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Nazi-Opfer in Frankfurt Steine der Erinnerung

In Frankfurt werden neue Gedenkwürfel für die Nazi-Opfer verlegt. 2017 plant die Initiative zudem eine Reise zu Angehörigen in Israel.

Den Opfern wieder einen Namen geben: Hier Heinrich Heps vor dem Haus Schmidtbornstraße 1 im Stadtteil Nied. Foto: peter-juelich.com

Die Verhandlung am Donnerstag vor dem Amtsgericht Frankfurt beschreibt Hartmut Schmidt mit einem Wort: „bizarr“. Es ist das erste Mal, dass ein Hausbesitzer in der Stadt vor Gericht geht, weil seine Liegenschaft öffentlich mit einem sogenannten „Stolperstein“ in Verbindung gebracht wird.

Die zehn Zentimeter großen quadratischen Betonwürfel mit einer Messingplatte auf der Oberseite erinnern an Menschen, die in der Zeit des nationalsozialistischen Terrorregimes verfolgt und ermordet wurden. Ihre Namen und ihre Lebensdaten sind eingraviert. Die Stolpersteine werden auf dem öffentlichen Gehweg in den Boden eingelassen, vor den Häusern, in denen die Opfer vor ihrer Deportation in die Todeslager zuletzt gewohnt haben. Es ist eine so einleuchtende Idee, dass man sich wundert, dass sie nicht bereits vor Jahrzehnten verwirklicht wurde. Doch der Besitzer eines Hauses an der Niederräder Landstraße wehrte sich schon 2013, als der Stolperstein verlegt wurde.

Der frühere Journalist Hartmut Schmidt führt seit Jahren die „Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main“. Er erinnert sich: „Der Hauseigentümer wollte schon keinen Stromanschluss zur Verfügung stellen, als die Arbeiten zur Verlegung waren.“ Sobald der Gedenkstein im Boden saß, habe der Mann ihn zugeklebt. Die Bürgerinitiative habe ihn wieder sichtbar gemacht. So sei es hin und her gegangen.

Vor Gericht wehrte der Besitzer sich dagegen, dass auf einer Internetplattform sein Haus mit dem Gedenken in Zusammenhang gebracht wurde. Er verlor den Prozess. Am Donnerstag entschied das Amtsgericht, dass er auch die Gerichtskosten von 900 Euro tragen muss – auch dagegen hatte der Eigentümer geklagt.

Nächste Aktion in Frankfurt

Am kommenden Sonntag, 27. November, steht in Frankfurt die nächste Aktion an. Vor sechs Häusern in den Stadtteilen Eschersheim, Heddernheim und Niederursel werden Stolpersteine verlegt (siehe Info-Box). Danach, um 17.30 Uhr, ist im „Cafe Mutz“ in Niederursel die Premiere eines neuen Buches geplant: „Stolpersteine in Frankfurt am Main“.

In akribischer Recherchearbeit haben der 74-jährige Hartmut Schmidt und andere zehn Rundgänge durch die Stadt entworfen, die zu vielen der mittlerweile 1150 Stolpersteine in Frankfurt führen. Zu jedem der Gedenksteine gibt es in dem beim Verlag Brandes&Apsel erschienenen Buch eine kleine Biografie der Personen, an die erinnert wird.

Es sind erschütternde Geschichten, die nur sehr selten gut ausgehen: Einigen wenigen der Opfer gelingt es, die Konzentrationslager zu überleben. Schon bei der ersten Frankfurter Aktion 2003 vor der Musterschule ist der Journalist Schmidt dabei, damals berichtet er für die Nachrichtenagentur epd. Heute ist der 74-jährige längst in Rente – aber das Thema hat ihn „nie mehr losgelassen“. So organisiert er mit anderen Aktivisten zweimal im Jahr Verlegungsaktionen – im Frühjahr und im Herbst.

Immer ist der Kölner Künstler Gunter Demnig dabei aktiv, der die Stolpersteine vor zwanzig Jahren erfunden hatte. Die Erinnerungsarbeit greift längst weit über Frankfurt hinaus. Etwa 400 der Stolpersteine in der Stadt, so Schmidt, wurden in Anwesenheit oder mit Wissen von Angehörigen der Opfer gesetzt. Sie reisen aus den USA an, aus Israel, aber auch aus vielen anderen Ländern – sie wollen miterleben, wenn an ihre Väter, Mütter, Brüder, Schwestern erinnert wird. Die Angehörigen sind es auch oft, die Patenschaften für die Steine übernehmen und so die Aktionen mit finanzieren. Eine Bildhauer-Werkstatt in Berlin, erzählt Schmidt, produziert inzwischen die Stolpersteine zentral für ganz Deutschland.

Es gibt sie mittlerweile in etwa 1200 deutschen Städten und Gemeinden. Künstler Gunter Demnig hebt hervor, dass mit den kleinen Gedenktafeln die Opfer der Anonymität entrissen werden: „Dadurch wird die Erinnerung an diesen Menschen in unseren Alltag geholt.“

Inzwischen liegen Stolpersteine in nicht weniger als 29 Frankfurter Stadtteilen. Das neu erschienene Buch wird zu einem bewegenden Gang durch den Alltag unter nationalsozialistischem Terror. Viele Zeitzeugenberichte sind eingestreut.

Etwa von der Räumung des jüdischen Pflegeheimes in der Rechneigrabenstraße im August und September 1942. Von dort wurden 166 Jüdinnen und Juden in die Konzentrationslager verschleppt. Einer der wenigen Überlebenden, Ferdinand Levi, erinnert sich, dass noch während des Abtransports gierige Nachbarn aufgetaucht seien, die um Möbelstücke schacherten: „Ihr kommt ja doch alle fort und dürft nichts mitnehmen.“

Vertreter der Initiative „Stolpersteine in Frankfurt“ wollen vom 22. Februar bis 2. März 2017 nach Israel reisen, um dort Nachkommen der Opfer zu treffen. Eine Ausstellung über die Frankfurter Gedenksteine ist geplant. Alles wird mit dem Geld der Mitglieder bezahlt.

Hartmut Schmidt und die anderen hoffen allerdings noch auf eine kleine finanzielle Unterstützung durch die Kommune: „Bisher lässt uns die Stadt leider hängen.“

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