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Nationalsozialismus Auf den Spuren der NS-Opfer

Nachfahren jüdischer Frankfurter führen Zeitzeugengespräche mit Schülern. Sie wollen aufklären und die Erinnerung wachhalten.

23.05.2016 16:54
Laura Henkel
Persönliche Geschichte: Nachfahren jüdischer ehemaliger Frankfurter in der Lichtigfeldschule im Philanthropin. Foto: Boeckheler

„Wir leben nicht in der Vergangenheit, aber wir wollen über sie lernen“, erklärte Steve Novins am vergangenen Montag der Klasse 9a der Lichtigfeldschule. Der Kalifornier besuchte mit seinem Bruder Mark und dessen Sohn Trevor eine Woche lang Frankfurt, um auf den Spuren seines Großvaters Emil Stelzer zu wandeln, der 1944 Opfer des Holocaust geworden war.

Der Verein „Projekt jüdisches Leben in Frankfurt“ lädt gemeinsam mit dem Besuchsprogramm der Stadt jedes Jahr Nachfahren von ehemaligen jüdischen Frankfurter Bürgern ein. Die Gäste erhalten vor Ort Unterstützung bei Recherchearbeiten und werden zu den Herkunftsorten ihrer Eltern und Großeltern begleitet. Ein wichtiger Bestandteil des Programms sind auch Zeitzeugengespräche: Die diesjährigen Teilnehmer besuchten dazu Klassen verschiedener Frankfurter Schulen.

Steve und Mark Novins erzählen von ihrem Großvater Emil Stelzer, der nach der Machtübernahme Hitlers einige Jahre als Sportlehrer an der Lichtigfeldschule gearbeitet hatte. Der Frankfurter war bei seiner Hochzeit zum jüdischen Glauben übergetreten.

„Die Nationalsozialisten haben ihn erst ins Visier genommen, als er mit jüdischen Lebensmittelkarten bezahlte“, erläutert Steve. Stelzer war 1943 ins Konzentrationslager Buchenwald, seine Ehefrau nach Auschwitz deportiert worden. Beide verstarben im darauffolgenden Jahr.

„Wir wussten bis zu unserem Besuch in Frankfurt wenig über die Lebensgeschichte unseres Großvaters“, erklärt Steve. Sein Bruder und er sind in den USA aufgewachsen, im Herkunftsland ihres Großvaters väterlicherseits.

Besuche von Orten wie der Lichtigfeldschule, des ehemaligen Wohnhauses der Großeltern, der Bildungsstätte Anne Frank und des alten Jüdischen Friedhofs hätten ihnen dabei geholfen, die geschichtlichen Hintergründe besser zu verstehen und sich das Leben der Stelzers vorzustellen.

„Die Woche war eine emotionale Achterbahnfahrt“, fasst Mark ihren Aufenthalt in Frankfurt zusammen. Die Schüler der 9a stellten am Montag viele Fragen an die drei Besucher. „Einige von uns hatten selbst Großeltern, die im Holocaust umgekommen sind“, erzählt Schülerin Eliana. Nachdem die Klasse sich mit dem US-amerikanischen Besuch über die Lebensgeschichten ihrer jüdischen Vorfahren und eigene Erfahrungen ausgetauscht hat, kommt sie bald auf die Gegenwart zu sprechen. Die drei Gäste erzählen von ihrem Leben in Kalifornien, der amerikanischen Politik. Trevor und seine Altersgenossen vergleichen den Geschichtsunterricht in ihren Schulen.

Es ist, wie Steve zu Beginn des Zeitzeugengesprächs deutlich gemacht hat: Durch das Treffen lernen die Gäste und die Schüler gemeinsam über die Vergangenheit ihrer Vorfahren, ohne den Bezug zur Gegenwart zu verlieren.

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