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Neue Altstadt Frankfurt Die Inszenierung eines Traums

Die neue Altstadt ist eine Niederlage für die zeitgenössische Architektur. Unser Kommentar.

Begehung der neuen Altstadt
Zwischen Dom und Römer ist eine romantisch aufgeladene Kulisse entstanden. Foto: Christoph Boeckheler

Die lange Entstehungsgeschichte der neuen Frankfurter Altstadt ist ein politisches Lehrstück. Es verrät viel über den inneren Zustand der bürgerlichen Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Die Stichworte, die immer wieder fallen, sind verräterisch. Von „Heimat“ sprechen die Politiker, von der „Seele“, die Frankfurt zurückgegeben, von der „Sehnsucht“, die endlich gestillt werde. 

Wie kalt und seelenlos muss also die Wirklichkeit sein in den Zeiten rasanter Digitalisierung und Globalisierung. Dass sie einer solchen, romantisch aufgeladenen Kulisse bedarf wie sie zwischen Dom und Römer entstanden ist. Die neue Altstadt: Das ist die Inszenierung eines Traums. 

Tatsächlich war das historische Quartier im Zentrum Frankfurts niemals so sauber und aufgeräumt, wie es jetzt präsentiert wird. Die Altstadt: Das war das Viertel der armen Menschen, mit beengten, schlecht belichteten Wohnungen, mit miesen sanitären Verhältnissen, mit schmalen Gassen. Tatsächlich zog, wer konnte, aus der Altstadt weg. Tatsächlich bemühte sich die Stadt schon Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts um eine Sanierung der Häuser. 
Das Projekt Altstadt hat heute viele Väter und Mütter, die sich als seine Urheber feiern lassen. Die Wahrheit ist: Es waren die rechtspopulistischen Bürger für Frankfurt (BFF), die als Erste am 20. August 2005 den Wiederaufbau der 1944 bei Bombenangriffen zerstörten historischen Altstadt forderten. CDU, SPD und Grüne im Römer lehnten diesen Antrag damals ab. 

Doch schon 2006 machten sich CDU und Grüne auf den Weg, das von den BFF entworfene Konzept umzusetzen. Tatsächlich ist die neue Altstadt nur entstanden, weil sich zwei Parteien der bürgerlichen Mitte, CDU und Grüne, dieses Projektes entschlossen annahmen. Es brachte Erfolg beim bürgerlichen Publikum. Die SPD sprang erst später auf diesen politischen Zug auf, reklamierte gar ein „Recht auf Fachwerk“ – doch die Wählerschaft entschied sich für das schwarz-grüne Original. 

Die neue Altstadt ist eine Niederlage für die zeitgenössische Architektur und den Städtebau der Gegenwart. Der Frankfurter Architekt Jürgen Engel hatte 2005 mit einem modernen Entwurf den städtebaulichen Wettbewerb für das spätere Altstadtgelände gewonnen. Doch die Kommunalpolitiker und die Altstadtfreunde setzten ihm so zu, dass er 2006 entnervt aufgab.

Das ist das eigentlich Alarmierende: Die moderne Architektur erreicht offenbar etliche Menschen nicht mehr. Sie vermag offenbar keine positiven Gefühle mehr zu mobilisieren. Die Menschen flüchten sich eher in ein vermeintlich vertrautes Ambiente, das ihnen scheinbar Sicherheit bietet, während die Gesellschaft sich rasant wandelt. Die Rechtspopulisten dürfen sich freuen. 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Neue Altstadt Frankfurt

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