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Neue Frankfurter Altstadt Kulissenarchitektur für Touristenmassen

„Architektur dient schon seit Jahrhunderten dazu, zu beeindrucken und den Staat zu repräsentieren“: Der Architekt Dreysse über austauschbare Gebäude und die aktuellen Rekonstruktionen in Frankfurt.

Neue Altstadt in Frankfurt
Die neue Frankfurter Altstadt ist mittlerweile begehbar - die kritische Auseinandersetzung mit dem Quartier noch lange nicht beendet. Foto: Michael Schick

Herr Dreysse, ich kann mich noch gut an das Jahr 2005 erinnern. Damals haben Sie als Vorsitzender des Städtebaubeirats eine große Veranstaltung im Deutschen Architekturmuseum organisiert und vehement gegen eine Rekonstruktion der Altstadt plädiert.
Wir hatten im Städtebaubeirat darüber diskutiert und das Ergebnis des städtebaulichen Wettbewerbs vorliegen, das ja moderne Gebäude auf dem Gelände des Technischen Rathauses vorsah. Gleichzeitig haben die Altstadtfreunde und die Rechtspopulisten um Wolfgang Hübner auf die Rekonstruktion der Altstadt gedrängt. Da haben wir gesagt: Der Städtebaubeirat muss endlich mal die Hosen runterlassen und sich bekennen. Deshalb habe ich die öffentliche Veranstaltung im Architekturmuseum einberufen. Kurz danach kam die Nachricht, dass Wolfgang Hübner im Historischen Museum auch eine Veranstaltung plante. Wir haben als Bund Deutscher Architekten die Rekonstruktion abgelehnt.

Hübner wollte genau das Gegenteil und hatte einen Antrag zur Rekonstruktion wichtiger Altstadthäuser eingebracht. Warum haben Sie die Rekonstruktion abgelehnt?
Wir haben argumentiert, dass es überhaupt keine gesicherten Pläne mehr gab. Und wir wollten keine Rekonstruktion der Geschichte. Wir haben gesagt: Das ist völliger Unfug. Geschichte kann man nicht rekonstruieren. Wir leben in unserer Zeit und wir arbeiten mit unseren Gestaltungsmitteln. 

Man wollte sich abgrenzen von der nationalsozialistischen Zeit und von der Kaiserzeit, oder? Es gab einen jahrzehntelangen Streit zwischen Modernisten und Traditionalisten, was dazu führte, dass das Grundstück östlich des Römerbergs lange nur als Autoparkplatz genutzt wurde, bis dann Anfang der 70er Jahre das Technische Rathaus gebaut wurde. 

Nach dem Krieg wurde überlegt, öffentliche Nutzungen dort unterzubringen, im weitesten Sinne Kultur. Dann gab es 1962 einen Wettbewerb, in dem ein Ausstellungshaus geplant wurde unter dem vagen Motto: Frankfurt und die Welt. Das war so wie beim Stadthaus später: Man wollte erst mal ein Haus bauen, ohne zu wissen, was man damit anfangen sollte.

Das ist typisch für Frankfurt. Bei der Rekonstruktion der Alten Stadtbibliothek an der Schönen Aussicht wurde ja auch erst spät entschieden, dort das Literaturhaus unterzubringen.
Wichtig ist: Bei uns Gegnern der Rekonstruktion haben damals ideologische Fragen gar keine Rolle gespielt.

Sie wollten der modernen Architektur eine Chance geben.
Ja. Und wir wollten ein lebendiges Stadtzentrum haben, mit Wohnungen. Aber nicht mit Wohnungen wie heute, die nur schwer bewohnt werden können, weil das Viertel ein zu touristisches wird.

Die Politiker von CDU und Grünen haben dann nach 2005 verhindert, dass der Siegerentwurf des städtebaulichen Wettbewerbs, der von Jürgen Engel stammte und moderne Gebäude vorsah, verwirklicht wurde. Ist das nicht eine Niederlage für die moderne Architektur?
Ja, sicherlich. Das neue Altstadtviertel ist ein Akzent gegen das, was in den zurückliegenden Jahrzehnten in Frankfurt an moderner Architektur entstanden ist. Es gab immer wieder den Vorwurf: Ihr habt die Stadt mit Gebäuden verschandelt, die kalte Architektur sind. Das kann man nicht von der Hand weisen. Da ist etwas dran. Und es geht heute immer noch weiter.

Warum gelingt es der zeitgenössischen Architektur nicht, so positive Gefühle zu erzeugen, wie es die neue Altstadt tut?
Es gibt zu wenige Architekten, die daran denken, dass Architektur auch angefasst werden muss. Das haptische Element, das eine direkte Verbindung zwischen Mensch und Architektur schaffen kann, kommt zu kurz. Es gibt gute Beispiele moderner Architektur, zweifellos. Aber es sind insgesamt zu wenige. In den Innenstädten wird nach kapitalistischen Grundsätzen geplant und gebaut.

Die Architektur ist im Grunde eine Funktion des profitorientierten Wirtschaftssystems?
Ja. Die Architektur ist ein beliebtes Mittel von denen, die Geld verdienen wollen, und von denen, die Staatsmacht ausüben. Die Architektur dient schon seit Jahrhunderten dazu, zu beeindrucken und den Staat zu repräsentieren.

Ist Frankfurt die Stadt, in der man diese kapitalorientierte Architektur besonders sieht?
Auf jeden Fall sieht man sie schon von weitem mit der Skyline der Hochhäuser. Das ist beeindruckend, und genau das soll es auch ein. Da wird ein Stück Boden zur gewinnbringenden Selbstdarstellung genutzt. Es gibt einige schöne Bauten darunter.

Es hat sich in Frankfurt ein bestimmter architektonischer Stil gerade bei Bürogebäuden breitgemacht, Fassaden mit den immer gleichen rechteckigen Fensteröffnungen…
… die gerasterten Fassaden. Die sehen sich in New York, in Moskau und in Frankfurt sehr ähnlich.

Es entstehen in Frankfurt Bürogebäude, die könnten überall stehen, die haben mit ihrer Umgebung nichts zu tun, oder?
Es sind verpflanzbare Objekte, „Fallschirm-Architektur“ sozusagen. Einige nehmen noch Rücksicht auf ihre Umgebung, andere nicht.

Bei der Frankfurter Altstadt haben Sie Ihre Meinung dann geändert und zwei Häuser entworfen. Warum?
Der erste Schritt war der, dass wir von der Stadt gebeten wurden, eine Dokumentation zusammenzustellen über die Altstadthäuser, die auf dem Gelände des Technischen Rathauses gestanden hatten. Bei der Recherche in den Archiven haben wir festgestellt, dass es viele Dokumente gab, Zeichnungen, Pläne, Fotografien. Es gab vielfältige Architekturen, weil die Altstadt eben über 800 Jahren entstanden ist. Die Stadt fragte uns, nach welchen Kriterien man sinnvollerweise rekonstruieren sollte, und wir schlugen vor, ein gotisches, ein Renaissance-, ein Barockgebäude und so weiter zu rekonstruieren. Dann haben wir sechs Häuser vorgeschlagen. Und als es um die Frage ging, wer das plant, haben wir in der Tat den Finger gehoben. Weil uns das reizte. Es reizte uns, ein Renaissancehaus zu rekonstruieren.

Haben Sie keine Angst vor dem Vorwurf, Sie seien ein Umfaller?
Nein. Ich kann begründen, warum ich da umgeschwenkt bin. Ich will auf keinen Fall das gesamte Viertel rekonstruiert sehen. Es sollten exemplarische Bauzeugnisse entstehen. Man redet immer nur über die Rekonstruktionen, über die Neubauten wird nicht gesprochen.

Hat das Viertel eine Chance, ein Wohnviertel zu werden, oder ist es nicht doch eine Kulisse für die Touristen von nah und fern?
Ein bisschen Kulissenarchitektur ist das schon, das kann man nicht abstreiten. Es wird aber auch bewohnt werden. Ob sich die Bewohner wohlfühlen werden, wenn sie ständig von Touristenmassen fotografiert werden, muss man sehen. Aber es sind schöne Wohnungen mit hohen Decken und guten Zuschnitten. Und vielen Geschäften.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Neue Altstadt Frankfurt

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