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Neue Altstadt „Wir geben ein Stück Herz und Seele zurück“

Die neue Altstadt ist offiziell eröffnet. Beim Festakt kritisiert der Architekt Mäckler den schlechten Zustand des öffentlichen Raums in Frankfurt.

Neue Altstadt in Frankfurt
Neue Altstadt: Eine Inszenierung, die nichts mit der Realität des ehemaligen Schmuddelviertels zu tun hat. Foto: Renate Hoyer

John Williams ist sicher ahnungslos. Es sind Fanfarenklänge aus der Feder des US-Komponisten („Der weiße Hai“, „Star Wars“), die zur Eröffnung der neuen Frankfurter Altstadt erschallen. Sie rahmen den Auftritt des Frankfurter Oberbürgermeisters und seines Gefolges – darunter Vorgängerin Petra Roth, Planungsdezernent Mike Josef, Umweltdezernentin Rosemarie Heilig. Im Geschiebe und Gedränge der Fotografen und Kameraleute – es geht um Bilder, Bilder, Bilder – schüttelt der OB huldvoll Hände auch verdutzter Passanten. Er ruft: „Nehmen Sie die Altstadt in Besitz – sie gehört Ihnen!“

Das lassen sich die Leute nicht zweimal sagen. Das Kulissenhafte der Häuser wirkt. Fotos, Fotos. Winkt da nicht Goethe aus dem Fenster des Hauses Melber? Nein, doch nur ein Handwerker. Die Büste von Friedrich Stoltze muss wieder für Karl Marx herhalten. Egal. Der OB bekennt stolz, dass er „schon ein gutes Dutzend Mal als Stadtführer“ fungiert habe. 

Dritte Eröffnung für Feldmann 

Anfang 2018 glaubte die CDU Peter Feldmann noch dafür kritisieren zu können, dass er einfach mal so ein „Pre-Opening“ der Altstadt angesetzt hatte – mit ihm als Hauptfigur. Jetzt feiert der wiedergewählte OB die dritte Eröffnung – und die CDU-Politiker sind hilflos. Der Tross mit Feldmann im Zentrum zieht hinüber zum Paulsplatz. Interviews im Laufen, hastige O-Töne.

Feldmann: Aufstieg Frankfurts unaufhaltsam

Szenenwechsel. Vollbesetzte Paulskirche. Andere Musik: Der erste Satz vom Divertimento in D-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart. Der OB jetzt staatstragend. Er kommt auf die Paulskirche zu sprechen, deren Erneuerung das große Thema seiner zweiten Amtszeit werden soll. „Sie ist ein Symbol für unsere Demokratie, wir müssen eine Kampagne über ihre Zukunft auslösen.“ Feldmann extemporiert: Wie die geschlagenen Demokraten von 1848 sich von Frankfurt aus „ins Badische aufgemacht“ haben. Wie sich das Image Frankfurts wandelt: „Wir haben zehn Millionen Touristen anvisiert in diesem Jahr.“ Und wenn das 2018 nichts werde, dann eben im Jahr darauf: Der Aufstieg Frankfurts sei unaufhaltsam. Und die neue Altstadt spielt dabei eine zentrale Rolle: „Wir geben der Stadt ein Stück Herz und Seele zurück.“

5559 Menschen starben bei den Bombenangriffen 

Dann die Schweigeminute. Knapp 1000 Menschen im Kuppelbau erheben sich von ihren Sitzen. 5559 Menschen starben bei Bombenangriffen auf Frankfurt – und viele Millionen bei dem Angriffskrieg, den Deutschland vom Zaun gebrochen hatte.

Und dann liest Christoph Mäckler den Vertretern von Politik, Städtebau, Kultur die Leviten. Der hochgewachsene Architekt faltet seine Gestalt geradezu hinter dem Rednerpult zusammen. Rasch kommt der Vorsitzende des Gestaltungsbeirats für die Altstadt auf sein Lieblingsthema zu sprechen: Den elenden Zustand des öffentlichen Raums. „Es gibt eine tiefe Unzufriedenheit mit dem, was wir heute an öffentlichem Raum haben – es gibt keine gefassten Räume mehr, in denen die Bewohner sich wohlfühlen würden.“

Deshalb werde die Altstadt von den Menschen so positiv aufgenommen: Weil sie qualitätsvolle Räume biete. Weil sie „Geborgenheit“ vermittele und „Aufenthaltsqualität“. 

Mäckler fordert, allen künftigen neuen Wohnsiedlungen in Frankfurt die gleiche Sorgfalt angedeihen zu lassen wie der Altstadt. Überhaupt müsse die Kommune endlich ihr städtebauliches Erbe pflegen: „Das Rathaus ist noch heute mit Notdächern versehen – der Römer ist eine Kriegsruine!“ Den Türmen des Römers fehle ihre Spitze: „Wir sollten das ändern!“ Da kommt zaghafter Beifall auf im Oval der Paulskirche.

Überhaupt genieße das Bauen in der Politik viel zu wenig Rückendeckung. 1998 sei es in der Bundesregierung mit dem Thema Verkehr in einem Ministerium zusammengefasst worden, 2013 gar in einem Konstrukt „für Umwelt, Naturschutz, Bauen und Reaktorsicherheit“. Gelächter im Saal. Heute steht Horst Seehofer (CSU) an der Spitze eines Ministeriums für Inneres, Bau und Heimat. 

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