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Neue Frankfurter Altstadt Kulissenarchitektur für Touristenmassen

„Architektur dient schon seit Jahrhunderten dazu, zu beeindrucken und den Staat zu repräsentieren“: Der Architekt Dreysse über austauschbare Gebäude und die aktuellen Rekonstruktionen in Frankfurt.

Neue Altstadt in Frankfurt
Die neue Frankfurter Altstadt ist mittlerweile begehbar - die kritische Auseinandersetzung mit dem Quartier noch lange nicht beendet. Foto: Michael Schick

Warum gelingt es der zeitgenössischen Architektur nicht, so positive Gefühle zu erzeugen, wie es die neue Altstadt tut?
Es gibt zu wenige Architekten, die daran denken, dass Architektur auch angefasst werden muss. Das haptische Element, das eine direkte Verbindung zwischen Mensch und Architektur schaffen kann, kommt zu kurz. Es gibt gute Beispiele moderner Architektur, zweifellos. Aber es sind insgesamt zu wenige. In den Innenstädten wird nach kapitalistischen Grundsätzen geplant und gebaut.

Die Architektur ist im Grunde eine Funktion des profitorientierten Wirtschaftssystems?
Ja. Die Architektur ist ein beliebtes Mittel von denen, die Geld verdienen wollen, und von denen, die Staatsmacht ausüben. Die Architektur dient schon seit Jahrhunderten dazu, zu beeindrucken und den Staat zu repräsentieren.

Ist Frankfurt die Stadt, in der man diese kapitalorientierte Architektur besonders sieht?
Auf jeden Fall sieht man sie schon von weitem mit der Skyline der Hochhäuser. Das ist beeindruckend, und genau das soll es auch ein. Da wird ein Stück Boden zur gewinnbringenden Selbstdarstellung genutzt. Es gibt einige schöne Bauten darunter.

Es hat sich in Frankfurt ein bestimmter architektonischer Stil gerade bei Bürogebäuden breitgemacht, Fassaden mit den immer gleichen rechteckigen Fensteröffnungen…
… die gerasterten Fassaden. Die sehen sich in New York, in Moskau und in Frankfurt sehr ähnlich.

Es entstehen in Frankfurt Bürogebäude, die könnten überall stehen, die haben mit ihrer Umgebung nichts zu tun, oder?
Es sind verpflanzbare Objekte, „Fallschirm-Architektur“ sozusagen. Einige nehmen noch Rücksicht auf ihre Umgebung, andere nicht.

Bei der Frankfurter Altstadt haben Sie Ihre Meinung dann geändert und zwei Häuser entworfen. Warum?
Der erste Schritt war der, dass wir von der Stadt gebeten wurden, eine Dokumentation zusammenzustellen über die Altstadthäuser, die auf dem Gelände des Technischen Rathauses gestanden hatten. Bei der Recherche in den Archiven haben wir festgestellt, dass es viele Dokumente gab, Zeichnungen, Pläne, Fotografien. Es gab vielfältige Architekturen, weil die Altstadt eben über 800 Jahren entstanden ist. Die Stadt fragte uns, nach welchen Kriterien man sinnvollerweise rekonstruieren sollte, und wir schlugen vor, ein gotisches, ein Renaissance-, ein Barockgebäude und so weiter zu rekonstruieren. Dann haben wir sechs Häuser vorgeschlagen. Und als es um die Frage ging, wer das plant, haben wir in der Tat den Finger gehoben. Weil uns das reizte. Es reizte uns, ein Renaissancehaus zu rekonstruieren.

Haben Sie keine Angst vor dem Vorwurf, Sie seien ein Umfaller?
Nein. Ich kann begründen, warum ich da umgeschwenkt bin. Ich will auf keinen Fall das gesamte Viertel rekonstruiert sehen. Es sollten exemplarische Bauzeugnisse entstehen. Man redet immer nur über die Rekonstruktionen, über die Neubauten wird nicht gesprochen.

Hat das Viertel eine Chance, ein Wohnviertel zu werden, oder ist es nicht doch eine Kulisse für die Touristen von nah und fern?
Ein bisschen Kulissenarchitektur ist das schon, das kann man nicht abstreiten. Es wird aber auch bewohnt werden. Ob sich die Bewohner wohlfühlen werden, wenn sie ständig von Touristenmassen fotografiert werden, muss man sehen. Aber es sind schöne Wohnungen mit hohen Decken und guten Zuschnitten. Und vielen Geschäften.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Neue Altstadt Frankfurt

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