Lade Inhalte...

Neckermann Niedergang einer Ikone

Neckermann war für viele mehr als nur ein Versandhaus. Mit seinem beispiellosen Aufstieg, stand das Unternehmen für den demonstrativen Optimismus der Wirtschaftswunderjahre.

Am Stammsitz Frankfurt, müssen die Mitarbeiter abwarten, ob und wie es weitergeht. Foto: dapd

Der Anfang war verheißungsvoll. Am 1. April 1950 gründete Josef Neckermann in Frankfurt seine gleichnamige Versand KG. Schon drei Jahre später erzielte das junge Unternehmen 100 Millionen Mark Umsatz. Die Neckermann-Kataloge waren heiß begehrte Markenzeichen der Nachkriegszeit, viele Menschen erwarteten damals mit Ungeduld die jeweils neueste Ausgabe. Jetzt steht die große Tradition auf dem Spiel. Am heutigen Mittwoch beginnt Thomas Schmidt, einer der Betriebsratsvorsitzenden, die Verhandlungen mit dem Neckermann-Besitzer, dem US-Finanzinvestor Sun Capital. „Wir geben diese Firma nicht auf!“, heißt Schmidts kämpferische Parole.

Mieter in der eigenen Zentrale

Es geht um die Existenzen vieler Menschen. „Es trifft vor allem Frauen über 50 Jahre, Migranten und Ungelernte“, sagt Harald Fiedler, DGB-Chef von Frankfurt und Rhein-Main. Von 2100 Stellen möchte Sun Capital 1380 streichen – den Neckermann-Katalog soll es nicht mehr geben. Nur noch der Internet-Handel bleibt übrig, geht es nach dem Willen des Eigentümers.

Im Frankfurter Rathaus sind die Fachleute alarmiert. Nicht nur wegen der Arbeitsplätze. Das riesige Neckermann-Areal unter der Adresse Hanauer Landstraße 360, knapp 16,7 Hektar groß, könnte Stück für Stück filetiert und verkauft werden. Für Bürohäuser, wie sie immer noch zu Dutzenden in Frankfurt entstehen. Obwohl der Leerstand bei Büros in der Stadt immer noch bei 2,5 Millionen Quadratmetern liegt, so Martin Hunscher, der stellvertretende Leiter des Stadtplanungsamtes. Die Neckermann-Immobilien gehören schon seit einigen Jahren nicht mehr dem Konzern selbst, sondern dem englischen Immobilienunternehmen Segro, Neckermann ist nur noch Mieter.

Gewerkschaften wollen Zerschlagung verhindern

Für den Hauptteil des Geländes gilt ein städtischer Bebauungsplan aus dem Jahr 1967, der ein Industriegebiet ausweist. „Büros sind rechtlich so nicht möglich, die Flächen müssten umgewidmet werden“, sagt Hunscher. Für einen guten Bürostandort liege die Fläche auch sehr weit vom Stadtzentrum entfernt. Wohnhäuser kämen auf dem Neckermann-Gelände schon gar nicht infrage, wegen der Nähe zum Chemie-Werk von Alessa mit seiner gefährlichen Produktion.

Die Gewerkschaften wollen es zur Zerschlagung des Unternehmens und Aufteilung der Grundstücke nicht kommen lassen. „Auf keinen Fall darf mit diesen Flächen spekuliert werden“, warnt DGB-Chef Fiedler. Wenn gar nichts anderes mehr helfe, müsse die Stadt Frankfurt die betroffenen Menschen unterstützen: mit Geld für Umschulungen und Qualifizierungen zum Beispiel. Neckermann: Das stand in den späten 50er Jahren auch für eine architektonische Ikone. Der berühmte Architekt Egon Eiermann entwarf den gewaltigen Hauptbau, der in den Jahren 1959/60 errichtet wurde. Nicht weniger als 257 Meter lang und 65 Meter breit ist das zentrale Gebäude des Versandhauses, damals in Rekordzeit verwirklicht.

Um das zu schaffen, wurden alle äußeren Bauelemente wie Trafostationen, Feuerlösch- und Wasserdruckbehälter erst nachträglich installiert. So konnten Baukräne an allen Seiten des Haupthauses ungehindert entlangfahren. Heute steht dieses Bauwerk nach dem Entwurf von Eiermann schon lange unter Denkmalschutz.

Mit dem Internet nicht Schritt gehalten

Mit dem modernen Gebäude kam damals der Werbe-Slogan, der von Frankfurt aus seinen Siegeszug über Deutschland hinaus antrat. „Neckermann macht’s möglich“ war Generationen ein Begriff und stand für den Optimismus der „Wirtschaftswunder“-Zeit. Es gab Tochterfirmen im europäischen Ausland, etwa in Belgien, auch „Neckermann und Reisen“ entstand.

Doch mit dem rasanten Vormarsch des Internets und dem technologischen Wandel im Versandhandel hielt Neckermann nicht Schritt, obwohl man sich ab dem Jahre 2006 demonstrativ neckermann.de GmbH nannte.
Josef Neckermann, als Sportler einer der erfolgreichsten Dressurreiter der Welt, hat die letzten Jahrzehnte des Niedergangs seiner Unternehmensgründung nicht mehr erlebt. Er erlag Anfang 1992 im Alter von knapp 80 Jahren einer Krebserkrankung.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum