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Nidda In den Flüssen ist zu viel Dreck

Das Forschungsprojekt „NiddaMan“ zeigt, wie sehr wir unsere Gewässer vernachlässigen - nur acht Prozent sind sauber, und die Grenzwerte reichen nicht aus. Dabei gäbe es Lösungsmöglichkeiten.

Nidda
Renaturierung, wie hier die der Nidda nahe Karben, reicht nicht, solange weiter Schadstoffe in den Fluss eingetragen werden. Foto: Renate Hoyer

Die Wasserqualität der Nidda ist schlecht – so schlecht, dass Fachleute fordern, dringend etwas zu unternehmen. Das Wasser muss besser gereinigt werden, lautet das Fazit der großangelegten Studie „NiddaMan“. Oder noch besser: Der Dreck darf gar nicht erst produziert werden.

Campus Riedberg der Frankfurter Goethe-Uni, Dienstagmorgen. Hundert Experten haben sich angemeldet zur Tagung über die Ergebnisse der „NiddaMan“-Untersuchungen. „Man“ steht hier nicht für Mann, sondern für Management. Ulrike Schulte-Oehlmann hat sich den Begriff einfallen lassen, und das war ein Treffer: „Es bleibt im Kopf“, sagt die Projektkoordinatorin. Und zwar überregional: „Die Nidda ist ein Fluss, dessen Daten sich auf andere Systeme gut übertragen lassen“, sagt Sven Klimpel, der Dekan der Biowissenschaften.

Was besagen die Daten? Dass der Mensch, wie immer, schuld ist. Wir tragen zu viele Schadstoffe in die Flüsse ein, da sind sich alle einig, die an diesem Tag am Rednerpult stehen, und es sind viele. „Als ich von den Ergebnissen gehört habe, ist mir mulmig geworden“, sagt Michael Denk vom hessischen Umweltministerium. Nur acht Prozent (in Zahlen: 8) der hessischen Oberflächengewässer erfüllen heute die Anforderungen in Sachen Sauberkeit laut EU-Wasserrahmenrichtlinie, die bis 2027 umgesetzt sein müssen. Bundesweit sieht es genauso trübe aus. Mit anderen Worten: „Das Ziel ist bis 2027 nicht zu erreichen“, sagt Klimpel.

Fast 2000 Quadratkilometer umfasst das Einzugsgebiet der Nidda, fast 90 Kilometer lang fließt sie von der Quelle im Vogelsberg bis in den Main. Dass sie schmutzig ist, zu schmutzig für die Natur, dafür kann sie nichts. Ursachen sind eher in einer Papierfabrik an ihrem Ufer zu suchen, aber auch in einer Kläranlage an ihrem Zufluss, der Horloff. Dort müsse man ansetzen, um die Wasserqualität zu verbessern, sagt Heinz Köhler von der Uni Tübingen. Er hat die Fische im Fluss untersucht. Die Embryos des Zebrabärblings etwa, und die Regenbogenforelle. Ihn erstaunte, dass es den Fischen mitunter im Oberlauf viel schlechter geht als weiter unten. Und dann fand er heraus: Da liegen ja auch Fabriken und Kläranlagen, die Abwasser einleiten. „Von 30 untersuchten Stellen sind 25 nicht in ökologisch gutem Zustand“, sagt er.

Ein verheerendes Fazit. Ebenso die Feststellung der Forscher: „Einträge aus Industriebetrieben werden unzureichend erfasst.“ Bedrückend auch der Umstand, dass es häufig gerade die renaturierten Stellen sind, an denen es sich als Fisch ausgesprochen schlecht lebt, wie Senckenberg-Wissenschaftlerin Andrea Sundermann analysiert. Laufkäfer und Auenvegetation profitieren eindeutig, wenn der Flusslauf in sein ursprüngliches Bett zurückdarf.

Aber im Wasser sieht es nicht so gut aus, und das liegt am Sediment. „Da zwängt man so einen armen Fluss jahrzehntelang in ein Korsett“, sagt Thomas Hartmanshenn vom Frankfurter Umweltamt, „und wo man ihn wieder renaturiert, setzt sich der ganze Dreck ab.“ Weil dort eben Platz zum Verweilen ist, Wer will’s ihm verdenken, dem Dreck? „Wir wollen aber keineswegs so verstanden werden, dass es heißt: Renaturierung bringt nichts“, sagt der „NiddaMan“-Projektleiter Jörg Oehlmann. „Die Renaturierung muss aber Hand in Hand gehen mit Schritten gegen den Eintrag von Schad- und Nährstoffen.“

Unangenehme Wahrheiten fördert „NiddaMan“ zutage, das Los aller Wissenschaft. „Am Anfang sind wir regelrecht verhauen worden“, sagt Oehlmann. Da hieß es: „Was wollt ihr denn – kommt von der Uni und sagt uns, was wir falsch machen!“ Das war 2015. Seither ist viel passiert, seither gab es vor allem unendlich viel Kommunikation. „Je mehr alle miteinander geredet haben, desto besser wurde es“, sagt Ulrike Schulte-Oehlmann. „Und desto mehr haben wir gemerkt, wie wahnsinnig verbunden die Menschen der Nidda sind.“

Dabei half auch „NiddaLand“, die App für die interessierten Bürgerinnen und Bürger. Damit können sich alle am Projekt beteiligen, ob per Smartphone oder mit dem Computer, und ihre Beobachtungen und Fotos mit den anderen teilen: Der Biber hat wieder einen Baum umgelegt! Die Störche sind zurück! So viel Müll am Ufer! „Es ist wichtig, die Bevölkerung partizipieren zu lassen“, sagt Ulrike Schulte-Oehlmann.

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