Lade Inhalte...

Nationalsozialismus Frankfurt Die Bücher-Vernichtung

Am 10. Mai 1933 gingen überall in Deutschland Bücher in Flammen auf: Die Nazis machten der "Nation der Dichter und Denker" den Garaus. Auch auf dem Römerberg in Frankfurt wurden Hunderte von Werken verbrannt. Dort wird am Jahrestag an die Barbarei erinnert.

Die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten am 10. Mai 1933. Foto: dpa

Am 10. Mai 1933 gingen überall in Deutschland Bücher in Flammen auf: Die Nazis machten der "Nation der Dichter und Denker" den Garaus. Auch auf dem Römerberg in Frankfurt wurden Hunderte von Werken verbrannt. Dort wird am Jahrestag an die Barbarei erinnert.

Der jüdische Frankfurter Valentin Senger erlebt am 10. Mai 1933 auf dem Römerberg „eine Menge, die wie bei einer Volksbelustigung johlte und schrie“.

Oben am Fenster des Römers steht zur gleichen Zeit der Soziologe Paul Tillich und sieht „Züge von Fackelträgern aus den engen Straßen hervorquellen, eine unendliche Reihe in studentischen und Parteiuniformen“.

Es ist etwa 21 Uhr. Ein Ochsenkarren ist auf den Römerberg gerollt, voll beladen mit Büchern, begleitet von als Metzger verkleideten Studenten in weißen Schlachterschürzen. Eine Musikkapelle intoniert einen Trauermarsch. In kreisrundem Bogen verharrt die auf dem Platz versammelte Menschenmenge um ein aufloderndes Feuer, eine Feuerstätte zwischen Gerechtigkeitsbrunnen und Nikolaikirche.

Das Foto mit der riesigen Rauchwolke vor der Römerberg-Ostzeile wird am 12. Mai 1933 in den Frankfurter Nachrichten veröffentlicht. „Die akademische Jugend hatte einen Scheiterhaufen aufgerichtet“, berichtet die Zeitung, „und verbrannte marxistische und undeutsche Literatur“. „Ein flammendes Symbol!“ ruft das Blatt aus. Und ist sich sicher: „Der Vorgang im Dunkel eines regenfeuchten Abends … geht in die Geschichte Frankfurts ein.“

"Keine Systematik"

Auch „Ginster“, Siegfried Kracauers Roman, der in diesem April, beim Festival „Frankfurt liest ein Buch“, das Interesse vieler weckte, wird an jenem Maiabend in hohem Bogen ins Feuer geworfen. Verfasser Kracauer hält sich gerade in Paris auf, wo er Korrespondent seines Blattes, der Frankfurter Zeitung, werden soll. Seinen großen Roman „Ginster“ hatte die Zeitung noch vor ein paar Jahren besonders herausgestellt und vorabgedruckt. Jetzt, wo seine Bücher brennen, lässt sie den Kollegen Kracauer „fallen“, schreibt der Literaturwissenschaftler Wolfgang Schopf. Kracauer verliert den versprochenen Posten – aus politischen Gründen.

Die Bücher-Vernichtung jener Mainacht trifft Hunderte Schriftsteller. Für das Zerstörungswerk gibt es aber „keine Systematik“, sagt der Experte Lutz Becht vom Institut für Stadtgeschichte: „Was nicht gefiel, kam weg.“ Doch es gibt Namenslisten, nach denen die Werke aus Bibliotheken und Buchhandlungen beschlagnahmt werden. Überdies war mit der Aktion, diesem „Aufklärungsfeldzug wider den undeutschen Geist“, bereits seit dem 12. April 1933 zu rechnen. An jenem Tag meldet die Frankfurter Zeitung, dass in absehbarer Zeit „zersetzendes Schrifttum den Flammen überantwortet“ werde.

Ungeliebte Autoren ausschalten

Es war also eine konzertierte Aktion. Die „Feuersprüche“, die am Feuer mit verteilten Rollen gesprochen werden sollen, sind festgelegt und kursieren seit Mai in einem Rundschreiben: „Gegen Dekadenz und moralischen Verfall, für Zucht in Ehe und Familie!“ gibt das Rundschreiben etwa dem „2. Rufer“ vor: „Ich übergebe den Flammen die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner.“ Es waren neun solche „Rufer“ vorgesehen

Als Erstes trifft es die Autoren jüdischer Herkunft, Leute wie Siegfried Kracauer. In zweiter Linie will man „kritische, sozialistische, amerikanische und russische“ Autoren ausschalten, zählte jetzt zum Gedenktag Lisa Straßberger auf. Straßberger organisiert für die katholische Akademie Rabanus Maurus mit dem Institut für Stadtgeschichte sowie der Literatur-Lounge die Veranstaltung „Verbranntes Lesen“.

In Frankfurt sind die Namenslisten der verfolgten Autoren im Zweiten Weltkrieg untergegangen; darum ist unbekannt, welche hiesigen Literaten zu den verbrannten gehörten. Doch gibt es seit dem 75. Jahrestag der Bücherverbrennung im Georg Olms Verlag die „Bibliothek verbrannter Bücher“; aus Anlass des 80. Jahrestags „zum Vorzugspreis“. Zehn Bände sind erschienen. 120 Exemplare der im Feuer vernichteten Literatur hat der Verlag zum Nachdrucken ausgesucht.

Emil blieb verschont

Es ist unbekannt, wie viele Werke seit damals für immer verloren und vergessen sind, das kann man nur schätzen. So viele Texte und Geschichten wie möglich wollen die Veranstalter zum Jahrestag lebendig werden lassen.

Sie haben Antiquariate abgegrast und Bücherspenden von Verlagen bekommen. Die Teilnehmer werden die Bücher nach der Eröffnungsveranstaltung im Hauptbahnhof dahin zurückbringen, wo sie zum Schweigen gebracht werden sollten. Bis in den Abend will man daraus vorlesen, am Römer und im Haus am Dom.

Man wird dabei auf Heinrich Mann treffen, aber nicht auf Thomas Mann, den berühmteren Bruder. Man wird dem Schriftsteller Erich Kästner begegnen – und dabei erfahren, dass „Emil und die Detektive“ verschont blieben. Für Lutz Becht ist es „erstaunlich, welche Schriften nicht dabei waren“.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen