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Niederrad - Schwanheim Geschacher um die Grenzen Goldsteins

Der Bürostadt zwischen Goldstein und Niederrad steht ein Wandel bevor. Büros werden in Wohnungen umgewandelt. Derweil entbrennt ein Streit um die Grenzen Goldsteins.

06.04.2015 14:08
Ferdinand Sander
Der Rohbau in der Lyoner Straße 30 wird gerade zu einem Appartementhaus umgebaut. Foto: Rolf Oeser

Die Bürostadt ist zerrissen. Direkt hinter der Giro-Zentrale der Deka-Bank in Niederrad beginnt Goldstein-Ost und das gehört zu Schwanheim. Ein weißes Schild mit schwarzer Schrift an der Lyoner Straße kündigt es an. Lange hat das niemanden gestört. Doch im November vergangenen Jahres hat der für Niederrad zuständige Ortsbeirat 5 beantragt, die Stadtteilgrenze im Westen bis zur Autobahn A 5 zu verschieben und die Bürostadt damit vollständig Niederrad einzuverleiben.

„Solange es nur eine Bürostadt war, hat es niemanden interessiert“, sagt Antragssteller Dirk Trull (Grüne). Aber wenn ein neues Viertel entsteht, „sollte es auch zu einem Stadtteil gehören“. Der Ortsbeirat 6 ist für Schwanheim und Goldstein verantwortlich und von der Idee nicht begeistert. Man will die Grenze nicht verschieben. Und der stellvertretende Ortsvorsteher Michael Wanka (SPD), selbst Schwanheimer, beklagt, dass „niemand vom benachbarten Ortsbeirat das Gespräch gesucht hat.“ Schwanheim und Goldstein-West gehören nämlich zum Ortsbezirk 6, der östliche Teil von Goldstein aber zum Ortsbezirk 5.

Um aus der Bürostadt auch ein Stadtviertel zu machen, in dem man leben kann, sollen dort rund 3000 Wohnungen entstehen. „Und mehr als die Hälfte davon ist schon projektiert oder im Bau“, sagt Detlef Hans Franke von der „Standort Initiative Neues Niederrad“ und zeigt auf das leerstehende Eurohaus in der Lyoner Straße. „Das ist auch schon verkauft.“ Und vermutlich werde es abgerissen.

Bürotürme werden zu Wohnhäusern

Das stehe nicht immer fest. Ein paar leerstehende Gebäude werden renoviert und technisch aufgerüstet, „refurbished“, wie Ingrid Hempel, ebenfalls Mitglied der Standort Initiative, das nennt. Zum Beispiel das Gebäude an der Lyoner Straße 11. Im Erdgeschoss soll eine neue Ladenzeile eingerichtet werden, darüber finden Wohnungen ihren Platz. „Vielleicht ist auch das eine oder andere Büro dazwischen“, sagt die Immobilienwirtschaftlerin Hempel.

Gemeinsam mit Franke führt sie durch das „neue Quartier“, so sprechen sie von der Bürostadt. Sie wollen das Stadtviertel bekannt machen und zeigen, dass sich etwas tut. An der Colmarer Straße zum Beispiel. „Hier neben der Autobahn sind fast alle Grundstücke verkauft“, sagt Hempel. Jüngst habe der Elektronikhersteller Weishaupt dort gebaut. Neben der Autobahn siedelt sich Gewerbe an und bildet dann eine Art Lärmschutzriegel für die Wohnhäuser, die nach und nach entstehen sollen, wie an der Lyoner Straße 30.

Fast 200 Wohnungen kommen in den ehemaligen Büroturm. Das Baustellenschild vor dem entkernten Haus kündigt Economy-, Business- und Penthouse-Appartements an. Das klingt nach Hotel.
Von denen gibt es einige in der Bürostadt. „Aber sonst lebt da doch niemand, da arbeitet man nur“, hört man immer wieder. Doch, da lebt jemand. Ende vergangenen Jahres waren 380 Menschen in Goldstein-Ost gemeldet. Mitgezählt sind da schon die Bewohner der Lyoner Straße 19. Dort steht der erste Büroturm, der zum Wohnhaus geworden ist. Das war 2010.

Ein Jahr zuvor lebten gerade mal 230 Menschen in Goldstein-Ost. Sieht man die parkenden Auto-Kolonnen an den Straßenrändern ist das schwer vorstellbar. Aber auf den Bürgersteigen gehen nur ein paar Menschen, dafür treibt der Wind viel altes Laub über die Erde. Für Frankfurt ist es in der Bürostadt ungewöhnlich still. Aus der Ferne dringen leise die Geräusche der vorbeibrummenden Autos auf der A 5, ab und zu dröhnt ein Flugzeug durch die Luft. Laut scheppern allein die Hämmer der Bauarbeiter, die unweit des Deka-Hauses das Lyoner Carrée mit 134 Mietwohnungen für die ABG Frankfurt Holding bauen. Über ihren Köpfen kreisen die Ausleger von Gittermastkränen.

Stadtteilpolitik stößt bei Anwohnern auf Desinteresse

Ein paar Meter weiter liegt die alte Woolworth-Konzernzentrale hinter verschlossenen Gittertoren. Der Kirschlorbeer wuchert, das verblichene Parkplatzschild weist schon lange keine Autos mehr in die richtige Richtung. Ein blaues Schild gibt bekannt: „Hier entsteht ein Projekt der PDI Gruppe.“

Kurz liegt der Geruch von faulen Eiern in der Luft. Der schert sich schließlich nicht um Stadtteilgrenzen. Denn in Goldstein-Ost liegt das Klärwerk der Stadtentwässerung am Mainufer. Von dort treibt der böige Wind unangenehme Duftnoten in die Nasen der Passanten auf der Niederräder Seite der Bürostadt.

Was in der Stadtteilpolitik Wellen schlägt, stößt dort nur auf wenig Interesse. „Ja, ich hab davon in der Zeitung gelesen“, sagt ein Vorbeilaufender. „Aber es haut mich nicht um.“ Ob er finde, die Bürostadt solle vollständig in Niederrad aufgehen? „Ach nö“, sagt er und hechtet in Richtung S-Bahn-Haltestelle davon.

Dort wartet ein IT-Fachmann auf seinen Zug. Goldstein oder Niederrad, das kümmere ihn nicht. „Ist das wichtig?“ Wenn ihn jemand fragt, wo er arbeitet, antworte er stets: „Ich arbeite in Niederrad.“ Vielleicht werden die künftigen Bewohner des Viertels das anders sehen.

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