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Neue Altstadt in Frankfurt Hühnermarkt der Illusionen

Ein erster Rundgang führt durch die neue Altstadt in Frankfurt. Die Besucher zeigen sich begeistert bis skeptisch. Am 9. Mai fallen alle Bauzäune endgültig.

Krönungsweg
Den Leierkastenmann gab es im Mittelalter noch nicht, den Krönungsweg in anderer Form schon. Foto: peter-juelich.com

Der historische Moment verschwimmt im Nebel. Am Freitagmorgen liegen die verschieferten Giebeldächer, die Fachwerkwände, die Fensterstürze und steinernen Balustraden noch unter einem gleichgültig grauen Himmel. Die wenigen Passanten hüllen sich fröstelnd in ihre Wintermäntel. Am Eingang zur neuen Altstadt steht völlig verwaist eine rollende Theke, die Bratwürste und Ebbelwei feilbietet. Der Augenblick selbst, in dem Geschichte geschrieben wird, verläuft unspektakulär: Zwei uniformierte Wachleute treten zur Seite – und die ersten Besucher setzen zögernd ihren Fuß auf den Krönungsweg durch die neue Frankfurter Altstadt.

Es ist 9.02 Uhr. Kaum ein Dutzend Menschen nimmt die rekonstruierte Passage in Besitz. Zwischen Römer und Dom, wo einst die Kaiser mit ihrem Gefolge vom Gottes- zum Rathaus schritten, verlieren sich ältere Fußgänger in Parkas und mit Rucksäcken. Sie stehen staunend vor dem wieder aufgebauten Haus Markt 40, das seine tragische Geschichte nicht verschweigt. Es verbrannte 1944 in den Bombenangriffen des Zweiten Weltkrieges. Doch da sind Spolien eingebaut, originale Stücke, die ihre Herkunft herzeigen. Ein Fenstersturz etwa, der noch die schwarzen Rußspuren des großen Brandes vom März 1944 trägt.

Im nebligen Morgen sind die Schritte der Besucher kaum zu vernehmen. Welch ein Gegensatz zum Trubel, den der sechsjährige Johann Wolfgang von Goethe 1755 beim Besuch in der Altstadt erlebt hatte. In „Dichtung und Wahrheit“ schrieb er später: „Hier sahen wir nun dem Gewühl und Gedränge, in dem wir uns scheuten zu verlieren, sehr vergnüglich aus den Fenstern zu.“

Da liegt das Fenster im ersten Stock des Hauses „Melber“, in dem Goethe damals bei seiner Tante einquartiert wurde. Von dort aus blickte der Junge auf den Hühnermarkt, der so hieß, weil dort unter anderem Federvieh verkauft wurde, aber auch Honig und Obst, Tücher und Lederwaren. Die Leute fotografieren mit ihren Handys, als ob der junge Goethe gleich ans Fenster treten würde.

Stadtführer Christian Setzepfandt gibt alles. Erzählt den Besuchern in blumigen Worten, wie Victor Hugo und Goethe über die Altstadt schrieben. Hugo missfielen „die Blutströme“, die „von den 150 Metzgerschirnen“ zum Main hinabrannen, Goethe ekelte sich vor „Millionen von Schmeißen“, die auf dem Schlachtfleisch saßen. Überhaupt war die Altstadt in Frankfurt zur Zeit des Dichterfürsten schlecht angesehen: dunkle, schmale Gassen ohne Kanalisation, schlecht belichtete und belüftete Wohnungen.

Vergessen, alles vergessen. Friederike Landskron geht bewegt über den Krönungsweg: „Ich finde es wunderschön – meine Schwiegermutter hätte es gerne noch erlebt.“ Sie hatte das historische Quartier noch gekannt. Landskron ist „froh, dass sich Frankfurt aufrafft“. Den Hühnermarkt nennt sie „zauberhaft“. Friedrich Stoltze, der große Freiheitsdichter des 19. Jahrhunderts, blickt von seinem Brunnen wohlgefällig auf die Ankömmlinge. Den „Frankfurter Karl Marx“ nennt ihn Michael Guntersdorf liebevoll, der Geschäftsführer der städtischen Dom Römer GmbH.

Auch Elke Boeckheler ist „ganz begeistert“, sieht „ein Stück Seele von Frankfurt“ wiedergewonnen. Sachbearbeiter Andreas Bruns ist eigens vor dem Büroalltag hierher geeilt: „Es vermittelt einen schönen Eindruck, wie die Altstadt mal ausgesehen hat.“ Bruns weiß wohl: „Es war in Wahrheit nicht so schön.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Neue Altstadt Frankfurt

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