänzt, um bei ihm meine Platten zu kaufen“, erinnert er sich. Die Händler drängelten sich damals mit ihren großen Ständen auf dem Flohmarkt. Das No. 2, zunächst am Wasserweg, gab dem Geschäft ein Dach, anfangs mit spärlichen Öffnungszeiten, später in der Wallstraße mit viel Platz und Fünftagebetrieb.

50.000 Tonträger sind dort vorrätig. Wichtig, sagt Scheuber: „Die Leute wissen, wenn sie etwas suchen, haben sie die große Chance, es hier zu bekommen.“ Er zeigt auf die Van-Morrison-Abteilung im Rock-Regal, etwa 20 CDs. „In den großen Elektronikmärkten haben sie vielleicht ein Album von Van Morrison. Wir haben den ganzen Back-Katalog – das würdigen die Leute.“

Der allererste Mensch, der je die Schwelle zu No. 2 überschritt, komme noch heute jede Woche, sagt Scheuber. Überhaupt seien die Kunden ausgesprochen treu. Als ein Kellerbrand 2009 fast die gesamte Ware zerstörte, halfen viele mit ihren Plattensammlungen aus – manche schenkten dem Laden sogar Tonträger. „Wir dachten erst, das war’s“, erinnert sich Scheuber. Aber die Welle der Sympathie und ein glücklicher Zufall waren die Rettung: Gegenüber stand gerade ein Geschäft leer, das half über die halbjährige Renovierungszeit hinweg.

Im No. 2 steht gleich am Tresen ein Karton mit CDs lokaler Künstler, etwa Fred Erikson, Schwefel oder The Swipes. Dann die DVDs und Blu-Rays, weiter hinten die großen Abteilungen für Rock, Prog Rock, Jazz. Platzprobleme? „Immer“, sagt Scheuber. Im Keller warten Tausende Alben darauf, in den Laden nachzurücken. Wer Geld ausgeben möchte, kann 150 Euro für LP-Boxen von Led Zeppelin, Grateful Dead oder den Stones anlegen. Oder 100 Euro für das Dylan-Album „Blood On The Tracks“. Für die gleiche Summe gäbe es auch Bach-Kantaten, 30 LPs in einem Karton.

Neuwertig – das A und O

Die CD-Preise auf dem Gebrauchtmarkt gehen runter, die Vinyl-Preise rauf. „Aber wir sind im Umbruch“, sagt Scheuber, „weil die Industrie praktisch alles neu presst.“ Problematisch für die Second-Hand-Läden. Zumal sie darauf warten müssen, dass ihnen die Platten angeboten werden. Neuware kommt Baumann nicht ins Haus – aber neuwertige Ware. Das A und O.

Ganz selten einmal können sich die No.-2-Leute nicht von einem Stück trennen. Die handsignierte Jimi-Hendrix-Platte, die mal jemand vorbeibrachte, im Keller gefunden, sie ging nie in den Verkauf. Aber sonst: „Man muss loslassen können“, sagen sich die Second-Händler. Besonders in Zeiten, in denen die Leute immer mehr Musik aus dem Internet konsumieren.